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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-02-21 · Heft 8 (21.2.1919) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 8 (21.2.1919)
Date
1919-02-21
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Sinne ein Exekutivorgan zu schaffen, zu dessen Mitgliedern auch das Präsidium zählen soll. Die vielversprechende Propagandaaktion in der Palästinafrage hat bereits mit großer Agilität eingesetzt. — Ter israelitische Landesverein für Patronage hielt in der zweiten Tezemberhälfte unter dem Vorsitze des Präsidenten, Franz S 316 f e X t) und des Rabbiners Dr. Simon Hevesi eine Herbstausschußsitzung,'in der Direktor Max F a y einen instruktiven Bericht über die Tätigkeit des Vereins in den letzten Monaten erstattete. Demnach hielt der Patronageverein in Balassagharmat und Monor je ein Kriegswaisenbaus aufrecht, in denen insgesamt 35 Kriegswaisen vollständige musterhafte Erziehung und Verpflegung genossen und überdies 127 solche Kriegswaisen versorgt und ständiger Unterstützungen teilhaft wurden, die in der Umgebung ihrer Familienangehörigen belassen waren. Außer für diese Kriegswaisen trugder Verein auch noch für 275 Kinder Fürsorge. die durch die Einrückung oder durch die Invalidität ihrer Väter verlassen waren und die so lange unterstützt werden, bis ihre Väter zu einem bürgerlichen Erwerbe gelangen. Im Vereine mit den staatlichen Kinderasylen sorgt der Patronageverein für 2100 jüdische Kinder, unter denen sich 870 schulpflichtige Kinder befinden. Im Rahmen der Gerichtspatronage hat der Verein 640 Jugendlichen seinen Schutz angedeihen lasten. Die Ausgaben beliefen sich im abaelaufenen Jahre auf über 40 000 Kronen. Zur Aufrechterhaltung dieses eine echt jüdische humanitäre Tätigkeit entfaltenden Vereines dienen die aus allen Kreisen der jüdischen Gesellschaft herrührenden Stiftungen und die Tempelspenden: so wurden an den hohen Feiertagen in den Gotteshäusern der Bester israelitischen Religftmsgemeinde nahezu 52 000 Kronen für diese Zwecke gespendet. Von Mah und Lern. --- Ter Zivilprozeß- und Strasrechtslehrer der Universität Berlin, a. 0. Professor Dr. jur. James Gold schm i dt, hat nunmehr die Ernennung zum Ordinarius in der Berliner Juristenfakultät erhalten. Professor Goldschmidt ist stellvertretender ge'chästs führen der Direktor des Kriminalistischen Instituts der Friedrich - Wilhelms - Universität. — Professor Tr. Louis Lew in wurde zum ordentlichen Honorarprofessor ftir Pharmakologie an der Technischen Hochschule in Eharlottenbur'g ernannt. - Eine Trauerfeier für den Seniorchef' der Firma Herrmann Gerson. Geh. Kommerzienrat Philipp Freudenberg. fand am 14. d. M. mittags Sinter zahlreicher Beteiligung! in Weißensee statt. Es wirren fast alle führenden Firmen der Seiden- und Mauusakturivarenbrancke sowie die Warenhäuser durch ihre Chefs oder Prokuristen vertreten. Tie Angestellten der Firma Gerson inareu vollzählig erschienen. Ein Synagogenchor eröffnete den Trauerakt durch' Gesang, worauf Rabbiner Dr. Warschauer die Gedächtnisrede hielt. In Anschluß daran erfo'lgte die Beisetzung im Erbbegräbnis. —- Ans Posen wird uns geschrieben: Wie bekannt, hat -Herr Rudolf P e t e r s d 0 r f f das von ihim seit vielen Jahren inneaehabte Geschäft au 'nne Aktiengesellschaft verkauft. Bei seiner Heberst edelung nach Breslau verabschiedete er sich von allen Bewohnern Posens u. a. mit folgendem: „Meine Wünsche für Posen fasse ich in einem Gebet zu Gott dem Allmächtigen zusammen, er möchte den Bewohnern meiner Vaterstadt die Erleuchtung geben und erhalten, daß nur durch Eintracht und Frieden das Gedeihen der Stadt und der Provinz möglich ist, und daß alle Bewohner, ob- Deutsche oder Polen, stets des Wortes eingedenk bleiben: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" - Unter großer Anteilnahme wurde in Wreschen die verwitwete Frau Nosäl'ie Rieß, geb. Kuttner. eine der ältesten Perftmen der Stadt, zu Grabe getragen. Herr Gemeinderabbiner Dr. L e w i n hielt die Trauerrede, in welcher er die Heimgegangene als Müller einer aottesft'krchtigen Frau schilderte. Sie habe durch eine weise Erziehung ihrer Kinder sich ein ewiges Denkmal gesetzt. — In Breslau verstarb am 5. d. M. plötzlich Herr Rentier Louis B r p im Alter von 75 Jahren. Er stammte aus sehr frommem Hause in Schlämm, lebte 'bis 1906 in Gnesen, Ivo er sich als Kaufmann die größte Wertschätzung bis weit über die Provinz hinaus erwarb. Den Traditionen seines Elternhauses folgend, hielt er sein großes Unternehmen am Sabbat und den Feiertagen streng geschloffen. Auch in Breslau betätigte er sich zum Wöhle der Menschheit. So wurde er eifriger Mitarbeiter im Vorstand des Jüdischen Herbergs- und Durchwanderervereins, in dem er segensreich gewirkt hat. Ein großer Freundeskreis betrauert seinen Heimgang. — Aus Rybnik (O.-S.) wird uns geschrieben: In der letzten Sitzung des hiesigen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur hielt unser Vorsitzender, Herr Rabbiner Dr. Arthur Rosen thal, einen Vortrag über das Thema: „Moses — Jesus — Mohammed." — Aus Kofel (O.-S.) wird uns berichtet: Eine BegrüßmMfeier für die heimgekehrten Krieger vereinigte unsere Gemeinde am letzten Sabbat in der Synagoge. Rabbiner Dr. Diene mann aus Ratibor, der hier anwesend war. hielt während des Gottesdienstes in der Synagoge eine Feier für die aus dem Felde zurückgekehrten Krieger ab. Vorher wurde eine Religionsprüfung der Schüler und SchMerinnen abgehalten. Am Abend vereinigten' sich die Familien mit ihren Angehörigen' im Hotel „Zum Deutschen Hause" zu einem geselligen Beifammeusem, bei dein Herr Dr. Diene mann einen Vortrag hielt. — In Leipzig-Lindenau hat der Verein für Familiem und VoM-erziehung ein Kinderheim gegründet, das zur Ehrung von Frau Dr. Henriette Gold sch mi dt, die 1871 den Verein ins Leben ries und die jüngst ihr 93. Lebensjahr vollendete, den Namen „Henriette-Goldschlniidtz-Kiniderheim" erhielt. —- Die „Kölnische Volkszeitung" schreibt: „Erfreulich ist, daß da,s gläubige J>udentum mit Nachdruck beid>er Neulgeistaltung der Dinge d>ie religiöse Erziehung seiner Jugend sichergiefftellt sehen will. Und wenn Rabbiner Dr. Scheftelo Witz bekannte, daß er zur Zentrumspartei, an deren Spitze der ehrliche -und aufrechte Demokrat T r i m b 0 r n siehe, das Vertrauen habe, daß sie diese Forderimg zu der ihren mache, so hat er sich nicht getäuscht. Wie das Zentrumin 'der Vergangen,heit als Versastungspartei für den Schutz - der religiösen J-ntereffen aller Bekenntnisse, auch des Judentums — -es sei hier mir an die Schächtfrage erinnert —, eingetreten ist, so wird sie auch in der Zukunft ihren Grundsätzen getreu handeln, um so mehr, als sie die religiöse Erziehung der Jugend als die erste Bedingung für die Gesundung und Erhaltung des gesamten Staatslebens betrachtet." — Im Wiener Stadtrat wurde auf Antrag des fozialistischen Vizebürgermeillers beschlossen, eine Warnung vor dem Zuzug von ostjüdischen Pogrom- Flüchtlingen zu erlassen, die irnunterbrockxen aus den polnischen rlnd tschechischen Gebieten heranströmen. Von Reprefsivmaßregeln wurde, entgegen den dringenden Anträgen der Antisemiten, vorläufig abgesehen. — lieber Budapest wird aus Rumänien gemeldet: B r a t i a n u empfing die Führer der rumä«nischen Judenbewegung und drohte ihnen, sie ins Zuichthaus zu stecken, falls sie ihre Agitation für die Gleichberechtigung der Juden nicht einstellen. — Bei der diesiäbrigen Inskription an der Krakauer Universität hat di>e Univ-ersitätsbehörde vrinzipiell aus je 100 christliche Hörer nur 5 Juden ausgenomwen, also eine besondere Prozentnorm für die Juden aufgestellt. — Der Londoner Korrespondent des Jüdischen Preßbureaus in Stockholm meldet: Ans zuverlässiger Quelle -erfahre ick. daß in den politischen Kreisen der Friedenskonferenz sehr ernst die Frage erwogen wird, wie und nach welchen Prinzipien die Judenfraae gelöst werden soll. Dabei wird auch die Form einer Organisation diskutiert, welche die Beobachtung der von der Konferenz akzeptierten Formen und Prinzipien seitens der in Betracht kommenden Mächte zur Aufgabe hat. Dem Friedenskongreß wird ein Vorschlag unterbreitet werden, welcher die Schaffung eines internationalen Tribunals oder Rates znm Inhalt bat. der jede Frage, die mit jüdischen Angelegenheiten in Verbindung steht, entscheiden soll. Dieses Tribunal soll -dem Völkerbund angeschloffen werden und seiner Kontrolle unterstehen. —- „Lchomme lib-re" (Organ Elemenc-eaus) berichtet: Als Vertreter Litauens fungiert bei der Friedenskonferenz der Unterstaatssekretär Tr. R 0 s e n b a u m , der besonders hervorhob, daß im litauischen Staatswesen vier Nationen gleichberechtigt nebeneinander leben und daß die Weißrussen, Litauer, Juden und Polen weiteste nationale Autonomie genießen. Auf diesen Gebieten wären keine Konflikte zu befürchten. —- Der Warschauer „Kurver Polski" schreibt: In den von beu ' Bolschewisten eroberten Städten und Städtchen Litauens wird die ganze Bevölkerung, Polen und Juden, ohne jeden Unterschied der Nationalität und Konfession vergewaltigt. Diese Meldung einer Zeitung, die dem Judentum ebenso fernsteht wie dem Bolschewismus, wirst ein charakteristisches Licht auf die Wahrhaftigkeit der antisemitischen Meldungen der Polnischen Telegraphenagentur über das Verhältnis der Juden in Litauen zu den Bolschewisten. — Die größte Judenstadt, die es jemals gegeben hat, ist New Port mit 1 350 000 Juden. Von ihnen spricht ungefähr eine Million den jüd-iisch-'deut'schen Jargon als Muttersprache. und jüdische Zeitungen in dieser Sprache haben etwa 600 000 Leser. Nichtsdestoweniger verlangt der Deutschenhaß der Amerikaner, daß diese Sprache vollständig unterdrückt werde, da sie hauptsächlich deutsche Worte enthalte. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastrahe 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Mar Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Masse.

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