Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 unseren Glaubensgenossen aber erwarten und fordern wir, daß sie auch unter den veränderten Verhältnissen dem angestammten Glaulen die alte Treue wahren und eisrigst sich in den Kultusgemeinden betätigen, daß sie ihre Kinder 31t religiösem Leben, in Gottesfurcht und Sittlichkeit, in Vaterlands- und Nächstenliebe erziehen und ihnen zu diesem Behufe während der gesamten Schulzeit ausreichenden religiösen Unterricht zu kommen lassen; endlich, daß sie allesamt, alt und jung, Männer und grauen, die hohen Ideale des Judentums, zugleich seine m esst an i Wen Ziele für die gesamte Menschheit, ,,Gotteserkenntnis, Menschenliebe und Frieden", durch Bekenntnis und Leben zu verwirklichen suchen: dem Vaterlande zum Heile, der Menschheit zum Segen, Israel zur Ehre. Schwki-». T/D Zürich, im Januar. Die Misracknbewegung in der Schweiz ist erst zu Beninn des vierten Krieasjahres wieder zu neuem tätigen Leben erwacht. Der Tag jährt sich, an dem in Zürich zuerst eine kleine Misrackügruppe gegründet wurde, die unter tatkräftiger und zielbewußter Leitung in wenigen Wochen über hundert Mitglieder gewann. Bald wurden auch in Basel und Luzern Ortsgruppen ins Leben gerufen, -di-e beute, mit Zürich zu einem M i s r a ch i v e r b a n d vereinigt, einen bedeutsamen Faktor im jüdischen Leben der Schweiz bilden. Die gewaltige politische Umwälzung der Weltlage ließ den Misrachigedanken in allen Ländern der Welt neu aufleben. Die so geschaffene Situation forderte kategorisch eine Zentrale, von der aus die Veränderungen und Bewegungen innerhalb des nationalen, gesetzestreuen Judentums beobachtet und der breiten Oefsentlichkeit kundgegeben werden konnten. Die Misrachivereine der Schweiz haben diesem Bedürfnis entsprochen, indem sie vor einigen Tagen die erste Nummer einer „Misrackikorrespondenz" Herausgaben. Die Nummer enthält Mitteilungen aus allen Ländern und bildet eine erfreuliche Möglichkeit, den großen Aufschwung der Misrachi zu verfolgen. Die Leitung des Korresvondenzbureaus steht in engem Kontakt mit sämtlichen großen jüdischen Organisationen der Welt und wird sich außer mit der Herausgabe der „Misrachikorrespondenz" mit allen die Misrachi interessierenden Angelegenheiten befassen. Anfragen sind zu richten an „Misrachikorrespondenzbureau", Zürich, Postfach 345. Von Sah und ffrrn. — Die L e h r a n st a l t f ü r d i e Wissenschaft des I u d e n t u m s veranstaltet am Sonntag, den 16. d. M., um 11X» Uhr vormittags, in ihrer Aula eine Gedenkfeier für die während des Krieges verstorbenen Kuratoren und im Felde gefallenen Hörer. — In der Nacht zum vergangenen Sabbat brachen Diebe in die Svnagoge in der Fasanenstraße in Charlottenburg ein. Die Einbrecher lösten die beiden Motoren im Werte von etwa 15 000 Mark aus der Warmwasserleitung und versuchten den Tresor aufzubrechen, in dem sich die Thorarollen usw. befanden. Das Vorhaben gelang den Dieben nicht, sie beschädigten indessen das Schloß derartig, daß der Tresor vorläufig nicht zu öffnen ist. Vor einiger Zeit wurde die. Svnagoge gleichfalls von Einbrechern heimgesucht, die den Inhalt der Armenkasse stahlen. — Zum 25iährigen Bestehen des Vereins für Kindervolksküchen und Kindervolkshorte hatten sich kürzlich seine Freunde und treue Gefolgschaft im Marmorsaal des Zoo versammelt. Der festlich geschmückte Raum war bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Begründer der Organisation, Herr Hermann Abraham, gab in seiner Ansprache der Genugtuung darüber Ausdruck, daß das menschenfreundliche Werk in der Gunst der Berliner Bevölkerung fest verankert sei. Ein ausgiebiges musikalisch-deklamatorisches Programm mit Tänzen und Kinderchören verschönte die Feier. — Unter dem Titel „Volk und Land" erscheint im Welt-Verlag, Berlin W 35, eine neue „jüdische Wochenschrift für Politik, Wirtschaft und Palästinaarbeit". Die Zeitschrift will, wie sie in ihrem Programmartikel sagt, den Wiedereintritt der Juden in die Weltgeschichte in ernster Mitarbeit begleiten. In ihr sollen „Volk und Land" — d. h. die gesamte jüdische Welt und ihre großen Wender- und Siedelungsbewegungen in Palästina und anderwärts —- behandelt werden. Herausgeber der Zeitschrift ist Herr Davis Trietsch. — Geheimer Kommerzienrat Philipp Frendenberg, der in weiten Kreisen geschützte Seniorchef der Firma Herrmann Gerson, ist in Berlin im 86. Lebensjahre gestorben. - Eine F r i e d e n s st i f t u n g ist in Landsberg a. d. W. durch ein jüdisches Komitee begründet worden. Die Stiftung, für welche bereits 20 000 Mark gezeichnet worden sind, soll die durch den Krieg hervorgerufenen Notstände lindern und besonders für Witwen und Waisen von Kriegshmterbliebenen eintreten.— Aus Halle a. d. S. wird uns geschrieben: Am 26. Januar verschied hier im 74. Lebensjahre Herr Rudolf Sachs. Beinahe vier Jahrzehnte hat der Verstorbene im Ehrendienste unserer Gemeinde gestanden, erst als Repräsentant, dann als Vorstandsmitglied. Als solches hat er sich ganz besonders um den Ausbau und die Erweiterung unserer Synagoge verdient gemacht. Durch sein unermüdliches Wirken für das Wohl der Gemeinde hat er sich die Wertschätzung der Gemeindemitglieder, durch seine lauteren Charaktereigenschaften die Achtung und Zuneigung weitester Kreise erworben. — Der Rat am Landgericht Nürnberg, Oberlandesgerichtsrat S i> l b e r s ch m i d t, wurde zum 1. Staatsanwalt beim Landgericht Schweinfurt befördert, der 2. Staatsanwalt beim Landgericht Nürnberg, Dr. R 0 s e n w a l d auf die Stelle eines Rates an diesem Gericht versetzt. — In Groß- Gerau wurde, da der Bürgermeister infolge hohen Alters von seinem Amte zurückgetreten ist, Herr Fabrikant Heinrich Hirsch, seither unbesoldeter Beigeordneter, zum stellvertretenden Bürgermeister ehrenamtlich ernannt. Dies ist gewiß ein Zeichen der Wertschätzung, welche der Genannte bei seinen Mitbürgern genießt, und ein Beweis der Eintracht und des friedlichen Nebeneinanderlebens der verschiedenen Konfessionen daselbst. — Wie uns die Freie Vereinigung für die Interessen des ortbodvren Judentums E. D., Frankfurt a. M.. mitteilt, ist sie bereit, an Kriegsge sauge ne jüdischer Angehöriger M a z z 0 t h u n b K 0 n s c r D e n zum bevorstehenden Pessachfeste zu versenden. Wegen der Bedingungen wolle man sich unmittelbar an das Bureau der Freien Vereinigung, Frankfurt er. M., Schüßenstraß? 14. wenden. — In Mannheim fanden E r g ä n z u n g s w a h l e n zur Jüdischen Gemeind e statt. Zum Mitgliede des Synagogenrates wurde Dipl.-Jng. Otto Rötber gewählt. In die Gemeindevertretung wurde Privatier Israel Aberle bei den letzten Ergänzunaswahlen delegiert. — Das Jüdische Korrespondenzbureau in Bern-Zürich meldet: Die Ansicht, die wir bereits ausspracken, daß die aus Warschau verbreiteten Berichte über schwere Pogrome in B e r d i t s ck e w unb Schit 0 - in t r falsch seien, bestätigt sich. Dem Ukrainischen Bureau in Lausanne wurde auf feine durch uns veranlaßte Anfrage nach dem Sachverhalt ans Kiew telegraphiert: „Die Warschauer Berichte über den angeblichen Judenpogrom in Berditschew sind frei erfunden. Es ist tatsächlich nichts vorgekommen."— Auf einer Zusammenkunft aller indischen Gemeinden Bulgariens besprach man die Lage der jüdischen Bevölkerung und beschloß, eine energische Aktion in der Frage der Emigration nach Palästina durchzuführen. Jeder bulgarische Jude, der nach Palästina geben will, erhält von seiner Gemeinde Mittel zur Deckung der Reisekosten und eine gewisse Summe zum Ankauf von Land in Palästina. Für diesen Zweck soll bereits ein größerer Fonds gesammelt worden lein. — Aus Warschau wird berichtet: Es werden jetzt die ersten Ergebnisse der Wahlen zur polnischen konstituierenden Nationalversammlung bekannt. Hiernach sind bisher acht Juden aewäblt worden, die sämtlich den zionistischen und nationalistischen Parteien an gehören. Vertreter der Assimilanten sind nicht gewählt worden. Von den Kandidaten sei erwähnt der Rabbiner Dr. Onies Thon aus Krakau, der mit zwölftaufend Stimmen gegen den früheren jüdischen Abgeordneten Dr. Groß siegte, der nur zweitausend Stimmen erhielt. Ferner wurden gewählt: in Warschau der zionistische Führer Rechtsanwalt Dr. Grünbaum sowie zwei Vertreter der Volksgruppe; in Lodz Dr. Rosenblatt. — In Lodz schloß sich eine Gruppe jüdischer Großindustrieller zusammen, um eine Aktiengesellschaft mit 10 Millionnen Mark Grundkapital zu gründen, die in Palästina eine große Weberei, Spinnerei und Appretur errichten soll. Die jüdischen Fabrikanten in Lodz sind der Ueberzeugung, Palästina könne leicht ein Zentrum der Manusakturindustrie werden, mit Absatzmöglichkeiten im Orient und auf dem Balkan. Die Initiatoren dieser Idee sandten einen Delegierten nach Warschau, um dort mit dem Zionistischen Zentralkomitee sür Polen die Angelegenheit zu beraten. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 38. Verantwortlich fiir den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Nenkvlsn. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.