Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1919)
- Date
- 1919-01-24
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229395--74629-3287089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 in ein Gotteshaus verwandelt; von der Tiefe der blutigen Pogrome sind wir auf Sinais Höhen gelangt. Sein Schlußgebet klang in einem „Jißkor" aus, welches von der ganzen Versammlung stehend angehört wurde. Die Leitung des eindrucksvollen und nachhaltig wirkenden Abends lag in den bewährten Händen des Schriftstellers?)ork-Steiner. Oolen. z. Warschau, im Januar. Das hier erscheinende jiddische Tageblatt „Moment" schildert, wie folgt, die ungewöhnlich imponierende Trauerfeier, mit der die größte Jndengemeinde Europas das Andenken chrer ermordeten Lemberger Glaubensaenossen geehrt hat: „In allen Spna^oaen wurden Trmreraottesdienste abaebglten lind außer der Prediat einzelne Abschnitte der Psalmen und nuS den . Sl^chot" voraelesen. Wer von den Juden mrr konnte, saftete. Besonderen Eindruck machten die .Seelenkerzen", die Betenden mit sich gebracht hatten. Alle jüdischen beschatte waren geschlossen. In den Schaufenstern waren die jüdischen Wappen schwarz umflort und in vielen hinaen Plakate mit der Aufschrift: „Ewel Gadol Laj'budim" (Große Trauer der Juden). Sogar Geschäfte, die m\ Verföhnungstaae stets ihre Läden offen halten, waren diesmal geschloffen. Das jüdische Viertel war den ganzen Vormittag wie ausaestorben, da die ganze Bevölkerung sich in den Synagogen befand. Rinaplatz und Markthallen waren leer. Die Zauern mußten die meisten der mitaebrachten Viktualien wieder heim- Mren. Die Synagogen konnten die Massen nicht fasten, io daß sich "ber Tausende auf den Plätzen vor den Synagoaen ansammelten, besonders feierlich war der Gottesdienst in der Synaaoae auf der ^lomazkastraße. Beim Trnuer-aotchesdienst waren Justizminister Stupinski, Referent der politischen Anaeleaenheiten Skapski. General B a b i a n s k i, Ingenieur Wieckowski und Gemeinderat Advokat Patek ^anwesend. 20 000 Juden, die vor der Svnagoge versammelt waren, nahmen eine von den „Zsire Zion" voraelegte Resolution an. die den Lemberaer Pogrom als Werk der schwärzesten polnischen Reaktion hinstellt und an dem das polnische Proletariat keinen Anteil habe. Die Resolution verlangt von der polnischen Volksrepublik: „1. Durchführung einer gerechten und unparteiischen Untersuchung: 2. Bestrafung aller direkt und indirekt Schuldigen: 3. Durchführung einer Hilfsaktion aus Staatsmitteln durch Ueberweisung entsprechender Summen an den Jüdischen Nationalrat in Krakau: 4. Entsprechende Vorkehrungen zwecks Vermeidung knnsti.ger Ausschreitungen gegen Freiheit und Sicherheit sowohl einzelner als auch gesellschaftlicher und nationaler Schichten in der wiedererstandenen polnischen Republik." Aehnliche Volksversammlungen fanden auch vor vielen anderen Synagogen statt, bei denen alle jüdischen Parteien vertreten waren. Abends fanden in den Theatern Versammlungen statt. Jüdische Theater und Kinos waren geschloffen; Oper und Stadttheater spielten vor leeren Bänken, j Auf die Börse war kein einziger Jude gekommen. Es kam dort zu keiner Transaktion. Von Sah und Fern. — Infolge der außerordentlich ungünstigen Zeitverhältnisse konnte die für den Herbst 1918 in Aussicht genommene Eröffnung der „F r e re n j ü bischen V o l k s h och schule, Berlin" nicht erfolgen. Sie wird zugleich mit dem Lehrbetrieb Anfang Februar stattfinden. Tie Anstalt ist wie erinnerlich — von Vertretern großer jüdischer Organisationen aller religiösen und politischen Richtungen gegründet und hat den Zweck, Wissen von Juden und Judentum in alle Kreise dergebildeten jüdischen Bevölkerung zu tragen. Sie beruht auf vollständiger Lehr- und Lernfreiheit. Jede wissenschaftlich vorgetragene Ansicht soll zu Worte-kommen können. Der Lehrbetrieb besteht aus Zyklen und seminaristischen Hebungen. Namhafte Vertreter der jüdischen Wissenschaft haben sich der Anstalt zrlr Verfügung gestellt. Näheres im Bureau, Belle-Alliance-Platz >3. — Das an der Universität Frankfurt a. M. neu errichtete Ordinariat für Soziologie ist dem bekannten Gesellschaftsforscher Professor Dr.' med. . et Phil. Franz Oppenheimer, Privatdozenten an bet Universität Berlin, übertragen worden. Oppenheim et, 18 6 6als Sohn des verstorbenen Predigers der Jüdischen Resormgeineinde Dr. Julius Oppenheimer in Berlin geboren', übte zuerst in Berlin zehn Jahre lang die ärztliche Praxis aus, die er 1896 aufgab, um. sich ganz nationalökonomischen und soziologischen Studien zu widmen. Im Februar 1908 promovierte er in Kiel,zum Dr. pM. und habilitierte sich Ostern 1909 in Berlin für Nationalökonomie. Während des Krieges war Oppenheimer als Hilfsarbeiter im preußischen Kriegsministerium tätig. 1917 erhielt er das Prädikat Professor.— Die von Herrn Moritz Iacoby in Berlin der Jüdischen Gemeinde gemachte Stiftung von 20 000 Mark, deren Zinsen für wohltätige Zwecke bestimmt sind, führt nicht, wie in unserem in Nr. 1 laufenden Jahrganges erschienenen Bericht über die letzte Repräsentantenversammlung irrtümlich angegeben ist, den Namen Moritz-und- Mathilde-, sondern Moritz-und-Mavtha-Jacobh-Stiftung. — Eine Trauerseier für den während der Straßen kämpfe ums Leben gekommenen Leiter der Kriminalabteilung des Charlottenburger Sicherheitsdienstes, Dr. Licht, fand am 17. Januar auf dem Friedhof zu Weißensee statt. Rabbiner Dr. Blumenthal hielt die Trauerrede. Stadtverordneter W i l k widmete in Vertretung, des Polizeivräsidenten Richter dem Verstorbenen einen Nachruf. Den Ehrensalut feuerte eine Kompagnie des Charlottenburger Sicherhei'tsdienstes ab.— Ihren 90. Geburtstaa begeht am 26. Januar in geistiger Frische Iran Ernstine Ki. rchheim, aeb. Klein, Neue Königstraße 22. — Das Je st der silbernen Hochzeit begeht am 28.' Januar' Oberposts^asfner Ja-el Paul Ki rchheim mit seiner Drau Jenuv, geb. Wolffsky, Blankenseldestraße 2. — In Harburg (Elbe) verschied im Alter von- 71 Jahren der erste Vorsteher der Gemeinde, Herr Bankier David L evy. — Aus Elberfeld wird uns geschrieben: Am i. Januar waren 26 Jahre verflossen. seitdem die Herren Max Daniel, Emil Im n a m a n n und Hugo Iacobh der Vertretung der Elberselder Svnaaogengemeinde an gehören. Aus diesem Anlaß wurden ihnen von der aenannteu Körperschaft in Würdigung ihrer Ber^enst<> mrr das Wohl N?r Gemeinde künstlerich' ausaeftattete Adresten überreicht. — Aus Hörde wird uns geschrieben: Am 0 Januar vollendete unser erster Borsißender des Vorstandes der Rentner L. Strauß, seinen 80. Geburtstaa in geistiger und körperliche Irische. S^teus der Vorstandes, der Behörden, der Vereine und aus der Bürgerschaft find ihm unzählige Ehrungen znaeaauaen: auch der Jsraeli'tische Jr-mrenverein, dern der Jubilar 60 Jahre lang als Schriftwart und Leiter voraestcmden hat, brachte ibm zahlreiche Ehrunaen entaeaen — Nach kurzer, schwerer Krankheit ist Georg 1. Vlotke, der Dramaturg der Frankfurter städtischen Bühnen, verschieden. — Am 31. Dezerube^- starb in Karlsruhe die Gattin des Stadtrabbi nerK Dr. A v p e l. Frmt Anna, A v v e l , geb. Willst ätter , nach längerem Leiden i:u 66. Lebensiabr-e. Die groß^ Bet^sl7c7.na.a IW der Bestatt.!lnasWer lotulo pie allaemeine. denr Gatten derr Söhm^ enta^l7i0Ni,-r,l>Vrachte Teilnahme bekennten. w^lchpr Vonchruna und Ltch" Nch hip Verblichene frj i'hi-eni Wirk'U n askr e^8 als R^hhinerin als Wohltäterin nnd §Wsema aller Bedrückten ertreut hatte. — Die Jüdische Vreßzentrale Zürich erhielt nachstehendes Tlga^raurn-'- Hnvsmans i'ber'^ii-telte d<m sozialdemokratischen zionistiscke^ Arhpi^ruarW Paale Zion die Einladung, zur internationalen Sozialistenkonferenz in Bern eine Delegation zu entsenden. — Eine größere Anzahl palästinensischer Juden, die von den türkischen Behörden vor dem Rückzug der türkischen Truppen nach Damaskus ausgewiesen worden waren, ist tetst mit Unterstüßung der englischen Behörden nach Palästina zurückgekehrt. — Das Jüdische Korrespondenzbureau Bern-Zürich berichtet nach einer Meldung des New Porter „New Herold" vom 2. Januar: Die aus Frankreich zurückberufenen jüdischen Soldaten Amerikas sollen nach Palästina gesandt werden, um dort Polizeidi.east zu verrichten. Die iüdische Milstarpolizei kür Palästina 'ählt bereits mehr als 10 000 Mann. Das britische Kriegsministerium fordert ebenfalls jüdische Soldaten auf, sich für diesen Dienst freiwillig zu melden. — Der englische Botschafter beiden Bereinigten Staaten Lord R e a d i n g (Sir Rufus I s a a c s) umrde als -einer der englischen Delegierten zum Friedenskonaraß bestellt. -- Das Kopenhagener Zionistische Bureau berichtet: Die iüdischeu Hilfskonritees in Amerika haben beschlossen, in einigen Wochen fünf Millionen Dollar für die iüdischeu Kriegsopfer in Osteuropa und Palästina aufzubringen. Die Sammelaktion ist in vollem GaNae, alle jüdischen Organisationen beteiligen sich daran nnt großer Energie. Bemntwortlick,pr Redakteur: Albert Kal; in Berlin-VankowVFlorastrasie^88. Verantwortlich für den Anzeiap.nteil: Mar g-ahrnländer, Neuköllp? Druck und Verlag von Rudolf Moffe.