Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229390--74552-3287031- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 gestattet die Tradition — und von dieser Erlaubnis wollen wir heute Gebrauch machen — auch an diesen festlichen Tagen und auch an geheiligter Stätte die Verdienste hervorragender Juden zu würdigen. Man tut wahrhaftig den ausgezeichneten, vielbewährten Männern kein Unrecht, die vor dem Heimgegangenen die Führung der Wiener Judenheit innehatten, wenn man behauptet, daß in den bisherigen Annalen unserer Gemeinde Dr. Alfred Stern als „der Präsident" schlechtwegs fortleben wird. So sehr hat er es verstanden, in den drei Lustren seiner Präsidentschaft in seiner äußerlich unscheinbaren, innerlich machtvollen Person, den ganzen Einfluß, die ganze Bedeutung der großen Gemeinde zu verkörpern daß man nicht nur in Wien, unter Juden und Nichtjuden, sondern auch im übrigen Oesterreich, ja sogar im Auslande, gleichgültig ob Freund oder Gegner, zustimmend oder ablehnend, an Dr. Alfred Stern dachte, wenn man von Wien und feiner Judenheit sprach. Und wüßte man sonst aar.nichts von ihm, dieser Umstand allein würde genügen, um dein Historiker ein Bild zu geben von dieser geistm überragenden Er- Mcinuna. -Bis zur lebten Stunde seiner ös^ntlichen Tätiakeit vernwcht? stm eherner Wille den durch Alter und Leiden Zermürbten Körver ^usreckt^uerh alten: als sein traaischer Rücktritt kam und sein W^lle keinen Grund mehr hatte, in Aktion zu treten, da zerniel sein schwacher Leib wie ein Kartenhaus. Man mag die Weae, die er im öffentlichen Leben zu vertreten für put befunden hat. nicht immer für die richtigen gehalten haben und muß doch saaen: 'rv nünmt mit sich inK Grab das Bewußtsein w't — und höheren Reichtum können auch die Besten unter im® >-.i.cht ibr Eigen neunen —, in einem lärmen geseamten Leben mit vorbildlicher Pflichttreue nnd nnerschövflichen Geisteskräften nach bestem Wißen und Gewissen seinem Bolke gedieht zu haben,. In der Jeremonienballe hielt Nabbin^r Dr. Grnnwald einen äußerst warm pnwsund""m Nachrni, airs dem hier nur der Arüang und der ^chsirst solaen möaen: ..Bon Weisen der TMunds. Rabba dar Rachnuani, wird überliesert: Der To^^senael war machtlos geaen 's'n. salanae er. "in sein Studi>irm verliest ^iner Pflicht oMag. Seine Seele wohnte aar nicht 'n deml achrechlsichen Kör der, ste lvar o an,^ ^u so eaa aen in« sei-p^m Ber n re. Doch e'nes Taaes aelana es dem ^od^iKb'^te^ h.rsrrt Weisenait üjberli'st'0'r Nob'ba bar Rachw'noi unterbrach seine Arbeit. '«m> mtben- Auaenblick sank <°r en>tseelt z>n,rs'rck. d^uch an dem Verklärten s-bien dte spurlos vorbei^uziehen. s'"-'>ne G erstens ri^bo nnd Willenskraft ließen, biK zinleßt feine Jabre voraessen. In boh^m Alter tibeirrrobor er n-nch mne Aufgabe, die emen aan^en Mann in >^er Bollkrast seines Könnens erfordert. Dfe'eK Amt wurde feine Seele, mit diesem Ainte irnd f>n ihm l^bt^ er Kn-uw war er ans.ihm geschieden!, a!ls aluch so,bleich der Gn>ael des Todes sein Recht ans ihn aeltend machte. Mit ilun ist dm- Lebte o^nes Gefchlech>tes -d>ahinaeaana,en,. ein n>ichti,aer Abschnitt io der Geschichte i,nstr"r Geu'^inde schließt ab mit dfefer Stande." i^ür die Kustnsaeumiud" sprach daun B i z e v r ä s i d e n t H o i r a t D r. V a v v a v o r t : Gin volles Menschenofter hindurch aeb-örto Dr. Stern dorn Vorstände d"r Kultusgen'eind^ an, mehr ottz 14 Job re stand er als Präsident an ibrer Svitze' 20 Job re war üb sein Weaaenoste. nnd war in der Laae. sein Wirken 'u stben und zu beurteilen. Dr. Stern mar em Mono d"r llebernuauuo und batte immer den Mut. für feine Neberreuanna voll eio?ntret"n. lind als er aofchen. daß stin"- Nch"r?enanng mit den Ansichten pmfVr ausstrebenden. nach Gestn^a ringen,^en Parteinicht in- El^kl^no?.n. brin,ee!U> seil.?>og eisich vom Prä>sidentenstubl zurück. Das aeschiah aber nichit tinstillen. nicht low gewöhnlich durch Ilebersenduna eines Verzichtschreibens. nein,, involler Plen>a>rver^anunlun>a brachte er -die Gründe vor, di.cv jifyn, ui feinem^ Rücktritte geführt. Er Wied, wie er gewiesen: fest, gusrecht, lnannhaft. — So zieba fcernrt bin in- Fv'eden. die Erde fei dir leicht. Dein, Andenlken, wirdein Immendauerndes und gesegnet sein!" — Dr. Arthur K u r a n d a sprach im Namen der Wiener Israelitischen Allianz, der der Verewigte 35 Jahre als Mitglied des Vorstandes angehört und in den letzten Jahren als Präsident an dessen Spitze gewirkt hat. Ferner sprachen: Rektor Professor Dr. A. S ch w a r tz für die Theologische Lehranstalt, Landesschulrat Dr. Markus Spitzer für. die Chewra Kadifcha. und für die.Beamten der Kultusgemeinde Generalsekretär Dr. Emil Adler. Der Name Tr. Alfred Stern wird in der Geschichte der Wiener Judenheit in Ehren sortleben. Von MH und Lern. — Die Jüdische Gemeinde zu Berlin veranstaltet am Freitag abend, 27. d. M., in sämtlichen Synagogen Dank- und Gedenkgottesdienste für die jüdischen Soldaten. — Das Interesse für die aus dem Felde zahlreich zurückkehrenden gesetzestreuen Akademiker erfordert es, daß man ihnen möglichst bald' die Gelegenheit verschafft, in geeigneten Stellen sich wieder ihrer Friedenstätigkeit zu widmen. Das Präsidium des Bundes Jüdischer Akademiker, Berlin N 24, Oranienburger Straße 39, bittet daher alle, denen Niederlasfungsmöglichk,eiten für junge Akademiker bekannt werden oder die von frei werdenden Stellen für Akademiker erfahren, baldigst ihm Nachricht zu geben. — In sechs Berliner Synagogen fanden am Sonntag, den 15.. d. M., nachmittags 4 Uhr, Trauerseiern für die Opfer der Pogrome in Galizien statt. Die Gedächtnisreden hielten: In ider Synagoge Mazmiach Jeschuo, Dragonerstraße, Herr Rabbiner Dr. M. Hildesheimer , in der Synagoge Schourre Schabbos, Grenadierstraße 36, Herr Rabbiner Dr. M u n k, in der Synagoge Ahawath Zion, Schönhauser Allee 4, Herr Rabbiner Dr. M. P e t u ch o w s k i, in der Synagoge Beth Zion, Brunnenstraße 33, Herr Rabbiner H ö x te r , in der Synagoge Grenadierstraße 37 (Chasfidische Gemeinde") der Besoiner Raw, Herr Rabbiner Grünb e r g, in der Synagoge Adaß Scholaum, Grenadierstraße 6 lPlotzker Schul), Herr Rabbiner Auerbach. — Der verstorbene Rentier Rob. Redlich hat der Stadt Berlin, zur Unterstützung von Kriegsinvaliden oder von Hinterbliebenen gefallener Soldaten zwei Millionen Mark hinterlafsen. — Der Berliner Sanvtätsrat Dr. Alfred Wolfs ist zum Geheimen Sanitätsrat ernannt worden. — Geheimer .Justizrat Dr. Eugen F u ch s, Mitglied der Justizprüfungskommifsion, der bekannte Vorsitzende des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, ist als Vertreter der Berliner Anwaltschaft in den Groh-Berliner Arbeiter- und Soldatenrat gewählt worden. — Aus Hohensalza wird uns berichtet: Die Zinsen der Kommerzienrat- Julius-Levy-Stistung, die für Verwandte der Leyser, Moses und Mirjam Levyschen Eheleute bestimmt sind, kommen am 31. Dezember d. I. zur Verteilung. Bewerbungen sind sofort beim Vorstände der Synagoaengemeinde einzureichen. — Das Verdienstkreuz für Kriegshilfe wurde dem Sägewerksbesitzer Georg L e v h in Schönlanke verliehen. — In München haben die ostjüdischen Vereine einen „Gesamtausschuß der Ostjuden" eingesetzt, der die Interessen^ der in München lebenden Ostjuden vertritt. — Die Bergtsche Loge zu Elberfeld feierte den 100. Geburtstag des schon zu Lebzeiten berühmten Breslauer Oberkantors Moritz D e u t s ch durch einen Gedächtnis- Vortrag von Oberkantor Zivi. — Der bekannte Mathematiker der Universität Göttingen, Gebeimrat Professor Dr. Felir Klein, feierte am 12. Dezember sein 50jähriges Doktorjubiläum. Felix Klein, der in Bonn promovierte, ist Redakteur der „M-athematischen Annalen" und bat besonders auf dem Gebiete der Geometrie gearbeitet. — Der Generalbevollmächtigte der loestukrainischen Volksrepublik W a s s i l f o hat bei der tschechoslowakischen, deutsch - österreichischen und ungarischen Negierung interveniert, um eine Ausweisung der galizisch - bukowi nischen Flüchtlinge mit Rücksicht auf die gegenwärtigen Landesverhältnisse zu verhüten. — Aus Warschau wird geschrieben: Die Nachricht vom Lemberger Gemetzel niachte hier erschütternden Eindruck. Die jüdischen Zeitungen erscheinen schwarz umrandet als Trauernummern und bringen Berichte von geflüchteten Augenzeugen, die das Herz in der Brust zusammenkrampsen lassen. Am Samstag wurden in fast sämtlichen Synagogen Gedenkreden gehalten und Jiskaurgebete verrichtet. Bom Rabbinate aus wurde anaeordnet, an Stelle des am Chanuka zulässigen Fastens aus dem Thillimbuche zu beten. Große Geldsammlirnaen für die Hinterbliebenen der Opfer sind im Gange. Viele jüdische große Geschäftshäuser erboten sich, einen großen Prozentsatz des Erlöses in der Chanukawoche der Hilfsaktion zuzuführen. Die Jüdische Gemeinde in Stockholm überwies als erste Rate den Betrag voll 200 000 österreichischen Kronen ftrr die Lemberaer Pogromopfer. Ter jüdische Hilssverein in Stockholm bewilligte fürs erste, die Summe von 235 000 österreichischen Kronen zugunsten der von dem Pogrome betroffenen Bevölkerung Galiziens zu überweisen. — Nach einer Meldung der „Times" hat die deutsche Negierung an Frankreich einen Protest gegen die Verwendung schwarzer Truppen für die Besetzung Palästinas gelangen lassen.__ Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 68. Verantwortlich für den Anzeigenteil: GeorgKlingenstein, Berlin-Lankwitz. Druck und Verlag von Rudolf Masse.