Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 51 Berlin, 20. Dezember 1918 eitung desAudmtums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Raddiner Vr. Ludwig Phikippson Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: NuLolk Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße $6-$9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 32$. Brennende jüdische Fragen. Von einem Oesterreicher, yilljull* — Die Woche. — Der apologetische Kursus des Verbandes der Deutschen Juden. Don H. Becker (Wöllsteins — Ein Referent für jüdische Angelegenheiten im Auswärtigen Amt Prof. Dr. Moritz Sobernheim. Von Dr Älphons I. Susrnitzki. — Den Heimgekehrten zum (Kruke. Von Bezirksrabbiner Dr. Beermann (Heilbronn). — Brief aus Böhmen. — Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann. — Sprechsaal. Der Geineindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Posen, Hamburg, Magdeburg, Dortmund, Frankfurt a. M., Wien. — Von Nah und Fern. Lrennmdr Milche Fragen. Von einem Oe st erreiche r. Die nationale Autonomie. I. uf zwei Wegen will die Entente die gesamte Juden- -heit zur Erlösung führen; der eine ist die Gründung eines Judenstaates in Palästina, der andere ist die Anerkennung der Juden als besondere Nationalität überall dort, wo sie in Massen wohnen, welcher besonderen Nationalität die „nationale Autonomie" gewährt werden soll. Bei Lichte betrachtet widersprechen sich diese beiden Pläne aufs entschiedenste. Die Judenfrage ist akut und bedarf dringend der Lösung nur in jenen Ländern, wo die Juden in großen Massen beisammen wohnen. Hier sind sie nämlich der Feindseligkeit «der nichtjüdischen Bevölkerung ausgesetzt und erdulden Verfolgungen, anderseits beengen sie sich gegenseitig den LÄensraum infolge ihrer einseitigen Berufsgliederung. Beide Ursachen drängen sie zur Auswanderung dorthin, wo sie in jeder der beiden Beziehungen günstigere Verhältnisse finden. Wenn nun die Anerkennung der Juden als besondere Nationalität mit nationaler Autonomie in den Ländern, wo sie in großen Massen beisammen wohnen, die Judenfrage „lösen", d. h. alles Judenelend beseitigen, also sie vor Feindseligkeiten von außen schützen und das Massenelend im Innern abschaffen wird, dann wird es keinen Grund mehr zur Auswanderung geben, sie werden sich in ihren bisherigen Heimatländern wohl fühlen und hier verbleiben. Woher soll dann das Menschenmaterial kommen, mit dem der Judenstaat in Palästina gegründet werden soll? Wenn das nicht ein Zwergstaat, ein halbkomisches Gebilde sein soll, etwa wie die Republik von Andorra oder von San Marino, sondern ein richtiger lebensfähiger Staat, der sich entwickeln und verteidigen kann, der wert ist, daß seine Bürger Gut und Blut für ihn opfern, weil er ihnen und ihren Nachkommen ein unabhängiges, menschenwürdiges Dasein sichert, so muß dieser Staat mindestens zwei bis drei Millionen Menschen fassen. Setzt aber die nationale Autonomie dem Auswanderungsdrang der jüdischen Massen aus ihren bisherigen Heimatländern ein Ende, so bleibt der neugegründete Judenstaat in Palästina menschenleer. Da die nationale Autonomie den Juden die Möglichkeit geben wird, ihre „Eigenart voll und rein zu entwickeln" — ein sehr unklares, aber beliebtes Schlagwort —, so werden nicht nur die politischen und wirtschaftlichen, sondern auch die idealen Gründe zur Auswanderung fortfallen. Gewiß werden sich unter den Juden aller Länder noch immer Hunderte, ja Tausende von Idealisten finden, die sich nach dem Judenstaat sehnen werden, um dort die Eigenart noch voller und reiner entwickeln zu können. Aber ob diese Elemente zahlreich genug sein werden, um einen Staat zu bevölkern, und geeignet, den Pflug zu ergreifen und in das Erdreich zu versenken, den Boden, der die Grundlage jedes Staates ist, in Besitz zu nehmen, in harter, nüchterner, ganz poesieloser Arbeit die rauhen Grundlagen aufzubauen, auf die ein Staat sich stützen muß, das ist wohl sehr, sehr zweifelhaft. Es ist also klar, daß hier die Lösung der Judenirage nach zwei entgegengesetzten Methoden in Angriff genommen wurde, die sich gegenseitig ausschließen. Die nationale Autonomie würde, wenn sie sich verwirklichen ließe, die Gründung eines Judenstaates unmöglich machen. Ein Judenstaat, der die großen Judenmassen lichtet und aus ihren jetzigen Heimatländern herauszieht, würde die nationale Autonomie gegenstandslos macben. Aber die Welt ist ja ohnehin voller Widersprüche. Wir wollen also zunächst die andere der beiden Methoden gesondert betrachten. Was heißt eigentlich „nationale Autonomie" der Juden? In unzäbliaen Artikeln, Broschüren, Reden und Beschlüssen öffentlicher Versammlungen wurde sie gefordert. Aber niemand hat uns noch .klar auseinandergesetzt, wie sie in concreto verwirklicht werden soll, was für neue Rechte sie uns gewährt zu denen, die uns die büraerlicke Gleichbereckstiaung aegeben hat? „Wir verlangen Selbstverwaltung auf kulturellem Gebiete, besonders im Schulwesen; wir wollen selber die Verantwortung für die Erziehung unserer künftiaen Generation tragen!" Nun, was diese Verantwortung anbetrifft, so trägt sie immer jede Generation; gleichviel ob sie nationale Autonomie hat oder nicht, es tragen sie inrmer die Eltern für ihre Kinder. Und Selbstverwaltung auf kulturellem Gebiete, die haben Nur ja längst, hatten sie sogar im zarischen Rußland in ziemlich ausgedehntem Maße. Ueberall gibt es längst autonome jüdische Gemeinden mit weitgehenden Korvorationsrechten, die eine große Anzahl mitunter 'herrlicher kultureller und gemeinnütziger Institutionen für jüdische Zwecke unterhalten. In Deutschland und Oesterreich-Ungarn eristierten längst fünf Hochschulen für die Wissenschaft des Judentums, an denen Forscher von Weltruf lehrten — der Lehrbetrieb war nach dem Muster der Universitäten eingerichtet —, daneben eine ganze Anzahl Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalten. Viele jüdische Gemeinden unterhielten eigene Volksschulen — abgesehen von den speziellen Religionsschulen — manche auch eigene Mittelschulen, Waisenhäuser und ähnliche Erziehungsanstalten. Und es blieb jeder Gemeinde unver-