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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-09-27 · Heft 39 (27.9.1918) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 39 (27.9.1918)
Date
1918-09-27
Page
Seite 458 (sequence 2)
Language
German
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458 dieser seiner ursprünglichsten Bedeutung aufnehmen, wir erweitern es noch und weisen ihm noch reichere Geltung zu. Enthüllte sich uns nicht schärfer als vielen der vergangenen Geschlechter das Tierische im Menschen? Wodurch unterscheidet sich im Augenblick der Mensch vom Tiere? Alte Instinkte sind in ihm wach geworden, Haß und Wildheit regieren sein Tun, alte Begierden heben mit ungehemmter Rücksichtslosigkeit ihr Haupt. Der Mensch ist geworden zum wilden Tiere. Er denkt nur an Futter und Nahrung, er raubt und stiehlt, um Nahrung zu gewinnen, auf Nahrung ist all sein Sinnen gerichtet. Aller Kamps der Völker nimmt sich aus wie ein Kampf der Tiere um die reicheren und besseren Futter- Plätze. Alle vielgerühmte Kultur ist von ihm abgefallen wie eine lose aufsitzende Tünche, und übriggeblieben ist ein Tier, das satt werden will. Seinen vielgerühmten Verstand verwendet er zur Schöpfung neuer vollkommenerer Vernichtungswaffen, um gleichsam das Tier noch zu Übertieren. Was einstens als der erhabenste Vorzug des Menschen gepriesen wurde» daß er sich über sich selbst hinaus zu erheben vermag, nicht aus sich das Gesetz der Welt abzuleiten gewillt ist, sondern ein Idealbild der Sittlichkeit hat und ihm nun nachstrebt und so das Tierische in sich besiegt, das ist zunichte geworden: denn die Menschheit von heut lebt in einer Form, in der sie das Tierische im Menschen zum Ausgangspunkt ihrer Sittlichkeit nimmt. Weil im Menschen Gefühle des Hasses und der Rachsucht schlummern, darum werden sie als gegeben angesehen und zurFormung ethischer Grundsätze, zumAusgangspunkt sittlichen Tuns erhoben. Weil in den Menschen nicht Gleichheit der Art, sondern Verschiedenheit wohnt, darum wird die Verschiedenheit als das Gegebene angenommen und nicht etwa ihre Ueberwindung und Ueberbrückung gefordert, sondern diese Verschiedenheit wird von Rassefanatikern zum ordnenden Grundsatz der Welt erhoben. So könnte man das Bild der Gegenwart noch in unendlicher Ausführlichkeit ausmalen, und immer stärker würde der Eindruck: Ja, Koheleth hat recht, er wußte selbst nicht, wie sehr recht er hatte, als er das Wort prägte: „Ein Vorzug des Menschen vor dem Tiere ist gar nicht da." Darüber uns selbst hinwegzubringen, ist unsere Aufgabe; wir können es nur, indem wir Len Satz aus unserem Willen heraus zuschanden machen. Wir müssen das Tierische in uns so stark und deutlich betonen, bis daß wir uns seiner zu schämen beginnen und den Willen neu gewinnen, das Göttliche in uns wieder zur Herrschaft zu bringen. Das Schlußfest wird so das Fest, das uns an unsere Pflicht, die Pflicht des lauteren Lebenswandels erinnert. An ihm sollen wir erneut den Antrieb gewinnen, unsere tierischen Instinkte zu bändigen, unsere Leidenschaft, die uns zum Tiere erniedrigt, zu bekämpfen, an unsere Seele zu denken und nicht an unseren Leib, zu denken, daß das wahre Leben das Leben der Seele ist und nicht das des Leibes. Wir sollen lernen, unseren Verstand nicht darauf zu lenken, wie wir am sichersten uns durchsetzen und den anderen Niederkämpfen, sondern wie wir einen solchen Zustand der Gesellschaft erzielen, daß jeder in Ruhe und Frieden seine Seele entfalten und seine Kräfte betätigen und das bißchen Lebensglück genießen kann, das ihm beschieden ist; an ihm sollen wir erneut lernen, daß wir nicht aus uns und unseren Trieben das Gesetz der Sittlichkeit ableiten können, sondern daß über uns und außerhalb unser das Urbild, das Vorbild der Sittlichkeit ist, dem wir nachstreben sollen, das wir verwirklichen sollen. So ist das Schlußfest das Fest, das in Zusammenfassung des ganzen Inhalts der verflossenen Festtage uns mahnt, mit frischem Willen ans Werk zu gehen, um im praktischen Leben des Alltags die Welt der Sittlichkeit neu aufzubauen und von hier aus dann den Aufbau der neuen .Menschheit zu vollziehen, deren letzte Weisheit sein muß: „Habe Ehrfurcht vor Gott und erfülle seine Förderung, denn darin ruht des Menschen ganzes Sein!" Freude an der Lehre. Ein Aufruf und eine Mahnung. Von Ludwig Geiger. I. s ist eine sinnige Einrichtung, daß aus die „furchtbaren Tage" ein heiteres Fest folgt. Nach den Zeiten ernster Einkehr ein Tag froher Umschau; auf die trübe Stimmung ein fröhlicher Ausblick. So mag uns denn der letzte Tag des Hüttenfestes mit seinen Umzügen, in denen die heiligen Rollen herumgetragen werden, dieser Tag mit seiner Berücksichtigung der Kinder, der Jugend, die auch mit Geschenken erfreut werden, Anlaß zu einem zeitgemäßen Ausblick bieten. Einem zeitgemäßen Ausblick, der doch von dem Kriege vollständig abfieht. Denn so zeitgemäß alle Hinweise auf den Krieg auch sind, fast noch zeitgemäßer ist die Erinnerung an unsere Lehre, an unsere Wissenschaft. Und so mahnt gerade das Ende des Hüttenfestes, der Tag der Freude an der Lehre uns an diese Lehre selbst. Die Wissenschaft des Judentums, die nun seit einem Jahrhundert, seit dem ersten Auftreten des Altmeisters Zunz in Deutschland existiert, wird von dem Publikum noch lange nicht genügsam beachtet. Zwar gibt es in großen und kleinen Gemeinden Bibliotheken, aber sie werden nicht in ausreichender Weise benutzt; zwar gibt es viele Literaturvereine, aber, abgesehen davon, daß der Krieg die Tätigkeit mancher dieser Vereine gänzlich unterbunden oder zeitweise lahmgelegt hat, so bedarf ihre Wirksamkeit, wie in diesen Blättern mannigfach gezeigt worden ist, einer gründlichen Reform. Das Publikum muß erzogen, der Kreis der Vorlesungen erweitert, eine Schar von Rednern herangebildet werden. Alles das kann nur erreicht werden durch vertiefte Pflege der Wissenschaft. Geschieht dafür unter den Juden Deutschlands etwas? Es wäre unbillig, diese Frage zu verneinen. Wir haben, wenn wir von dem streng orthodoxen Rabbinerseminar in Berlin absehen, das durchs seine Tendenz eine Pflanzstätte wahrer Wissenschaft nicht sein kann, zwei Institute, die Achtungswertes geleistet haben und noch leisten: das Jüdischtheologische Seminar in Breslau und die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Man wird mir persönlich nicht verargen, wenn ich mich für das erstere nicht einfetze. Ich bin und bleibe, so selbständig ich meine Ansichten ausgebildet habe, der Sohn meines Vaters. Als solcher muß ich dem Breslauer Institut gram sein. Es ist, bbgleich es eigentlich für ihn geplant war, gegen ihn gegründet worden; es hat ihm Nichtachtung, ja Feindschaft dauernd bewiesen, die er freilich redlich vergolten hat; es Hai, seiner Ueberzeugung nach, eine Halbheit gezeigt, die der Wissenschaft eher schädlich als nützlich war. Das Seminar leidet, wie aus den Zeitungen bekannt wird, unter finanziellen Schwierigkeiten; es werden Schritte getan, um diese Verlegenheiten zu beheben und es bester zu fundieren; es sei fern von mir, solche Bemühungen zu widerraten oder ihnen tätig entgegenzutreten, aber es wäre, selbst wenn ich die Anschauungen, von denen das Seminar geleitet wird, in höherem Grade billigte, als ich es wirklich tue, pietätlos von mir, zu seiner Förderung auszurufen. Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin bedarf, obgleich ihr, durch eine ungemein rührige Agitation, viele Gönner gewonnen, obgleich ihr..durch Ver-

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