Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1918)
- Date
- 1918-09-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Prilutzky darauf aufmerksam machte, daß dieses Gesetzesprojekt viel mehr die Interessen der Hausbesitzer als die der Wohnungsmieter wahrnehme, ergriff .der gleichfalls nur nominierte Herr Pfeffer das Wort und benutzte die Gelegenheit, um auf die Debatte über das Schulwesen zurückzukommen und« die Partei des Herrn Eiger zu ergreifen. Dabei? erklärte er folgendes: „Wir frommen Juden haben nichts mit den Forderungen Prilutzkys genrein. Prilutzky möge uns mit seiner Verteidigung verschonen. Seit Hunderten von Jahren wohnen wir polnischen Juden ruhig und friedlich im Lande. Seit die Herren Prilutzky und Jazkau (die Redakteure der jüdischen Tageszeitung „Moment") hierher gekommen sind, haben sie das Feuer des Nationalismus entfacht. Wir frommen Juden erkennen diesen Nationalismus nicht an. Möge Herr Prilutzky in sein yteft zurückkehren, von dem er gekommen ist! Mein Großvater hatte Güter in Polen und lebte mit den polnischen Herren in Frieden, ich habe Güter in Polen und ich hoffe, daß auch meine Kinder sie haben werden." Diese Ausführungen eines „Vertreters" der jüdischen Orthodoxie riesen die Entrüstung weiter Kreise hervor. Eine Reihe von Gesellschaften faßte Protestresolutionen gegen die „Agudath- Haorthodoxim" und den von ihr inspirierten „Vertreter" und verlangten die Zurückziehung des Psefserschen Mandates sowie die Niederlegung seines Amtes. — Rach Mitteilung des polnischen Ministers des Jrmern an die Staatsratsabgeordneten Eiger und Weißblatt wird die Rückkehr der Auswanderer nach Polen an zwei Bedingungen geknüpft: 1. an die Kenntnis der polnischen Sprache, 2. an die dauernde Ansässigkeit in Polen. Der hier erscheinende „Moment" schreibt dazu hu Hinblick auf die rückkehrenden Juden: „Wie kann man von Nichtpolen verlangen, daß sie Polnisch sprechen können? Was würden z. B. die Polen sagen, lvenn -die deutsche Regierung besohlen hätte, die deutschen Bürger polnischer Nationalität in der deutschen Sprache zu prüfen, lvenn sie heimkehren wollen? Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch unlogisch. Als die Juden, die jetzt zurückkehren wollen, in Polen wohnten, gab es keinen polnischen Staat. Also hatten die Richtpolen damals auch nicht die Pflicht, ja nicht einmal die Möglichkeit, Polnisch zu lernen, besonders da die zarische Regierung das einfach zu verhindern suchte. Auch was den, zweiten Punkt betritt, ist es schwer, durch Papiere nnchzuweisen, daß man dauernd in Polen gewohnt hat, da dies.auf den russischen Pässen nicht unbedingt vermerkt ist. Alan hat jahrzehntelang in Warschau wohnen und« dem Paß nach Bürger irgendeiner beUeblgen russischen Stadt fein können, wo der Großvater einmal geboren war. Wenn also die Rückkehr nach Polen nur ständigen Einwohnern des Landes gestattet ist, so darf man sich hierbei nicht nach Sprache und Paß richten, sondern muh auch andere Dokumente sowie Zeugenaussagen gelten lassen." Von Aoh und Lern. — Der Berliner Maler E. M. Lilien, der den Krieg als Emjährigfreiwilliger im k. u. k. Heer mitgemacht hat, wurde zum Leutnant befördert. — Kaufmann Karl F n ch s in Charlottenburg ist zum Handelsrichter, Kaufmann Leo Wreschner zum stellvertretenden Handelsrichter am Landgericht I ernannt worden. — Rechtsanwalt Ludwig Fri edm a nn und die Apothekersgattin Frau Klara B r a u n s p a n (Berlin) haben das Verdienstkreuz für Kriegshilfe erhalten. — Werke von M. I a s s e , des fast 84jährigen 'Komponisten und Kunstsammlers in Berlin werden in einem Konzert zur Aufführung kommen, das der Direktor des Wiener Konzertvereinsorchesters Martin Spörr am 27. September im großen Saal der Philharmonie veranstaltet. — Aus Arnswalde wird uns geschrieben: Am vergangenen Sonnabend fand in der hiesigen Synagoge eine schöne Feier statt aus Anlaß des neunzigsten Geburtstags des Herrn Meyer Ephraim, der über 50 Jahre, zuerst als Mitglied der Reprüsentantenversammlung, jetzt noch Mitglied des Vorstandes ist. Herr Ephraim beging den Tag in beneidenswerter geistiger und körperlicher Frische; vor einigen Jahren beging er mit seiner Gattin, einer geborenen Nelson, das schöne Fest der goldenen Hochzeit. — Durch das Eiserne Kreuz zweiter Klasse wurde ausgezeichnet Hugo Ar nh olz, Sohn des Synagogenvorstchers Karl Arnholz (Arnswalde). — Dem Gefreiten Ernst T i - chauer, Sohn des Malermeisters Simon Tichauer in Friedrichsdorf bei Antonienhütte (Oberschlesien), ist das Eiserne Kreuz erstem Klasse verliehen worden. — Zum Seminarrabbin>er am Jüdisch-theologischen Seminar in Breslau wurde vom Kuratorium. Herr Dr. Horowitz ernannt, bisher Dozent am Seminar. Eine neue Lehrkraft ist bereits in Aussicht genommen. — Der Oberlandesgerichtsrat Privatdozent Dr. jur. Wilhelm Silberschmidt in München wurde zum Honorarprofessor in der juristischen Fakultät ernannt. Sein Lehrfach umfaßt Deutsches bürgerliches Recht und Handelsrecht. — In der Magistratssitzung in Fürths am 10. August gab der Oberbürgermeister Dr. Wild unter Dankeserstattung Kenntnis, daß die Privatiere Frau Sophie Holzinger zu der seinerzeit von ihr errichteten Jeremias und Sophlie Holzingerschen Handwerker-Unterstützungsstiftung eine Zustiftung von 6000 Mark gemacht und weiter für Kriegsfürsorgezwecke 1500 Mark gespendet habe. — Leutnant und Kompagnieführer Ignatz Reis, Sohn des Herrn Ferdinand Reis (Meinigen), erhielt das Eiserne Kreuz erster Klasse. — Herr- Nathan Wolserma n n und Frau in Barchfeld begingen das seltene Fest der diamantenen Hochzeit. — Aus Offenbach a. M. wird geschrieben: Im Alter von nahezu 72 Jahren ist hier Frau Elise D-evries, die langjährige Vorsitzende unseres Frauenverein-s und unserer Chewra Kadischa, gestorben. Sie war eines der verdienstvollsten Mitglieder unserer Gemeinde und stets zur Stelle, lvenn es galt, Not zu lindern-, so daß unsere Armen durch ihren Heimgang einen großen Verlust zu beklagen haben. — Am 20. August fiel im Westen der Leutnant und Kompagniesührer Emil E-t-tlinger, als er mit seiner Kompagnie den Rückzug deckte. Der Gefallene ist der zweite Sohn des Maier Ettlinger in Rastatt, hinterläßt eine Frau und ein Kind und hat durch sein vorbildliches und -tapferes Verhalten stets großen Kiddusch Haschern begangen-. — Am 14. August verschied in Vad-en bei Wien der durch feinen Woh-ltätigkeitssinn und durch sein gewinnendes Wesen in weiten Kreisen bekannte Beth-ausvorstand der Wiener Kultusgemeinde Theodor K o h n, ein Bruder des verstorbenen, unvergeßlichen ersten Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn. Solange es seine Gesundheit erlaubte, war er rastlos bemüht, Not und Elend zu lindern, wozu er als Mitglied der Baron-Hi-rsch-Stistung reichlich Gelegenheit hatte. — Aus Budapest wird geschrieben: In der jüngst .abgehaltenen Sitzung des Verwaltungsausschusses des Komi tats Zemplen gab Obergespan Graf Georg Szechenyi betreffs der jüngsten Razzien eine Erklärung ab- Er sagte, er fei der im Tempel stattgehabten Razzia ferngestanden, sie sei ihm erst nachträglich zur Kenntnis gelangt, und er mißbillige sie bedingungslos. Beide Razzienseien von hm oberen Behörden veranlaßt worden, aber die Exekutiv-organe Hütten -die Intention der Behörden mißverstanden. Er bedauert, daß die Razzien stattgefunden haben. Eine Untersuchung sei -im Zuge, er werde über das Ergebnis derselben Bericht erstatten. Wie verlautet, hat der Obergefpan seine Demission eingereicht. — Es wird gemeldet, daß der bedeutende Führer der englischen Judenheit, Dr. G a st e r, Rabbiner der sephardischen Gemeinde, seine Demissiongegeben hat. — Wie aus Warschau berichtet wird, beabsichtigt das Ministerium für religiöse Angelegenheiten und öffentliche Bildungmit Beginn des neuen Schuljahres ein Rabbinerseminar daselbst zu eröffnen. Die Einrichtung ist dem Referenten für jüdische Angelegenheiten bei diesem Ministerium übertragen worden. — Am 30. v. M. ist in Lodz der Stadtverordnete Herr Adolf Dobranicki im Alter von 72 Jahren Plötzlich am Herzschlag gestorben. Die Familie des Verstorbenen zählt zu den ältesten Lodzer jüdischen Familien. Schon sein Vater Jekew Dobranicki war zum Wöhle der Stadt tätig. Der Verstorbene war jahrelang gewählter Direktor des Kreditvereins der Stadt, eifriges Mitglied der jüdischen Gemeindeverwaltung und verschiedener Kommissionen in der ehemaligen städtischen Verwaltung. In der Stadtverordnetenversammlung gehört er der jüdischen Fraktion an. — Die jüdische Legion, die unlängst die Straßen von New Uork durchzog, ehe sie sich nach England begab, um von dort aus nach Palästina geschickt zu werden, hatte von der Entente die Erlaubnis erhalten, ein eigenes Banner zu tragen. Die Fahne zeigte den „Magen David" in blauer Farbe im weihen Feld. Die Militärmusik dieser jüdischen Legion spielte während des Umzuges die jüdische Nationalhymne „Hatikwah". Amerika hat bereits einen „Fonds für Palästina" gezeichnet, als -erstes Budget des neu zu gründenden Judenstaates. Die Blätter weisen bei dieser Gelegenheit darauf hin, daß sich in vielen Prophezeiungen der Propheten ein Passus findet, wonach das Weltende mit der Wiederaufrichtung des Königreiches Jerusalem zusammenfällt. — Die Amerikaner wollen also das Weltende herbeiführen. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Moffe.