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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-05 · Heft 27 (5.7.1918) · p. Seite 316

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 27 (5.7.1918)
Date
1918-07-05
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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316 eine Resolution, in der sie gegen die Judenpogrome in Galizien scharfen Protest einlegt und an die Führer der Arbeiterparteien aller Länder den Appell richtet, -diese antisemitischen Ausschreitungen zu verdammen'. In der Resolution wird darauf hingewiesen, daß, obgleich die österreichische Zensur bemüht gewesen sei, daH Bekanntwerden der judenfeindlichen Exzesse zu verhindern, es doch unwiderlegbar festgestellt worden ist, daß Judenpogrome in vielen Städten Galiziens stattgefunden haben. Jüdischer Selbstschutz in der Ukraine. Ein Petrograder Telegramm des Londoner „Jewish Chronicle" meldet, daß infolge der durch die letzten Ereignisse entstandenen Wirren in der Ukraine die jüdischen. Gemeinden in Odessa und Kiew die Leitung der jüdischen Angelegenheiten starken populären Persönlichkerten anvertraut haben. Der zionistische Führer Ussischkin, unterstützt von sechs zionistischen Mitgliedern der Odessaer Stadtverwaltung, hat die Kontrolle über die jüdischen Angelegenheiten in Odessa übernommen. In Kiew wurde mit der gleichen Aufgabe der zionistische Führer Si^kin betraut. Die jüdischen Selbstschutzgruppen beschützten nun wirksam die jüdische Bevölkerung, so daß neue Versuche antisenntischer Ausschreitungen von diesen Selbstschutzgruppen unterdrückt wurden, bevor sie einen gefährlichen Umfang angenommen hatten. Die Regierung von Skoropadsky hat den Beschluß der aufgelösten Zentralrada, ein jüdisches Lehrerseminar in der Ukraine zu errichten, aufgehoben. Die jüdische Frage in der russischen Konstituierenden Versammlung. Die P r o k l a m i e r n n g der jüdis ch e n A u t o n o m t e durch den Vorsitzenden Tschernow. Das stenographische Protokoll der Konstituierenden Versammlung Rußlands, die durch die Bolschewiki-Regierung kurz nach ihrem, Zusammentritt auseinandergetrieben wurde, ist mit großer Verspätung erschienen. Ein Exemplar dieses Protokolls ist erst dieser Tage in Stockholm eingetroffen. In der großangelegten Rede des Vorsitzenden der Versammlung, des Führers der Sozialrevolutionären Partei und früheren Ackerbammnisters Tschernow, befindet sich auch ein auf die Juden bezüglicher Passus. Nachdem der Vorsitzende Ruß-Ä land zu einer föderativen Republik, in der alle Nationalitäten gleichberechtigt sein sollen, proklamiert und namentlich die Versöhnung der Ukrainer und der Moslims mit dem russischen Volke verkündigt; hatte, sprach er sich auch für die jüdische Autonomie aus. Er sagte: „Schließlich Bürger, erlauben Sie mir, das .gleiche von den Stiefsohnvolke, von dem unter den Völkern anr. meisten gehetzten Volke zu sagen, von dem Volke, das bisher allen Ausbeutern der ganzen Welt als Sündenbock gedient hat, die auf es als Volk die ganze Unzufriedenheit, die ganze Empörung der arbeitenden Massen zu lenken suchten, die billigerweise auf kein Volk als solches gerichtet werden dürfen, da unter allen Völkern ohne Ausnahme die arbeitenden Massen die ungeheure Mehrheit der Bevölkerung bilden. Auch das j ü d i s ch e V o l k, das über ein geschlossenes Territorium nicht verfügt, wird auf dem Territorium der russischen Republik gleich den anderen Völkern das Recht haben, die Organe seiner nationale'n Selbstverw a l t n n g zu g e st a l t e n und in ihnen den Willen der werktätigen Elemente zur Geltung zu bringen." Wie wir erfahren, wurde diese Erklärung, die die Anerkennung der jüdischen Autonomie auf personaler Grundlage bedeutete, von der großen Mehrheit der Konstituierenden Versammlung (Rechte, Sozialrevolutionäre und Menschewiki) mit großem Beifall, von den Bolschewiki hingegen, wie fast die ganze Rede Tschernows, mit Hohngelächter ausgenommen. * Während sonst um diese Zeit die Menschheit unter Hitze Nagt und gar nicht erwarten kann, die Stadt zu verlassen, um -im 'Gebirge oder an der See sich erfrischenden Lufthauchs zu erfreuen, leben wir, wenigstens im Novden Deutschlands, in einer trostlosen Epoche unaufhörlichen Regens und unfreundlicher, fast winterlicher Temperatur. Mag der Regen auch der Landwirtschaft gedeihlich fein, die Menschheit schmachtet nach Sonne und Luft. Wir wollen uns durch das Dunkel und die Kälte die Stimmung nicht verdüstern lassen, obgleich es fchwer ist, bei geschloffenen Fenstern, mit Decken umhüllt, womöglich bei künstlicher Beleuchtung während des Tages sich eine heitere und zuversichtliche Stimmung zu bewahren. Die Ferien beginnen: trotz der Schwere der Zeit, trotz der Warnungen der Behörden,, trotz der Absperrungsmasiregeln mancher Bezirke und vieler Länder des goeinigen Deutschlands, das in dieser Beziehung keine große Einigkeit bezeugt, rüsten sich Ungezählte zu einer Reise. Möge ihnen allen der Aufenthalt in Wald und Gebirge, an der See gut bekommen. Mögen sie die Frische wiedererlangen für einen langen, wahrscheinlich harten und entbehrungsreichen -Winter, die Widerstandskraft gegen die zahllosen sich eher steigernden als vermindernden Unbilden einer schwerenbeispiellos langen Kriegszeit. Mögen sie in der Ferienruhe das Ungewitter möglichst vergessen, das in der Ferne tobt, und nur erfreut werden durch Nachrichten von glänzenden Siegen und großen Erfolgen, die uns dem ersehnten Frieden näherbringen! | Cofjntamt Werner. | Ein Gedenkblatt von Rabbiner Dr. Blumenthal (Berlin). och ist «die Totenklage um Hermann Cohen nicht verhallt und schon hat ein neuer .schwerer Verlust die deutsche Judenheit tief erschüttert. Dem philosophischen Ergründer des Judentums ist einer seiner hervorragendsten theologischen Verkünder, der Rabbiner der Kultusgemeinde München Professor Coßmann Werner, in die Ewigkeit nachgefolgt. Erst vor wenigen Monaten sprach er bei der Feier des 25jährigen Bestehens des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mit der an ihm oft bewunderten Wärme und Ueberzeugungskraft in Berlin, Posen und Breslau über den inneren Frieden und ermahnte seine nach Tausenden zählende Znhöversckar mit klugen und eindringenden Worten, sich in ihrem Streben nach harmonischer Vereinigung von Deutschtum und Judentum nicht beirren zu lassen, und nun hat ein unerwartet früher und schneller Tod uns den bis zuletzt rastlos tätigen, reichbegabten und hochverdienten Lehrer und Führer in seinem 64. Lebensjahre entrissen. Seine bei aller Bestimmtheit ungemein liebenswürdige Persönlichkeit, der Zauber seiner aus einem tiefreliaiösen Gemüte Hervorauellenden Beredsamkeit, sein kluger Rat und seine unerschöpfliche Herzensgute und 'Hilfsbereitschaft sichern ihm in allen Kreisen seiner über die Glaubensgemeinschaft hinausstrahlenden Wirksamkeit eine bleibende und dankbare Verehrung. An dieser Stelle kann die Fülle des Segens, den die Vorsehung uns mit seinem an Arbeit. Erfolg und Ehre reichen Leben geschenkt hat, nur angedeutet werden. Cotzmann Werner entstammte einer durch Frömmigkeit, jüdische Gelehrsamkeit und allgemeine Bildung ausgezeichneten Familie. Am 8. Dezember (17. Kislew) 1854 in Rogasen geboren, besuchte er das Friedrich-Wilhelm-Ghmnasium in Posen, an welchem er im Alter von 17 Jahren die Reifeprüfung ablegte. Das rege jüdische Leben in der Posener Gemeinde und die überragende Stellung, die sein Vater, Dr. Philipp Werner, als klassisch gebildeter Hebraist und Talmudist in ihr einnahm, wiesen ihn schon frühzeitig auf das theologische Studium hin, dem er sich am. Breslauer Rabbinerseminar unter Leitung der Direktoren Frankel und Lazarus widmete. Gleichzeitig hörte er an der Breslauer Universität philosophische, geschichtliche und philologische Vorlesungen. Nachdem er im Jahr« 1877 mit einer von gründlicher Quellenkenntnis und kritischem Scharfblick zeugenden Dissertation über den makkabäischen Fürsten und Hohenpriester Johann Hyrkan in Leipzig promoviert hatte, wurde er, noch nicht 24 Jahre alt.

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