Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1918)
- Date
- 1918-07-05
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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314 mittel, ohne Obdach, der Witterung ausgesetzt) auf .die Wagen, die nicht kommen wollten. Ihre Gesichter schwärzten sich tagtäglich mehr. Am Tage sehr heiß, in der Nacht starke Kälte, Regen und Wind, so lagerten diese unversorgten Flüchtlinge. Alle Interventionen schlugen fehl. Niemand hätte Ohren und Herz für diese Leidenden. Nach genau acht Tagen kamen die Viehwagen und führten sie wie eine gesammelte Schafherde fort in die Heimat. Mir liegen einige Dankbriefe von ihnen vor, worin sie mir ihr Elend schildern. Es sträubt sich mir die Feder, das alles niederzuschreiben. Man hat sie in Baracken untergebracht. Sie fuhren also in die Heimat. Eine wüßte, verbrannte, zerstörte Heimat ... Ich will gar nicht darüber Nachdenken, wie sie die Reise ertragen haben — ohne Brot. Ich beschuldige absolut nicht die Behörden, denn sie haben herite andere Sorgen, als sich mit Flüchtlingen abzugeben: die Schuld liegt ausschließlich bei den jüdischen Organisationen, und nicht zum geringsten bei den zionistischen. Sie tun gar nichts. Ihre Arbeit besteht im Reden halten und viel Lärm um eine Omelette: Da reisen die Herren bald nach Berlin, Wien, Lemberg usw., um — Reden zu halten. Warum aber haben sie diesen armseligen, bedauernswerten Juden keine Hilfe zuteil werden lassen? Warum vergeuden sie die Zeit mit lauter Phrasen, anstatt Taten zu vollbringen. Glauben etwa die Herren Zionisten, daß man Hungernde, Leidende, Obdachlose usw. mit Reden sättigt und befriedigt? Glauben etwa die Herren, daß ihre Interesselosigkeit an dem jetzigen Schicksal der Ostjuden diese ins Lager der Zionisten hinüberführen könnte. Oh, welche Selbsttäuschung! Fragt diese Lellte, was sie darüber denken, und ihr werdet hören, wie es um eure Sache steht. Was nutzt es, wenn ich nach Jahren die Möglichkeit haben werde, nach Palästina (einem jüdischen Staat) auszuwandern, wenn ich heute an den Qualen, Verfolgungen usw. zugrunde gehe. Was nennen die Zionisten -Hilfe? Ach Gott! Wenn Reden die einzige Leistung des Zionismus sind, dann bedauere ich alle jene Herren. Taten, Taten und noch einmal Taten benötigen die Ostjuden. Schweigen und Helsen, das ist es! Ich fordere nun alle wohlhabenden und sonst freigebigen Juden auf, zur Linderung der Leiden der Flüchtlinge durch Spenden beizutragen. Die Flüchtlinge sind, allerdings noch nicht alle, in ihrer Heimat angelangt und befinden sich in größter Not. Sie bedürfen rascher, sehr rascher Hilfe, um sie vor Katastrophen zu schützen. Die deutschen Juden waren immer diejenigen, die sich stets als hilfreich und edel gezeigt haben. Ich hoffe also auch diesmal, keine Enttäuschung zu erleben. Die verehrte Redaktion wird die Freundlichkeit haben, die eingehenden Beträge zu übernehmen, um sie dann den Leidenden direkt zuzuführen. Also noch einmal: Helfet rasch! Nachschrift. Diesen warmherzigen Aufruf veröffentlichen wir blutenden Herzens. Wir bitten unsere wohlhabenden Glaubensgenossen, an uns reichlich Gaben zu schicken, die wir an die von Herrn Nacht zu bezeichnenden Adressen »veitersenden werden. Wir werden über jede Gabe quittieren. Die Red. Me Wucht. Berlin, 2. Juli 1918. ider sprechende Nachrichten über das Schicksal des Exzaren waren in der letzten Woche verbreitet. Während die einen meldeten, er sei von einem Soldaten der Bolschewikipartei ermordet worden, berichteten die anderen, daß er und die Seinen wohlbehalten seien: Das Schicksal des unglückseligen Fürsten kann uns ziemlich gleichjgültig sein; er Mr ein Spielball in den Händen ferner meist bösen Ratgeber; das Schlimme, das er der Menschheit und den Juden angetan hat, kommt kaum auf seine Rechnung. Auch Herr Kerenski ist wieder aufgetaucht. Ep hät in London heftige Reden gegen die Mittelmächte gehalten- Er gedenkt sich nach Amerika zu begeben: Wenn er von einem erneuten «Eingreifen Rußlands in den Weltkrieg spricht und wenn auch unsere Feinide sich alle ordentliche Mühe geben, Rußland? dessen Friedenszuständ mit Deutschland sie nicht anerkennen wollen, wieder auf ihre Seite zu ziehen, so scheint dies einvergebliMs Beginnen. Der Krieg tobt weiter in ungebrochener Stärke. Italien, das nun auch von den Amerikanern unterstützt werden soll, rennt weiter gegen die Oesterreicher an, die hinter die Piave zurückgegangen sind, gewiß unter schweren Verlusten, die aber lang nicht so erheblich sind, wie die Italiener sich und die Welt glauben machen wollen. Engländer und Franzosen machen stets erneute Anstrengungen, den Deutschen die eroberten Gebiete streitig zu machen, sie sprechen zuversichtlich von einer neuen, der amerikanischen Periode “ des Krieges; eine neue Offensive, die nach allgemeiner Annahme demnächst bevorsteht, wird sie hoffentlich überzeugen', daß die Hoffnungen, die sie an jene knüpfen, eitel sind. Ob die erwarteten Erfolge eines solchen Angriffs, mag dieser sich nun'gegen die Engländer oder gegen die Franzosen richten, inrstande sind, unsere Gegner zu belehren, steht dahin. Wir bleiben unerschüttert in unserem Vertrauen aus einen endgültigen Sieg unserer gerechten Sache. *»' Bei der Besprechung des Fri ed en sv ertr ag es mit Rumänien im Hauptausschuß. wurde auch die Lage der Juden erörtert. Darüber gaben die Zeitungen folgenden kurzen Bericht: Gei einem weiteren Artikel bemängelt Abg Scheidemann (Svz."> die Unklarheit der Bestimmungen über die Einbürgerung der Staatenlosen: sie genügen nicht infolge der Beschränkung auf einen Bruchteil der Juden. Grundsätzlich müssen wir staatliche Gleichberechtigung verlangen. Warum hat man nicht mehr erreicht? Ministerialdirektor Dr. Kriege gibt eine längere Darstellung über die historische Entwicklung und die Rechtslage. Da es sich um einen starken Eingriff in die innerrumänischen Dcrhältnifse handelte, so forderte man Vorschläge Rumäniens. Diese sind im Artikel XXVIIl niedergelegt und treffen den überwiegenden Teil der in Betracht kommenden Landeseinwohner. Die Handhabung der Bestimmungen wird eine loyale sein. Der Berliner Vertrag gelangt dadurch zur Ausführ u n g. Abg. Graf Praschma (Zentr.): Die Frage ist, ob Juden in Rumänien Grundbesitz zu erwerben erlaubt sein soll. Das läßt sich nur bei gründlicher Kenntnis der Verhältnisse beurteilen. Materiell ist die Lage der Juden günstig, sie begegnen ober einer großen Abneigung im Lande. Die Gewährung, weitergehender Rechte hätte dem Haft und der Judenverfolgung neue Nahrung gegeben. Man muß diese Frage sehr behutsam lösen. Mg. v. Gräfe (Kons.): Es handelt sich um einen schweren Eingriff in die innerrumänifchen Verhältnisse, und das Entgegenkommen der rumänischen Negierung war sicherlich kein freiwilliges. Warnm müssen wir uns die Finger verbrennen mit diesem Engagement? Die Berufung auf den Berliner Vertrag reicht nicht zur Begründung aus. Ob wir den Juden einen wirklichen Dienst geleistet haben angesichts des Hasses der Bevölkerung, erscheint zweifelhaft. Abg. Gothein (Fortschr. Vp.): Artikel XXVIII bringt nicht so viel wie die entsprechende Bestimmung des Berliner Vertrages, der sich die Rumälven trotz dem Druck der Signatarmächte stets entzogen haben. Deshalb wird auch Artikel XXVIII den Juden keinen Vorteil bringen. Gewiß stehen die Ostjuden rveit tiefer als die Juden