Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1918)
- Date
- 1918-05-24
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229360--74029-3286504- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
251 der Juden in Brest-Li«bowsk besonders eingeht. Die älteste Nachricht, Zlrgleich die erste über Juden in Litauen überhiaupt, stammt aus dem Jahre 1388. Es ist «ein aus 36 Punkten bestehender Sch,uhbries, der den Juden den Handel ermöglicht, namentlich das Psänderwesen regelt und ihnen Sicherheit 'gewährleistet. Besonders interessant darin ist das Verbot, die Juden Zu beschuldigen, sie hätten Christen getötet, um deren Blut zu gerwehett. Die Schicksale der Juden in den folgenden Jahrhunderten waren sehr verWedenartig, niemals besonders glanzvoll; nach mehrfachen Vertreibungen wurden sie wieder ausgenommen. Uebermäßig Interessantes ist aus der Geschichte der Gemeinde nicht hervorAuh,eben-; nur zwei Persönlichkeiten Verdi,men eine ausdrückliche Hervorhebung: Michael Josschowitsch und Saul Waal. Der erstöre, 1508 Zum Rabbiner ernannt, 1525 in den erblichen Adelstand erhoben, ist derselbe, den Elise Orczesko in ihrem neuerdings auch in diesen 'Blättern gewürdigten Romane darstellt; der letztere ist der angebliche jüdische König einer Nacht, über den zahllose Sagen, verbreitet sind. Auster diesen beiden Persönlichkeiten sind aus der Geschichte der Judengetme-inde keine anderen. hervorzuheben. Auch dlie Stadt selbst, die ehemals mm blühende gewesen war, trat hinter mu entstandenen zurück. Die neuere Zeit brachte nur stärkeres Elend, das sich während des Krieges zu einer förmlichen Katastrophe steigerte, so daß der Verfasser seinen trüben Bericht, dessen Einzelheiten hier nicht wiederholt werden sollen, mit solge-nden Sätzen schließt: „Vorläufig gehört die jüdische Gemeinde von BresöLitowsk der Vergangenheit an. Nur das große DotiensjeW, an dem die Kosaken nichts zu plündern und zu brennen hatten, und die beiden innen verwüsteten Genwln,d«esy'niag0'ge;n sind alles, was noch von ihr vorhanden ist. Ihre Mitglieder sind weithin verstreut im besetzten Gebiete, wo die deutsche Militärverwaltung sie nach Möglichkeit untergebrächt hat und für: sie sorgt. Die Inden aus Brest-Litolvsk," einst fast alle wohlhabend und selbst reichlich spendend, sind heute, allein durch die verbrecherische Schuld der Truppen ihres Heimatlandes,, zu notleidenden Flüchtlingen geworden, die auf fremde Hilfe 'angewiesen sind. Wehmutsvoll gedenken sie in ihrem Exil der vergangenen Herrlichkeit, der ehemaligen Blüte ihrer Stadt und ihrer Genwinde und hoffen, daß diese, da das Schwerste, das Joch russischer Entrechtung, von ihnen genommen ist, dereinst wiederkehren werde." Möge den Schwergeprüften die Erfüllung ihrer Wünsche beschieden sein. Hermann Lohen. In memoriam. Von Dr. S. Pick. Rabbiner (Strasburg. Westpr.). ohens Monumentalwerk ..System der Philosophie" gliedert sich in drei Teile. Der erste, ..Logik der reinen Erkenntnis", ist das Fundament, der dritte, „Aesthetik des reinen Gefühls", bildet sozusagen die Ornamentik. Den eigentlichen Bau stellt der zweite Teil dar. „Ethik des reinen Willens". Wenn Cohen von sich zu rühmen berechtigt war: Müll Iiuinani a me alieaum puto („nichts Menschliches ist mir. glaube ich, fremd"), wenn er in verschiedene wissenschaftliche Disziplinen mit genialem Verständnis eindrang, sein Hauptinteresse galt der Ethik. Ihrem Dienste weihte er sich mit dem wärmsten Herzen. Unter der Wärme seines Herzens litt nicht einen Augenblick die Schärfe seines Denkens. Ethische Gedanken sind ihm nicht etwa Erleuchtungen, die einen überfallen. Ethik vielmehr ist ihm Objekt unermüdlichen geistigen Ringens, eine sich immer erneuernde Fülle ernstester Probleme; kurz, Wissenschaft im eminenten Sinne. Ja. die Wissenschaft. Während Heine die Frage: . . . was bedeutet der Mensch?" in bedrohlicher Schwebe läßt, weiß Cohen die kristallene Antwort: Der Mensch ist zur Ethik berufen. „Die Ethik, als die Lehre vom Menschen, wird das Zentrum der Philosophie." Das Individuum der Ethik darf sich nicht zur „Einzelheit" isolieren. Gefordert wird das Individuum der „Allheit", das eben aus der Allheit erst erzeugt werden muß, damit es zu ethischer Höhe sich emporzuentwickeln befähigt sei. Wer ist die Allheit? Die Menschheit. Und innerhalb der Menschheit der Staat. Im Staate soll ein jeder seine geistigen und moralischen Kräfte auf- und ausbauen. Ein jeder, betont Cohen mit Kant, ist Selbstzweck. Für alle im Staate ist die volle, unverkürzte Gleichheit der Pflichten und die volle, unverkürzte Gleichheit der Rechte unerläßlich. Unerläßlich für alle ist die freie Unterordnung unter das Staatsgesetz. Die Treue, die unser Philosoph als bedeutsame Wegweiserin feiert, soll sich (wie der Religion, so) dem Vaterlande gegenüber verherrlichen. So begeistert Cohen dem Staate das Wort redet, so begeistert ersehnt er den Staatenbund. Ist das nicht, zumal angesichts des Weltkrieges, eine Utopie? Nun, in Cohen lebt und glüht die Ueberzeugung. daß die Menschheitsidee, die zurzeit sich zu einer bloßen, abstrakten Idee verengt und verkümmert. endlich doch zum Konkreten sich weitern und verwirklichen wird. Wird, weil soll. Kommen wird und muß der Staatenbund, der zuverlässige Bürge für den ewigen Völkerfrieden und für das stetige, ethisch-kulturelle Fortschreiten der Menschheit. Das ist dem Verewigten der tiefste Sinn des jüdischen Messianismus. Der Messianismus wiederum ist ihm der tiefste Sinn des jüdischen Monotheismus. Die Ducht aus yrrulslrm. (Schluß.) Von Jakob Finger mann. mram gab sich zufrieden und beriet mit Joach, wie dem H- Feind beizukommen wäre und wie auf dessen Ueberlegenheit und Kopfzahl hin. „Ich habe dir abgeraten, o Amram, den Weg nach Alexandria zu Wässer zurückzulegen. Ich ahnte, daß wir nicht kampflos die Reise beendigen würden,, denn die Kunde von den frechgewordenen Seeräubern vernahnr ich allerorten." „Hast du Angst?" grollte Amra-m. Ein Schatten flog über seine scharfen Züge. „Angst? Das ist es nicht, Gebieter. Sorge, Kummer mit dich: ich bin ein alter Mann!" „Ich war gezwungen," murmelte Amram verdüstert. „Man hetzte die Hunde hinter -mir her. Nirgends war ich sicher und -die Mühsale der Wanderung haben Mirjam krank gemacht. In Hebron entrannen wir mit genauer Not den Schurken von einem römischen Centnrio. Du weißt, ich führe große Reich- Muer mit mir, daS weckt Gelüste. Askalvn konnte ich nur durch eine List verlassen — wäre die nicht gut abgelaufen. wer weiß —'" „Schweige. Herr, der Steuermann kommt!" unterbrach ihn Joach und sagte hieraus gleichgültig: „Wie du glaubst." Der Steuermann setzte sich auf ein Zeichen Amrams an seine linke Seite und harrte geduldig auf die Frage. „Sollen wir angreisen oder uns auf Abwehr beschränken?" leitete Amram ein. Auf den Lippen des Steuermanns spielte ein verschmitztes Lächeln. Er blinzelte mit den Augen und lachte: „Angveifen? Warum nicht! Aber der Ausgang ist nicht zweifelhaft; ich könnte ihn dir künden wie die allsichtigen Götter." „Nun —?" „Du frägst. Herr? Sieh dieses Schiff, wie hoch und stark -gebaut, wie reich an Männern es ist und urteile selbst, ob wir einen Vergleich aushalten." „Wir sindin der Minderzahl, doch in der Bewegung rascher. Wenn der Wind daS Segel füllt, könnten wir unter