Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1918)
- Date
- 1918-05-24
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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249 Zustände von ganz außerordentlicher Bedeutung. Man erkennt übrigens auS den Ausführungen des. Verfassers, daß auch in Württemberg die jüdischen Verhältnisse durchaus im Nuß und nicht seit längerer Zeit entgültig sesigestellt sind, denn manche der Vorschriften, a. SB. über das Auffichtsrecht der Kirchenbehörde über den Reliaionsunterricht find ganz neuen Datums (1910/1911). Doch möchte ich an dieser Stelle auf die angedeuteten und viele ähnlichen Bestimmungen nicht näher einaeben, würde aber gern einem Juristen das Wort gönnen, der die hauptsächlichsten Bestimmungen zusammenfaßt und den Unterschied der württembergischen und speziell vreussischen Verhältnisse darleat. Gewiß entsprechen die uiürttemberaischen Verhältnisse im höheren Grade der Gerechtigkeit und Freiheit, imd doch kann man sich des Gefühls nickst erwebren, daß die indischen Zustände in Norddeutschland. trotz ihrer Nickstbeaünstiguna durch den Staat, eine höhere Blüte erlangt und sich heilsamer gestaltet haben. Dem Westfälischen Konsistorium7 8) ist eine neue Schrift gewidmet: Wr ste gilt einigermaßen dasselbe, was über eine andere Schrift in dieser Uebersicht gesagt worden ist. Sie ist gleichfalls Abdruck einer Abhandlung, die vor einigen Jahren in der Brannschen Monatsschrift erschienen war. Aber es werden viel weitere Kreise sich für das Westfälische Konsistorium interessieren als für die Schuldenlast der Metzer Gemeinde. Die biographischen Berichte über einzelne vielaenannte Männer, wie Ierimias Heinemann, demaeaenüber der Verfasser aus lokalpatriotischen Gründen viel zu günstig gestimmt ist, während der Kenner Zunzscher vertraulicher Auslastungen, zu einer wesentlich ungünstiaeren Beurteiluna des Genannten gelanat. über David Frankel, lesen sich anaenebm. Der Verfasser bat aründlich die Akten durchgearbeitet. vermeidet es aber in angemessener Weise, langatmige Auszüge aus ihnen zu geben, wenn auch einige besonders wichtiae Urkunden aus ihnen abgedruckt stnd. Die Mitttilunaen über die Jacobsohnschule und andere indische Lehranstalten aus der westfälischen Zeit, besonders auch die Ausführungen über den Rabbiner Steinbardt. stnd von vielseitiaem Interesse. Wichtia ist B. das Einaeben ans Goethe und seinen soaenannten Antisemitismus. S. 12 ulw. Aber ich verweste lieber meine Leser auf die inhaltreiche Abhandlung, als lanae Auszüae daraus zu aeben. Gleichfalls ein Neudrucks ist eine geschichtliche Erzählung von Louis Ublselder. Da es sich hier um die Wiederholung einer in unserer Zeituna ab g edruckten Erzählung handelt, so darf ich mich mit diesem kurzen Hinweis wohl begnügen. In gewisser Weise kann man anch eine neue Schrift über Svinozn«) geschichtlich neunen. Der Verfasser dieser Sckrist nennt sich nicht, vermn'tlich ist Verfaffer und Herausgeber (d. h. Verleger) eine und d'-"selbe Person. Ist diese Vermutung richtig, so hätte man hier einen Mann vor sich, der zu seinem Vergnügen und zur Förderung der von ibm vertretenen Lieblinasmeinung ein großes Unternehmen zur Ehrenrettung Spinozas der Welt zu schenken beabsichtigt. Denn das hier vorliegende starke Hest (von 133 Seiten) bildet den Anfang einer neuen philosovhischen Bibliothek, von der gleich 14 Hstte. bei denen übrigens auch nirgends ein Verfasser genannt wird, so daß man es überall mit der eigenen Arbeit des Verlegers zu tun zu habm scheint, angekündigt werden. Von diesen 14 Heften stnd nicht weniger als 9 Spinoza gewidmet, teils Übersetzungen aus seinen Schriften, teils ^Handlungen über sein Verhältnis zu anderen Forschern und über Stellung zu einzelnen Zweigen der Wistenschaft. Ich bin nicht Philosoph genug, um eine selbständige Meinung über diese Sache aburgeben: wohltuend ist jedenfalls der große Eiter, mit dem der ungenannte Verfaffer für seinen Helden eintritt. Höchst belehrend wirkt der geschichtliche Ueberblick von Vahle A-s Schopenhauer, in dessen Betrachtung sich die Verkennung und die Mißverständnisse zeigen, denen ber große Forscher jahrhundertelang in Deutschland und außerhalb 7) Das Königlich westfälische Konsistorium -der Israeliten nach meist unbenutzten Duellen. Don Dr. Felix Lazarus. Direktor des Isr. Seminars ''t Kassel. Aeußere Geschichte des Konsistoriums. Schulwesen. Anbang. InhalksverAeichniS. Preßburg, Buchdruckerei Adolf Alkalah u. Sohn Aachf. Frankfurt a. M.. Verlag von I. Kaufmann. 8) Aus der Zeit -der SchuHbriefe. GefchichMckre Erzählung für die reifere Tugend von Louis Galselder. Wilmersdorf. Berlin, Verlag von Louis Lamm. 9) Spinoza Redivivus. Eine Fibel für Anfänger und Verächter der Philosoph re. Mt 22 Figurenim Text. Berlin- 1917. Betlag von Max Dockenstein. Deutschlands ausgesetzt war. Bedenklich dagegen erscheint mir eine Tendenz, die, wenn ich nicht irre, die neue Schrift durchz'-eht und die verhängnisvoll werden könnte, wenn sie in den folgenden Heften noch klarer zum Ausdruck kommen sollte^ Wie einzelne moderne Goetbe- Forscher nämlich von einer Faust-Geheimsprache reden und sich dabei bemühen, alles, was Goethe gesagt hat. anders auszufasten, als es bei natürlichem Wortverstand gedeutet werden kann, so vertritt der Verfasser an einer Stelle ganz deutlich düe Ansicht, daß ^s eine Geliennsvrache Spinozas gäbe, zu deren Erkenntnis die Uebersetzer bisher nicht vorgedruingen seien und durch deren Erklärung das Verständnis ein anderes werden müsse. Ist das wirklich die Anschauung des Verfassers. so möchte ich ihn dringend mahnen, davon zu lasten. Durch solche Anschauungenfördert matt die Wistenschaft nicht. Kein wahrheitsliebender Schriftsteller macht solche Mätzchen: es beißt: Goetbe und Spinoza einen schlechten Dienst erweisen, wenn man ihr' bisweilen schwer verständlichen Aeußerüngen als Gehennsvraclw auffaßt und in dem Unvermögen derbisberiig-en Ueb"rsetzer und Erklärer ein tiefes Mißgeschick erblicken will, dem die Anschauung dieser Geister bisher begegnet ist. Don Spinoza zu Aaronsohn*9) ist ein großer Sprung. Ich will nicht so weit gehen, um zu sagen, man setzt hwr dein Wahrh-eits-verfechter den Lügensreund en taugen. aber ich muß doch bekennen, die Phantasie mehr als die Wahrheitsliebe hat Herrn Aaronsobn bei seinen Schilderungen begleitet. Die Phantasie nnd die Tendenz. Denn die Schrift ist offenbar von d^r Absicht erfüllt, die Türkei in der öffentlichen Meinung herabzusetzen, indem sie die gehässige, in unmenschliche Art darzustellen sucht, mit der die Türken ihre Soldaten überhaupt und die jüdischen insbesondere behandeln. Der Verfasser ist ein begeisterter Zionist und si-bt seine zionistischen Hoffnungen durch den Sieg Englands verwirklicht: daber entsteht sein Bemühen, alles, was durch die Türkei geschieht, als schlecht und verderblich und das durch England Begonnene als segensreich darzustellen. Manches in dem Büchlein ist ganz unterhaltend, besonders die Abschnitte, in denen der Verfasser von seiner nach manchen mißglückten Versuchen endlich gelungenen Flucht und der Medervereiniauna mit den Seinigen berichtet. Aber ich batte bei der Lektüre der Schrift, die auch sonst manches Lehrreiche enthält, durchaus die Emvsindnna. dass es sich um eine bestellte, im Dienste einer bestimmten Partei geschriebene Schrift handelt. Mit Derartigem aber wird der Wissenschaft nicht gedient. Wie aanz anders mutet aeaenüber dem parteiischen Palästinabnch das arotzzüaiae kulturhistorische Werk Sven Hedins an"). Dem unglücklichen mecklenburgischen Fürsten gewidmet, der seinem Leben ein freiwilliges Ende gemacht hot. spricht es lebhaft unterhaltend und unterrichtend in 26 Kapiteln von den vergangenen Vrachtstädten des Ostens. Bagdad. Babylon. Ninive sieben in ihrem alten Glanz vor dem Leser vorüber. Das Buch enthält View rein vertönliche Reiseeindrücke: es gibt allgemeine Natur- und Knltnrschilderunoen: es svricht von deutschen Forschungen und Resultaten wissenschaftlicher Reiten: aber es bietet auch aar manches dar. was für unsere Zwecke von grossem Interesse ist. wie schon ans dem lehrreichen Kgvitel: Bibel nnd Babel bervoraebt. Das Rn<h ist aktuell in ieder Besiebnna, indem es furchtbare Anklagen erbebt gegen dw allem menschlichen Emvfinden hobnsvrechende Tvrannei der englischen Regierung, und wir gestehen, daß wir Herrn Sven Hedin größeres Zutrauen schenken als Herrn Aaronsobn. Das Werk ist übrigens trotz des Kriea-es, trotz des Papiermanaels und trotz der ins Ungemessene gebenden Kosten für Einband und Illustrationen vräckstig ansaestattet: schöner Druck, seines Glanrvapier, eleganter Einband, zahlreiche, znm Teil sehr ante Illustrationen machen Anschauen nnd Lektüre des Werkes zu einem Vergnügen. Aber mit wirklichem Genuss folgt man dem Verfasser in seinen Darleannaen. Sven Hedin ist kein gelehrter Spezialist: -manche seiner Kombinationen nnd geschichtlichen Auseinandersetzungen mögen bestreitbar sein, aber er ist ein anaesebener Plauderer, ein frischer Beobachter fremder Volkseigentttmlichkeiten, ein im ganzen zuverlässiger Beobachter, weil er ein scharfes Auge besitzt und nicht nach Hörensagen, sondern sich nach eigener Kenntnis seine Meinung , bildet. Er gebietet ferner 10) Mit der türkischen Armr-e in Palästina. Von Alerander Aaronsobn. Mit einer vierfarbigen Kartz von DalMna. Rümp-litz. Bern. Buch- und Kunstdruckerei Hontelli A.-G., 1917. ") Sven Hedin: Bagdad, Babylon, Ninive. Leipzig, F. A. Brockhau§. 1918.