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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-04-05 · Heft 14 (5.4.1918) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 14 (5.4.1918)
Date
1918-04-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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8?. Jahrgang. Nr. 14 Berlin, 5. April 1918 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint «Schentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig PHMppfon Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße $6-$9, zu richten. Verlag von Rudolf rnosfe, Berlin. .. MMI „ .. , ..== tTftftStlf* Zum Passahfest. Von Tr. Willy Cohn (zurzeit im jjlUJOli« Felde). — Die Woche — Radierungen zu einer Haggadah von Joseph Budko. Bon H. Friedeberger. — Julius Wellhausen. Bon Dr. Sigmund Ja mp el (Schwedt a. d. O:). — Die rituelle Soldatenküche. Von Elias Nacht (Berlin), zurzeit im österreichischen Heere. — Feuilleton: Der Weg des jüngkw Hermann Kahn. Von Clement ine Krämer (München). — Der Silberleuchter. Pessacherzählung von Marie Beßmertny. — Die Erlösung. Von Jenny Bergmann (Steglitz). — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindevote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Hamburg, Magdeburg, Kassel, Mainz, Straßburg i. Elf., New Aork. — Von Nah und Fern. Lum Oallshfrlt. Von Dr. Willy Cohn (Zurzeit im Felde). enn der Soldat, der Jude ist, im Hinblick auf dieses Fest die Fülle der aus ihn einströmenden Gedanken zu ordnen unternimmt, so weiß er kaum, wo er anfangen soll. Das Passahfest ist das Frühlingsfest; keine andere Jahreszeit fordert so wie diese zu friedlichem Naturgenuß auf, keine Jahreszeit lockt so wie diese die Menschen aus den zu eng gewordenen winterlichen Stuben ins Freie. Und doch sind noch immer in der ganzen Welt Familien auseinandergerissen und unzählige Herzen sehnen sich über weite Entfernungen Zueinander. - Stärker als je regt sich die Sehnsucht und schwer, gar schwer trägt sich die Trennung von den Lieben daheim. Ist es nun doch schon das viertemal, daß wir das Frühlingsfest hier draußen vor dem Feind feiern. Und wenn wir die Blicke rückwärts gleiten lassen, dann scheint es uns fast unfaßbar, daß schon eine so lange Zeit vergangen ist. Viermal haben wir den Frühling in der Heimat versäumt, und mit den entschwundenen Jahren ist auch eiu Teil unserer eigenen Jugendzeit ins Nichts vergangen! Aber was will dieses persönliche Leid bedeuten vor dem ungeheuren Weh, mit dem die ganze Welt erfüllt ist! Und so kann das Frühlingsfest, das Passahfest, in diesem Sinne statt festlicher Freude nur Wehmut in uns auslösen. Aber es hat ja darüber hinaus eine große, gewaltige, religiöse und nationale Bedeutung, die uns Schützengrabenbewohnern mehr noch als den anderen in der Heimat zum Bewußtsein kommt: ist es doch der Tag der'Befreiung aus tiefster nationaler Schmach! Seelisch und körperlich unter das Joch der Aegypter gebeugt, hatte Israel die eigene nationale Existenz verloren und mußte die erniedrigendsten Arbeiten leisten. In dieser schmachvollen Stunde sandte ihm Gott den Befreier, der das geknechtete Volk zu eigener Existenz emporheben und ihm seine besondere Aufgabe unter den Völkern zuweisen sollte! Die Seele des Volkes hatte sich aus der Bedrückung zu den Höhen emporgeschwungen, zu denen es berufen war. — Jahrtausende sind seitdem vergangen, Völker sind gekommen und gegangen, aber Israel hat unter veränderten Formen seine Existenz bewahrt und in jedem Juden ist noch heute die Geschichte von dem Auszug aus Aegypten lebendig. Ueber die ganze Welt ist Juda im Lause der Geschichte verstreut worden, unter den Völkern wohnend, aber immer seine. Eigenart bewahrend in Treue zu dem Glauben der Väter und zu dem Blute, das in seinen Adern fließt. Die Geschichte des jüdischen Volkes ist eine gewaltige, aber auch eine leidvolle, und noch heute gibt es für manchen Teil der Judenheit das Land „Mizrajim", wo sie in seelischer und körperlicher Not leiden und die Stunde der Befreiung noch nicht geschlagen hat! Denn es ist nicht immer nur das körperliche „Ziegeltragen" unserer Vorfahren das Zeichen der Bedrückung; seelische Leiden können die schlimmeren sein! Denken wir an die ganze ruhmreiche Geschichte Judas zurück, so erfüllt uns der Stolz, Jude zu sein, Jude heißen zu dürfen! — Mag feige Schmähsucht uns verachten, uns kann es gleich sein, wir wollen uns nicht um sie kümmern, sondern unseren Weg gehen im Sinne unserer Vergangenheit. Dunkel sind die Lose unserer Zukunft, aber das eine wissen wir, daß auch für uns die Stunde schlagen wird, wo auf der ganzen Welt kein Jude mehr in seelischer oder materieller Unfreiheit, sondern als vollwertiges Mitglied der Menschheit leben wird und leben darf. Schon hat der Weltkrieg großen Teilen der Judenheit die Befreiung gebracht und auch das Land der Väter ist zum Kriegsschauplatz geworden. Das Schicksal Jerusalems, von dem einst unser Volk über die Welt sich verbreitet hat, das Schicksal dieser heiligen Stadt ist auch eine der Fragen geworden, die die Völker erregen, und in . jedes Juden Seele schwingt beim Klange des Wortes „Jeruscholajim" eine besondere Saite. In der Reihe der jüdischen Feste ist das Passahfest im besonderen Sinne ein Familienfest. Und wenn wir hier draußen im engen Unterstand einen Augenblick die Lider schließen, dann steigen jene unvergeßlichen Abende auf, wo im trauten» Familienkreise alle um den Sedertisch versammelt waren in. festlicher Stimmung und festlichem Gewände und der Jüngste die schon unzählige Male gestellte Frage wiederholte: „Warum ist diese Nacht ausgezeichnet vor allen anderen Nächten?" In unseren Ohren klingen die alten, ewig schönen Melodien und lassen uns vergessen, wo wir uns befinden. An jenen Abenden ist der Samen der Religiosität immer wieder von neuem in unser Herz gelegt worden. Die innere Verbindung von Religion und.Familienleben ist uns in jenen Stunden besonders klar geworden, und wir haben uns damals gelobt, diesen Geist dereinst auch in unsere Kinder zu pflanzen. Nun essen , wir seit langen Jahren das bittere Kraut der Trennung von den Lieben daheim, und die Erinnerung muß die Gegenwart ersetzen. Eine ungewisse Zukunft liegt vor uns; noch manches Herzblut wird fließen müssen, ehe die Stunde der Heimkehr geschlagen hat, und wie viele werden nicht heimkehren.

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