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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-03-22 · Heft 12 (22.3.1918) · p. Seite 144

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 12 (22.3.1918)
Date
1918-03-22
Page
Seite 144 (sequence 12)
Language
German
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144 gehörte. Und wem es dagegen bloß einen Inhalt gegeben, für einige Jahre. Und für wen es endlich nur eine Zerstreuung für ein paar Semester. Damit müsse man doch selbstverständlich rechnen. Hermann bewunderte diesen jungen Juden und seine kühle und sachliche Bedenklichkeit. Denselben, der mit tiefer Ergriffenheit und hoher Begeisterung die Worte des von ihm verfaßten Prologs gesprochen. Wie recht — dachte Hermann — hatte doch die Mutter mit ihrem Urteil über Salomea. Und auch darin, was zu halten wäre von ihren zionistischen Ideen, mit denen sie ihm wohl hatte imponieren wollen. Ihm, von dem sie ahnte, daß es ihm schließlich nicht so sehr auf die Idee selbst ankommen konnte als wie darauf, daß sich einer mit ganzer Hingebung überhaupt zu einer Idee bekannte. In diesen Tagen erhielt Hermann jenen Brief von Friedrich Lohse an seine Mutter. Da setzte er sich auf die Bahn und fuhr heim. Frohen Herzens. Und er fiel der Mutter um den Hals und fragte, wie es um sie stünde und ob sie diesen Mann wieder liebe. Und da Frau Kahn bejahend leise nickte — fast ein wenig beschämt, wie ihm schien —, da umhalste er sie von neuem und liebkoste und streichelte sie. Bis sie sich endlich losmachte. Und ihr Gesicht war inzwischen ernst und ernster geworden und beinahe traurig, wie es dem Sohne schien, so daß er es sich kaum mit fraulicher Gemertheit allein noch erklären konnte. „Na, Mutter," begann der werdende Arzt, mit einer ge- U'issen Väterlichkeit, „na, Mütterchen, schau' bloß nicht jetzt schon drein wie der betrübte Ehestand; ist das nicht ein Glück, wie dir und mir, Mutti, kein größeres hätte widerfahren können?" „Nein, mein Junge," entgegnete die Mutter, „nein, mein Kind, das ist gewiß kein Glück, einen Menschen zu lieben, mit dem man nie und nimmer eins kann werden." Hermann blickte fragend auf. Mit staunenden Augen. „Obgleich ich ihn lieb Hab'! Daß ich einen großen Jungen habe — darüber würde ich hinwegkommen, wen.n er ein so vernünftiger Bub ist wie meiner." Hermann nahm der Mutter Hand in die seine, streichelte sie und hielt sie fest. „Vielleicht auch darüber, daß ich schon eine ganze Weile über die Vierzig hinaus bin." Frau Kahn liebte es nicht, auch jetzt nicht, in dieser ernsten Stunde, genau die Zahl ihrer Jahre auszusprechen. „Die Menschen lächeln gern, wenn eine so alte Frau..." „Mütterchen," unterbrach Hermann, „bei allem Respekt, rede nicht dummes Zeug! Du bist keine alte Frau, keiner hält dich dafür — aber wenn auch — willst du dir dein Lebensglück von den Leuten vorschreiben lassen? Von Frau Dreifuß und Herrn Rosenfeld und Tante Jette und Tante Ernestine und von dem dicken Moritz Heß aus Frankenthal, hm?" „Höre, mein Junge", erwiderte die Mutter, „ja, ich kümmere mich darum, weil ich nämlich, ich kann mir nicht helfen, weil ich nämlich — deren Meinung teile." „Mutter?" ... „Ja, mein Junge," machte sie langsam und in Gedanken, „es ist nicht die Zeit, fahnenflüchtig zu werden." — Wie lange war es her, daß Hermann selber so gesprochen? War das nicht erst kürzlich Bäumke gegenüber? „Mutter," fragte er, „du sollst dich doch nicht taufen lasten?" — „Belleibe, davon ist nicht die Rede. Indes die Frau folgt dem Manne, Frau Lohse ist keine Judenfrau mehr. Was die Judenfchaft betrifft, so nimmt sie fürderhin kein Stückchen Brot mehr aus ihrer Hand." „Das ist wahr, Mutter, dann arbeitet sie mit der Menschheit zusammen, wenn es nicht gehen will mit der Judenheit." „Die Sache der Menschheit," sagte Frau Kahn, und man merkte an der Art, wie sie auf alle Einwände erwiderte, daß sie all diese Dinge oft und oft bedacht in ihrem Herzen, „die ganze Menschheit, es ist das Ziel; aber es ist noch nicht an dem, mein Junge, da sind erst noch ein paar Vorarbeiten! Ich bin um hundert Jahre zu früh dran, dann --wer weiß! Der arme Friedrich Lohse!" Und dabei blieb es. Und Friedrich Lohse mußte — wie er geschrieben — allein und traurig ins Alter hineingehen. Ist das nicht der junge Hermann Kahn, der da aufs Podium steigt? Der große Saal ist übervoll, und es sind kaum weniger wie tausend Augenpaare auf ihn gerichtet. Das Thema des Abends lautete: „Warum muß der Jude Zionist sein?" Es wurde von einem äußerst temperamentvollen jungen Mann in ansprechender Weise durchgesührt und die Gedankengänge durchleuchtet bis in ihre letzten feinsten Verästelungen hinein. Stürmischer Applaus der vielen, die da diese Ideen teilten, dankte dem Redner. Und darauf beginnt Hermann: „Es ist nicht ganz leicht — Pardon hm —" er hat die Anrede vergessen, dies verwirrt den Ungeübten so, daß er noch einmal beginnt: „Verehrte Anwesende!" — Einige kichern. — „Verehrte Anwesende! Es ist nicht ganz leicht, aus diese vorzüglichen Ausführungen zu antworten und die Sache — hm — die Sache nun einmal von dem entgegengesetzten Standpunkt aus darzutun. Denn dies ist kein Zweifel, daß die Ausführungen des Herrn Referenten ebenso gut als einseitig waren." „O nein!" ruft einer dazwischen, der ganz dicht beim Podium sitzt. Der ungeübte Redner hält einen Augenblick verwirrt inne, dann erst findet er das Wort: „O doch, sage ich> denn der Referent drückte seinen Ausführungen den Stempel der größten Allgemeingültigkeit auf; daS ist aber falsch." „Durchaus nicht!" rief die Stimme von vorhin wieder. — „Pst!" machen einige, während Hermann diesmal den Zwischenruf ignorierte. Und endlich empfindet er, daß er beginnt, innerlich freier zu werden, sich selbst zu finden und damit all dies, was er oft und oft durchgedacht, wieder und wieder in diesen letzten Tagen, da an allen Litfaßsäulen groß diese Worte zu lesen waren: „Warum muß der Jude Zionist sein?" Es ist auch die höchste Zeit, daß der da. auf dem Podium die Herrschaft über sich gewinnt und damit über die Zuhörer. Denn schon beginnt die Versammlung leise unruhig zu werden. „Ich sage", wiederholt Hermann, „was der Redner ausgesührt hat, muß falsch sein, sobald er es als allgemeingültig hinstellt und als objektive Wahrheit, denn, verehrte Anwesende" — fährt er fort — „der Herr Referent sagte mit jedem Wort, die anderen, die nichtzionistischen Juden — haben unrecht" — „Haben sie auch!" kommt es wieder aus demselben Munde wie vorher. — Diesem ist es offenbar weniger um die Sache, als um einen hübschen Radau zu tun. (Fortsetzung folgt.) lgücheremlauk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet ln keinem Falle statt. Neue Jüdische Monatshefte, 2. Jahrgang, 10./25. Februar 1918, Heft 9/10. Nord und Süd, 43. Jahrgang, Märzhest 1918. - Äutographenversteigierun'g XLIII. Im Aufträge von Karl' Ernst Henrici, Berlin W 35, Lützowstraße 82; geleitet durch den beeidigten Versteigerer Herrn Werner Haehnel. . Durch Musik und Leben im Dienste des Ideals. Don- La Mara. Band 1 und 2. Leipzig. Druck und Verlag von Breitkopf u. Härtel.

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