Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1918)
- Date
- 1918-03-22
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Genug, wo Störungen im Staatsgetriebe und im gewöhnlichen Lebew auftreten, werden die Juden der Schuld bezichtigt. Erst neulich wurden sieben jüdische Gymnasiasten auS Jasiy (der älteste Schüler war noch nicht 13 (!) Jahr« alt) der Spionage zugunsten Oesterreichs verdächtigt. Die besagtem „Spione" begaben sich, um die Osterferien zu verleben, nach Podul-Jloae (einem kleinen Städtchen unweit Jasiy). Da sie sich langweilten, unternahmen sie einen Ausflug in die Umgegend; sie bedienten sich dabei einer Landkarte und eines photographischen Apparates. Als man sie verhaftet hatte, fand man bei ihnen die genannten Gegenstände sowie zwei Aufnahmen, die eine zeigte die sieben Schüler vor einer Ruine (rumänische Festung!), die andere eine Bäuerin mit einem Keinen Kinde auf den Armen. Wahrscheinlich sollten diese Bilder dem Feinde aus seinem Vormarsch zweckdienlich sein! Kurz und gut, die Kinder wurden dem hohen Gerichte vorgeführt. Die Strafe' harrt ihrer noch. Arme, unschuldige Jugend! Ueber dieses Ereignis — das bald zu den alltäglichen gehört — brachten die antisemitischen Blätter, deren Zahl Legion ist, da sie von der Regierung unterstützt werden,, spaltenlange Berichte. Ist doch der rumänische Mnister Bratianu selber in höchst eigener Person ein fanatischer Antisemit, wahrscheinlich erblich belastet, denn sein Vater war es nicht minder. Sogenannte Ritualmorde sind an der Tagesordnung. Kurz vor Kriegsausbruch erhielt ich einen Brief aus Braila, worin mir mitgeteilt wurde, daß der Staatsanwalt* bei den Shnagogenbehörden Haussuchungen vornehmen ließ, da einem Offizier sein elfjähriger Knabe verschwunden wäre. Der Knabe soll verbrannt und die Asche zur Feier des Andenkens des zerstörten Tempels benutzt worden sein. Man fand kein Beweismaterial. Soll ich noch weiter die Leidensgeschichte dieser Menschen, die ganz genau denselben Anspruchs auf das Leben wie alle Mitmenschen haben, herzählen? Die ganze Menschheit denkt so, nur die Rumänen nicht, denn als die Juden die Gleichberechtigung verlangten, antworteten die Zeitungen und das Volk: Legt die Hand an den Knüppel und gebt ihnen Rechte. Eine Zeitung erdreistete sich sogar zu schreiben: „Die Juden, daS schmutzigste Volk der Erde, verlangen Rechte. Nachdem sie uns von allem Guten beraubt haben: vom Handel, Handwerk, aller Reichtümer des Landes, wollen sie Abgeordnete, Offiziere, Richter, Bürgermeister werden, mit einem Wort, uns völlig unterdrücken. Rumänen! Ihr sollt ivissen, daß diese Treulosen, die sich wie die Krätze ausgebreitet haben, uns zu untergraben suchen. Sie wollen Rechte auf der Basis, daß sie im Feldzuge (1913) Sanitäter, Bäcker und Ordonnanzen, während die Unserigew dem Tode ausgesetzt waren. Fragt, wieviel von ihnen gestorben sind. Nicht einer. Sie haben die Lebensmittel verteuert und haben uns ansteckende Krankheiten überliefert." Kommentar überflüsiig. Wer erfahren will, wieviel jüdische Aerzte und Soldaten im Feldzuge (eine Anmaßung!) der Cholera anheimgefallen sind, dem steht Meine Liste zur Einsicht bereit. 1907 bewies Rumänien, daß es auf der Höhe der Kultur — allerdings rumänischer Kultur — stand. Die Juden wurden gepeinigt, ihre Häuser mit Steinen beworfen. Die Polizei stand mit zusammengelegten, verschraubten Armen und beobachtete diese entwürdigende Schmach mit einer Gelassenheit, die man bei fühlenden Menschen nicht antrifft. Erst als die Raub¬ und Blutgier gestillt war, wurden die Räuber vertrieben. Mir steht diese Episode noch Kar vor Augen, als wäre sie gestern geschehen. Sind es doch schon bald elf Jahre her. Ich sehe aber immer noch die Steine ins Zimmer fliegen. Ich verfolge noch ihren Gang durch die Fenster, gegen die Köpfe, gegen die Lampen und sonstigen Gegenstände. Ist man denn imstande, so etwas zu vergessen? Ich muß dabei an Kants Worte denken: „Wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, daß Menschen auf der Erde leben!" Wenn nach fünfzig bis sechzig Jahren die Geschichtschreiber das zivilisierte Frankreich und England mit den Rumänen zu dem Zwecke alliiert sehen werden, um zivilisierte und kultivierte Völker wie Deutschland und Oesterreich-Ungarn zu vernichten, werden sie darüber erstaunt sein und schließlich zur Ueberzeugung gelangen, daß Franzosen und Engländer ebensolche Barbaren wie die jenseits der Transsilvanischen Alpen, wohnenden Rumänen sind. Heute liegt das Geschick der rumänischen Juden in den Händen, der Unterhändler der Mittelmächte. Von ihnen erwartet das ganze Judentum die Verwirklichung des Artikels 44 des Berliner Vertrages, mit anderen Worten, die Durchführung der Gleichberechtigung der Juden in Rumänien. In diesem Sinne begrüßt das ganze Judentum die Vertreter der Mittelmächte, die zum Wöhle der Unterdrückten, um mit ihrer zur Verfügung stehenden Gewalt einen Frieden der Gerechtigkeit zu schließen. LrrWrgÜrsjUllgknHkrmann Kahn. (7. Forts.) Von Cle m e n t i n e K r ä m e r-(München). lS man danach aber zur Franyaise antrat — Hermann hatte sich zum vis-ä-vis mit dem Freund« verabredet —, da stand auf einmal an dessen Arm — die schöne Salomea und erKärte Hermann auf seinen erstaunten Blick, sie habe einfach ihren Franyaifetänzer „versetzt"; „ein Keines Jüngelchen", setzte sie ungeniert lachend hinzu und ließ die weißen Zähne sehen. Und ihr Auge blieb bewundernd hängen an der prachtvollen Gestalt Bäumkes. Und dieser war der Löwe des Abends. daS war nicht zu leugnen. Aber Hermanns Seele ergriff eine tiefe Mißstimmung, die noch viele Tage nicht von ihm weichen wollte. Jede einzige — dachte er — würde all ihre Ideale vergessen und die Gattin des christlichen Leutnants werden, wer weiß, wie viele sogleich seine Geliebte. Ein junges Mädchen — überlegte er nach einer Entschuldigung suchend weiter — kann nicht immerzu nur für «in fernes Ideal begeistert sein; diese selbe Begeisterungssähigkeit erweist sich eben auch an einem schönen blonden Germanen. Und doch schmerzte ihn die Erfahrung sehr, daß er sich getäuscht hatte, indem er geglaubt, all diesen jungen Menschen sei es heiliger Ernst um ihre große Sache und sie würden ihr Alles hingeben um ihre Ueberzeugung, so wie er selber mit der ganzen Kraft seiner Seele darum rang. „Ja," meinte der junge Jsäaksohn, als sie sich ein paar Tage daraus trafen, ,,«S war ein wenig wüst, da ist kein Zweifel. Sie Habens Temperament, unsere Judenmädchen." Hermann erwiderte, daß dies nicht die Haupffache wäre, sondern daß er durchaus das Gefühl gehabt hätte, es sei den wenigsten so heilig ernst um die Sache, wie er angenommen hätte. — Das sei seine Schuld — erwiderte der andere —, wenn er dergleichen annähme. Jung« Dinger von achtzehn, neunzehn Jahren könnten doch noch keine fix und fertige Weltanschauung haben und gänzlich eins sein mit sich selber. Das käme doch meist viel, viel später. Zunächst begeisterten sie sich einmal und lange hinterher setze die Kritik ein. Und da zeige es sich dann erst, was daran gewesen und wer innerlich dazu