Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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81. Jahrgang. Nr. 50 Berlin, 14. Dezember 1917 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemenls-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32<*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor Br. Ludwig Geiger Verlag: Nuctolk ülosse, verUn, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße ^6-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. TfltftStlf* Was heißt Gott liebeu? Von I. Kolodziusky (BerLinjjllljull« Weißensee). — Tie Woche. — Jüdisch-Hygienische Kriegsliteralur. Von Canilätsrat Dr. Echerbel (Lissa i. P.). — Rosse und Kultur. Von Max Hermanny (Köln). — Von dem Judenquartier in New Jork. Von Dr. med. Rainer (Wiesbaden), zurzeit Kopenhagen. — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. — Miszellen. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Der Gemeindcbote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Äreslau, Dresden, Magdeburg, Frankfurt a. M., Den Haag. — Von Nah und Fern. Mas hnhl Gott lieben? Von I. Kolodzinskh (Berlin-Weißensee). ls unser großer Lehrer Moses vom Volke Israel Abschied nahm und ihm noch einmal alle Lehren und Gebote Gottes wiederholte, ries er aus: Höre Israel, der Ewige i st unser Gott, der Ewigei st einzig. Das heißt: Denket immer daran, daß^ ihr Israeliten, daß ihr Anbeter imd Kämpfer des einig einzigen und ewigen Gottes seid! Dieser Satz ist seitdem das Glaubensbekenntnis Israels. Und nach dem Berichte des fünften Buches der Thora fuhr Moses fort: Du soll st den Ewigen deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, m i t d e i n e r ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Auch dieser zweite Satz enthält eine der wichtigsten Mahnungen unserer Religion, ja man kann sagen, aller Religionen. Wir sollen Gott lieben. Was heißt Gott lieben? Wenn zwei Menschen sich lieben, so lebt einer für den anderen, er sorgt für ihn, arbeitet für ihn, er hilft ihm zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit, ja, er erfüllt die Wünsche des Geliebten, bevor dieser sie noch ausgesprochen hat. Wer liebt, beweist dem anderen seine Liebe nicht bloß durch Worte und Liebesbezeugungen, sondern durch die Tat, durch sein Leben. Die reinste Liebe ist bekanntlich die Mutterliebe. Die Mutter liebt ihr Kind ganz selbstlos, sie rechnet nicht auf Anerkennung, auf Dankbarkeit. Sie ist imstande, das Glück und das Leben ihres Kindes mit ihrem eigenen Glück, mit ihrem eigenen Leben zu erkaufen. Solche Liebe, wenn auch nicht so stark, gibt es nicht selten zwischen Eltern, Geschwistern, ja sogar zwischen Freunden. Und so sollen wir auch Gott lieben. Nicht nur mit Worten und Lobeserhebungen, sondern durch unsere Tat, durch unser Leben. Als unser Stammvater Jakob auf der Flucht aus dem Elternhause jenen wundersamen, für ihn so trostreichen Traum von der Hiinmelsleiter hatte, da tat er ein Gelübde und sprach: Wenn du, o Gott, mit mir sein und mich behüten wirst auf dem Wege, den ich gehe, und mir Brot zum Essen und ein Kleid zum Anziehen geben wirst, und ich in Frieden heimkehren werde in das Haus meines Vaters, so sollst du. Ewiger, mein Gott sein .... und von allem, was ich einst besitzen werde, will ich dir den Zehntenweihen. Was hat Jakob da dem lieben Gott versprochen? Er wollte ihm etwas weihen, das heißt im Grunde genommen etwas schenken. Kann man dem lieben Gott etwas schenken? Diese Frage wird gewöhnlich — und mit einem gewissen Rechte — verneint. Und doch kann man dem lieben Gott etwas schenken. Jakob nahm sich vor, den zehnten Teil seines Vermögens Gott zu opfern, er wollte ihn Armen und Dürftigen zugute kommen lassen. So müssen wir es auch machen. Wenn wir Gutes tun, das heißt, wenn wir wohltätig sind, so erfreuen wir damit Gott, wir schenken ihm gleichsam etwas. Und er, der Allmächtige, vergilt uns unser liebevolles Tun, indem er auch uns reich beschenkt, indem er uns zufrieden und glücklich werden läßt. Gott lieben heißt also das Gute lieben, das Gute tun. Und wann hätten wir mehr Gelegenheit, Gutes zu tun, Opfer zn bringen als gerade jetzt in dieser, ach schon so lange währenden Kriegszeit, wo es so viel Unglück, so viel Unglückliche gibt. Wollen wir uns als wahre Israeliten, als Bekenner des Gottes der Liebe zeigen, so müssen wir, jeder an seiner Stelle und jeder nach seiner Kraft, Liebesdienste erweisen, Opfer bringen, und zwar mit ganzem Herzen und ganzer Seele. Jakob gelobte Gott, und er hat es auch durchgesührt, immer den zehnten Teil seiner Habe zu opfern. Er hat also schon von den ersten zehn Schafen, die er besaß, eines dem lieben Gott geopfert. Auch wir müssen nach unserer Kraft, nach unserem Vermögen Gutes tun. Vor Gott ist die kleinste Gabe des Wenigbemittelten genau so viel wert wie die große Spende des Reichen, ja noch mehr, wenn sie aus ganzem, das heißt aus liebevollem Herzen dem Nächsten, dem bedürftigen Nebenmenschen gegeben wird. Das ist Wohltun, das heißt Gott lieben. Unsere Religion ist keine Religion des bloßen Glaubens, sie verlangt von ihren wahrhaften Bekennern vor allem die gute Tat. Aber auch das, was in der Seele des Menschen der Tat vorangeht, muß schon gut sein. Bevor wir etwas Gutes tun (denken wir beispielsweise an die milden Gaben, die wir für unsere Krieger, für unsere Verwundeten gespendet haben oder noch spenden wollen), empfinden wir Mitleid mit dem Schicksal der Feldgrauen, die sich für uns opfern oder schon geopfert haben, wir empfinden Dankbarkeit für sie, und wir fühlen, daß wir ihnen helfen müssen, wir fühlen also das Gute. Dann kommt unser Verstand. Wir fragen uns, wir überlegen, wieviel wir übrig haben, was wir an Wäsche, Kleidung, Nahrungsmitteln, von unseren Spargroschen abgeben können. Wir denken also über die Größe der Spende nach. Und nun erst nehmen wir Wäsche, Kleider, Speise oder Geld und spenden es. Das ist die Tat, die gute Tat. Wir sollen also nicht gesühl- und gedankenlos Gutes tun. Das ist ebensowenig wahres Wohltun wie das, was man nur aus Eitelkeit, aus Ehr- und Ruhmsucht tut. Wir sollen das Gute fühlen, das Gute