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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-16 · Heft 46 (16.11.1917) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 46 (16.11.1917)
Date
1917-11-16
Page
Seite 548 (sequence 8)
Language
German
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548 Regierung stimmte dem bei; aber die bureaukratische Schablone damals arbeitete langsam, und so vergingen die Jahre, während man erwog, ob die Anstalt in Wien oder Prag gegründet werden sollte. Inzwischen fiel der Absolutismus, und Ungarn erhielt wieder seine parlamentarische Regierung, in der das Unterrichtsressort dem wahrhaft liberalen Baron Eötvös zufiel. Dieser mit den echten freiheitlichen Ideen des Jahres 1848 erfüllte Staatsmann faßte den Gedanken, den Juden in Ungarn eine gleiche Organisation und Selbstverwaltung zu geben, wie sie die übrigen Konfessionen besitzen. Dazu berief er den Jüdischen Kongreß (1868/69), der jedoch die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllte. Statt eine einheitliche Organisation der gesamten Judenschaft zu schaffen, führte er zur Spaltung in zwei große Lager, die noch heute klafft, in das orthodoxe und das Kongreßjudentum. Der Kongreß hatte den Beschluß gefaßt, eine Rabbinerschule zu gründen und ein Komitee zur Ausarbeitung eines Entwurfs über alle Einzelheiten dieser Anstalt eingesetzt. Dieser Beschluß wurde vom König sanktioniert (1873). Ein Jahr danach (1874) wurde mit dem Bau des Anstaltsgebäudes begonnen, und am 4. Oktober 1877 wurde die Rabbinerschule feierlich eröffnet. Während dieser acht Jahre (1869 bis 1877) hatte die Orthodoxie alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Zustandekommen der Anstalt zu vereiteln. Auch nachdem die königliche Sanktion erfolgt, die Errichtung der Rabbinerschule also gesichert war, versuchte die Orthodoxie einen Sturinangriff. Eine Menge Petitionen orthodoxer Gemeinden verlangte vom Reichstag, es möge aus dem oben besprochenen Schulfonds für die Rabbinerschule nicht dasmindeste verwendet iverden, bevvrdieser nicht zwischen den beiden Konfessionen (!) gemäß ihrer Seelenzahl geseilt lvorden sei. Tie Regierung war objektiv genug, daß sie die vom Kongreß geschaffene Organisation den dagegen sich auflehnenden Orthodoxen nicht oktroyierte; sic ging sogar weiter lind bestätigte die besondere Organisation der Orthodoxen, jedoch ans die geforderte Anerkennung zweier jüdischer Konfessionen war sie nicht geneigt einzugehen, ebensowenig die Verwaltung der Fondserträgnisse aus ihren Händen zu geben und die Rabbinerschule, die seit 25 Jahren auf der Tagesordnung stand, fallen zu lassen. Sie verharrte auf dem Standpunkte, daß der Schulfonds gemäß den Regierungsverordnungen bei seiner Gründung unteilbar sei und in erster Reihe zur Errichtung einer Rabbinerschule und notwendiger Lehrerpräparandien und in zweiter Reihe zur Unterstützung jüdischer Schulen zu verwenden sei. Die Orthodoxie erlitt keinen Schaden dadurch, daß die Regierung ihren Wünschen nicht entgegenkam. Btan darf es ja heute sagen: die ungarische Orthodorie war in den sechziger und siebziger Jahren ihrer Majorität nach überhaupt schulfeindlich; sie sah in der Schule den größten Gegner der Religion, verketzerte das ungarische Wort ebenso wie das deutsche und klammerte sich an den Jargon. Die Zeit hat auch da großen Wandel geschaffen. Die! Lehrerpräparandie hat nicht wenige orthodoxe Gemeinden mit > Lehrern versorgt und erhält ihr Material zumeist aus diesen j Kreisen. Klar bezeugt das folgende Angabe: Im Internat dieser Schule befanden sich während der letzten drei Jahre! 2 bis 5 Schüler aus Kongreßgemeinden gegenüber 41 bis 46 I aus orthodoxen Gemeinden. Eine gleiche Zusammenstellung j aus der Rabbinerschule würde ein ähnliches Verhältnis ergeben. Die Landes-Rabbinerschule in Budapest ist also eine staatliche Anstalt, die dem Unterrichtsministerium untersteht, das aus dem Schulfonds die zu ihrer Erhaltung notwendigen Summen anweist, die Mitglieder des mit der Verwaltung betrauten leitenden Komitees ernennt und auf dessen Vorschlag die Lehrkräfte bestätigt. Die ersten Lehrer sind nun schon gestorben: zuerst David K a u f m a n n, dahingerafft im Mannesalter, der gründliche wissenschaftliche Arbeit mit glänzendem Stil vereinigte. Er bereicherte die Wissenschaft mit zahlreichen Werken aus dem Bereiche der Geschichte und Philosophie. Ihm folgte, hochbetagt, ein Neunziger, Moses Bloch, der aus den Tiefen des Talmuds und der Dezisoren sehr kostbare Schätze hob. Endlich, vor vier Jahren, Wi l - Helm Bacher, der unermüdliche Erforscher der mittelalterlichen Kommentatoren und Grammatiker, der die Fundgrube der Agava ausgeschöpft lind auch dem Laien zugänglich gemacht hat. Sie bildeten die erste Generation der Meister, die eine Garde Jünger herangebildet,nicht nur Wissen und Lehren verbreitet, sondern mit warmeui Herzen und mit innigem Verständnis und gefühlvoller Teilnahme auf das,Herz, Gemüt und den Charakter der zu ihnen empor blickenden Hörer und Schüler wirkten. — Die zweite Lehrergeneration entstammt schon der Anstalt. An ihrer Spitze steht Direktor Ludwig Blau, der „naar hojisi gam zokanti", als Jüngling eingetreten, nun bald die Schwelle des Alters in ihr erreicht hat. Seine wissenschaftliche und Lehrtätigkeit diesmal übergehend, sei erwähnt das besondere Verdienst, das er sich erwirbt mit dem Bestreben, das materielle Wohl der Hörer aus eine sichere und feste Grundlage zu stellen. . „Wo kein Brot, auch keine Thora." Dieser alte Grundsatz ist leider in den Rabbinerseminaren nicht genügend beachtet worden. Man begnügte sich mit einer Unterstützung der Rabbinerkandidaten, anstatt sie ganz zu versorgen. Auch in dieser Hinsicht wird es mit der Zeit besser. An der Spitze des leitenden Komitees steht Rechtsanwalt Dr. Franz Mezey, der seit seiner frühesten Jugend mit außerordentlicher Sachkenntnis, unermüdlichem Eifer und jugendlicher Regsamkeit für das ungarische Judentum wirkt und manche großzügige Institution ins Leben gerufen hat. Seine Liebe zum Judentum und seine hervorragenden Geistesgaben haben ihn zu einer führenden Rolle prädestiniert. Bestehendes ausbauen und entwickeln. Neues schaffen und gründen, ist sein Losungswort. Mit tiefem Verständnis für die heutigen Gottesdienst am versöhnungstag zu plevlje.

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