Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1917)
- Date
- 1917-10-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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81. Jahrgang. Nr. 43 Berlin, 26. Oktober 1917 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32$. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalenrer Stratze H6-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Tlttftftlf* Zukunft der jüdischen Volksschulen und des Volks- LßllVUlL. schullehrerstandes. Von. Hermann Becker. — Die Woche. — Zum 160. Geburtstage von Heinrich Graetz. 1817—1917. Don A. Lewinsky. — Glaube und Heimat. Von Geh. Instizrat Dr. Eugen Fuchs. — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Gold schmidt. — Zionist und deutscher Jude. Don F. L. — Miszellen. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemcindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Thorn, Posen, Köln, Fürth, Buttenwiesen, Straßburg i. E., Kopenhagen, Lodz. — Von Nah und Fern. WeLulmntt der jüdischen Volksschule und des jüdischen Volkstchullehrerltondes. Von Hermann Becker. I. nter den Dingen, die nach der Beendigung des Weltkrieges unausbleiblich eine Neuordnung erfordern werden und müssen, ist die jüdische Volksschule nicht zuletzt zu nennen. Hier erhalten doch, besonders in Keinen und Mittelstädten, die Kinder aller Stände mindestens in den ersten drei oder vier Schuljahren ihre erste Erziehung zum Judentum, die minder gut situierten Stände sogar bis zur vollendeten Schulpflicht. Im „Zeitalter des Kindes" braucht man nicht Schulmann zu sein, um zu wissen, wie nachhaltig die ersten Eindrücke auf Herz und Gemüt der Kinder wirken. Haben doch unsere größten Dichter, Gelehrten, Techniker, kurz alle führenden Männer und Frauen in ihren Lebenserinnerungen und Briefen diese Tatsache überzeugend genug geschildert. So dürfte denn eine Erörterung dieser anscheinend nur erziehlichen Frage auch bei den Lesern der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Teilnahme finden. II. Es soll hier nicht unsere Aufgabe sein, die Notwendigkeit besonderer jüdischer Volksschulen zu beweisen. Der Versuch ist oft genug gemacht worden, ohne daß die großen jüdischen Verbände, die ein ganz besonderes Interesse an dieser Frage haben, zu einer Einigung gekommen sind, der Meinungskampf hat sogar zu einer Entfremdung großer Verbände geführt. Doch drei Umstände, welche als Folgen der gegenwärtigen Kriegslage eingetreten sind, zwingen alle Parteirichtungen des Judentums zur bangen Frage: Was wird aus den gegenwärtig noch bestehenden kleineren jüdischen Volksschulen, was aus ihren Lehrern, und wo sollen die jungen, jüdischen Lehrer, die alljährlich aus unseren fünf jüdischen Lehrerseminaren in Deutschland entlassen werden, zur Anstellung gelangen? Die drei Umstände, welche uns zwingen, gerade jetzt entschieden Stellung zu dieser Frage zu nehmen, sind folgende: 1. Die Landflucht, welche unzweifelhaft nach Beendigung des Krieges noch größer werden wird, als sie bisher gewesen ist. 2. Die vertretungsweise Beschäftigung der jüdischen Lehrer an solchen christlichen Schulen, wo Lehrkräfte zum Heeresdienst einberufen sind, bzw. die gastweise Aufnahme jüdischer Volksschüler, deren Lehrer im Heeresdienste stehen,, in die christlichen Schulen. -3. Die Zusammenlegung konfessionell getrennter Volksschulen infolge des Kohlenmangels. Es ist unzweifelhaft, daß diese Umstände das Ende der wenigen noch bestehenden jüdischen Volksschulen beschleunigen und daß damit die jüdischen Volksschullehrer vor dem Nichts stehen werden. Darüber wollen wir uns keiner frommen Täuschung hingeben, so betrübend auch diese Erkenntnis ist, besonders für diejenigen, welche, wie der Schreiber dieser Zeilen, in den vordersten Reihen der Kämpfer für die Erhaltung der jüdischen Volksschulen gestanden haben. Wohl ist es mir vor dem Kriege gelungen, durch Unterhandlungen mit den Schulvorständen, städtischen und staatlichen Behörden, einige Volksschulen zu erhalten oder doch bei ihrer endgültigen Auflösung die Anstellung des jüdischen Volksschullehrers an der christlichen Volksschule bzw. paritätischen oder Simultanschule, dank dem unermüdlichen Eifer der jüdischen Schul- und Gemeindevorstände, dank den städtischen Behörden durchzusetzen. Doch der große Lehrmeister, der Krieg, zwingt uns alle, wenn auch nicht zum Umlernen, so doch zu neuen Erkenntnissen, die sich in neue Taten umsetzen. III. Ein kurzes Wort zunächst über die Wirkungen der oben bezeichneten Umstände auf die jüdischen Volksschulen. Nach dem Kriege wird unsere ganze Volkswirtschaft eine durchgreifende Umgestaltung erfahren. An dieser Umgestaltung ist vor allem die Industrie und der Handel beteiligt, jene Berufe also, die ganz besonders von unseren Glaubensgenossen ausgeübt werden. Die Stätten dieser beiden Berufsarten sind vorwiegend die Großstädte. Hier wird sich also voraussichtlich ein ungemein reges Erwerbsleben nach dem Kriege bemerkbar machen, denn sowohl die Heranschaffung der Rohstoffe als auch ihre Verarbeitung, ebenso auch die sogenannte Veredlungsindustrie, die vornehmlich in den uns jetzt feindlich entgegenstehenden Ländern ihren Absatz findet, wird alle verfügbaren Kräfte heranziehen, um dem Mangel aller durch den langen Krieg zerstörten Güter, der Produktion und des Zwischenhandels, des Verbrauches und der Vorratsbeschasfung so schnell als möglich abzuhelfen. Daß diese ungeheure und gewinnbringende Tätigkeit die Landflucht nicht allein unserer Glaubensgenossen, sondern auch aller anderen Bewohner des flachen Landes und der kleinen Städte befördern wird, ist Kar. Nun hat freilich die neugegründete Hauptstelle für die Berufsberatung der Juden die löbliche Absicht, diesem Zuströmen in die großen Städte zu wehren und die Seßhaftigkeit der Juden