Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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81. Jahrgang Nr. 27 Allgemeine Berlin, 6. Juli 1917 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements«pre)s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin and Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung der Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung der Judentums*, Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-**, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Tfltflttlt* Schaffung eines „Handbuches für jüdische Wohlfahrtspflege." Von Gustav Cohn. — Die Woche. — Die hebräische Sprache und der jüdische Religionsunterricht an den höheren Lehranstalten. Von Dr. S. Pincus (Aachen). — Karl Ullmann in München. Geboren 1869, gestorben 26. April 1917. Von L. G. — Wilhelm Wüzsonyi, königlich ungarischer Justizminister. Von Professor G. Schwarz (Agram). — Die Kriegshilssaktion der Israelitischen Allianz zu Wien. — Miszellen. — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. Der Genreindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Tcnrwwitz, Nürnberg, Pirmasens, Mainz, Wien, New York. — Von Nah und Fern. Schaffung rinrs „tzgndbuchks für Milche Wohlfshrtspklkge". Bon G n st a v C v h n. mit aufrichtiger Genugtuung dürften weite Kreise die auf eine umfassende Organisation der jüdischen Wohlfahrtsvereine und Verbände gerichteten Bestrebungen begrüßen, die in der sechsunddreißigsten Vertreterversammlung des Verbandes für jüdische Wohlfahrtspflege festgelegt wurden. In den Mittel- und Kleingemeinden noch mehr als in den Großgemeinden tritt dem einzelnen die Notwendigkeit einer solchen Zusammenfassung mit größter Deutlichkeit ins Bewußtsein, sobald man nur erst den Gedanken der Wohlfahrt im Gegensatz zur — vermeintlichen - - Wohltat, ohne Prüfung und Unterschied, gutgeheißen hat. Als nicht minder wertvoll muß die bei diesen Besprechungen in Aussicht genommene Sammlung von zuverlässigem Material über die bestehenden Verbände und Vereine in Deutschland bezeichnet werden, die vornehmlich den Zweck verfolgen würde, eine Beseitigung von überflüssigen, eine Stärkung von schwachen Vereinen, eine Ueberwachung von Neugründungen zu erzielen. Im Anschluß an diesen Plan möchte ich jedoch einen Wunsch zur Besprechung stellen, der mir schon seit langem vorschwebt und nun in Verfolg genannter Bestrebungen feste Gestalt gewinnen könnte: die Schaffung eines „Handbuches der jüdischen Wohlfahrtspflege". In der Aussprache, die auf der genannten Vertreterversammlung sich an den Vortrag anschloß, wurde auf das „Statistische Jahrbuch des D. I. G.B." verwiesen, das ein ausreichendes und zuverlässiges Material über alle Wohltätigkeitsorganisationen in Deutschland enthalte. Daß dem nicht so ist, weiß der am besten, wer auf dieses Jahrbuch angewiesen ist, um sich über die jedesmal geeignetsten Wege, zu helfen und Ul fördern, zu unterrichten. Es soll damit dem außerordentlich wertvollen Buche keinerlei Vorwurf gemacht werden: die Absicht, die der Herausgabe des Jahrbuches zugrunde liegt, ist ja im wesentlichen die, ein zuverlässiges Nachschlagebuch für die Gemeindeverwaltungen zu bieten, und diese Aufgabe hat das Jahrbuch im besten Sinne gelöst. Die andere Aufgabe, ein ausreichendes Handbuch der jüdischen Wohlfahrtspflege zu schassen, könnte es gleichzeitig nur lösen, wenn seine Handlichkeit geopfert würde. Aber vielleicht im Anschluß an das bestehende, als ein besonderer Teil, könnte das geschaffen werden, was ich als wünschenswert erachte. Häufig geschieht es, daß man in irgendeinem Falle helfen möchte, ohne aber den richtigen Weg zu kennen. Man greift zum Jahrbuch. In vielen Fällen findet man da eine Organisation oder Institution genannt, die für den gesuchten Zweck geeignet erscheint; in vielen anderen Fällen bleibt das Suchen ohne Ergebnis, nicht etwa, weil es an einer entsprechenden Einrichtung fehlt, sondern weil man sie nicht als zweckentsprechend erkennt. Aber selbst wenn man die in Betracht kommende Stelle entdeckt hat, ist man noch allen möglichen Fährlichkeiten ausgesetzt. Ein Beispiel mag das erläutern. Ich wollte einer Braut bzw. ihren Eltern zur Erlangung einer Brautunterstützung behilflich sein. Aus einem früheren Falle war mir eine Stiftung bekannt, aus der eine solche Beihilfe erwartet werden konnte, und auch die Bedingungen, unter denen eine Bewilligung erfolgen könne, glaubte ich zu kennen. Da infolge des Krieges und des Heeresdienstes des Bräutigams an eine Hochzeit noch nicht gedacht wurde, drängte ich auch nicht zur Eile, wenn auch die Herbeischaffung der Unterlagen eingeleitet wurde. Unerwartet bekam der Bräutigam Urlaub aus dem Felde, und es wurde Kriegstrauung beschlossen. Kurze Zeit darauf wurde der Antrag eingereicht, es kam aber ein Bescheid, daß nach den Bestimmungen der Stiftung nur „Bräute" unterstützt werden dürfen. Es ist zwar in diesem Falle - wie ich glaube, infolge meiner sehr warmen Fürsprache — der „jungen Frau" eine Unterstützung gewährt worden sich hatte mich darauf berufen, daß ein Haushalt erst nach Friedensschluß begründet werden würde); aber wenn etwa andere Bewerberinnen vorhanden gewesen wären, bei denen sämtliche Bedingungen in ordnungsgemäßer Weise erfüllt waren, dann hätte die Verwaltung der Stiftung trotz besten Willens wohl kaum sich zu einer Ausnahme verstehen können. Es hätte aber auch leicht die andere Möglichkeit eintreten können, daß eben erst die Sitzung der Verwaltung stattgefunden und die Verteilung der Zinsen für einen längeren Zeitraum festgelegt hätte. Derartige Umstände gibt es eine ganze Anzahl; jeder, der auf diesem Gebiete wirkt, wird Gelegenheit gehabt haben, von dem einen oder dem anderen betroffen zu werden. Die Folge ist nicht jedesmal ein gänzliches Ausbleiben einer gewünschten und erforderlichen Hilfe; oft kann man, wenn der eine Weg vergeblich war, auf einem anderen zum Ziele gelangen. Aber eine Menge Arbeitskraft und Zeit wird nutzlos verschwendet, und oft geht kostbare Zeit verloren auch für den Betroffenen. Man wendet sich mit Anfragen an die in Betracht gezogene Organisation; man bekommt Auskunft, die bisweilen erst nach mehrmaligem Schriftwechsel