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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-06 · Heft 14 (6.4.1917) · p. Seite 168

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 14 (6.4.1917)
Date
1917-04-06
Page
Seite 168 (sequence 12)
Language
German
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„Da sieht man, wie dumm ihr Weiber seid! Niemals wird man mit euch fertig! Ich bin doch dein Mann, und warum gehorchst du mir nicht? Hundertmal habe ich dir schon gesagt, daß ich nicht länger mit dir zusammenleben will; aber du hörst immer noch nicht auf zu lärmen und zu schreien. — Ich bin ja noch jung und stark und habe auch noch ein schönes Stück Geld im Sacke, und darum sehe ich gar nicht ein, warum ich mich mein ganzes Leben mit einer alten Frau herumschleppen soll? Darum sage ich dir zum letzten Male, höre auf zu jammern, oder . . ." Er fuchtelte wird mit dem Riemen. Melle, eingedenk der unfreiwilligen Pause, die sie vorhin durch den Skandal hatten eintreten lassen müssen, gab jetzt dem Publikum keine Zeit zu einer Unterbrechung, sondern fuhr schnell fort: „Perez, Perez!" aus Bequemlichkeit oder Gedankenlosigkeit hatten sie in dem Stück auch die Originalnamen beibehalten, die in dem bewußten Brief erwähnt waren. „Perez, Perez! Bist du denn meschugge geworden oder bist du kein jüdisch Kind mehr? Haben wir denn nicht zusammen unter der Chuppe gestanden? Warum soll ich nicht mchr deine Frau sein? Weil ich alt bin? Wer nicht alt will werden, muß sich in der Jugend aufhängen!-Und schlagen willst du mich! Und noch dazu mit einem ledernen Riemen! Gewalt! Hilfe! Hilfe! Mörder! Gannew! Warum willst du mir solche Busche antun, mir und deinen unschuldigen Kindern? Handelt so ein jüdischer Mann, ein jüdischer Vater? Sollen die Menschen mit Fingern nach mir zeigen und mir Nachrufen: ,Sehet nur, da geht das schlechte Weib, die ihren Mann so gequält und schlecht behandelt, die ihm gewiß die obersten Kartoffeln und das Unterste der Suppe gegeben, sich selbst aber das beste Stück Fleisch ausgesucht; darum geschieht es ihr schon recht, daß er sie sitzen und schwitzen läßt. -- Perez, sag die Wahrheit, habe ich so mit dir gemacht? Perez, du wirst sehen, dein Szoff wird nicht gut sein!" Unsere Mimen verstanden es wohl, die menschlichen Empfindungen richtig einzuschätzen, die es lieben, in Extremen zu schwelgen; darum schlug Melle jetzt einen ganz andern, weinerlichen Ton an, und fuhr fort: „Ach, Perez, mein geliebter Mann, sei nicht schlecht zu mir, ach, laß mich nicht sitzen, und schwitzen kann ich auch nicht, denn mir ist eiskalt vor Gram und Kummer; mein Herzblut ist zu einem Eiszapfen erstarrt und erfroren, daß mir vor Angst die Zähne klappern." Die Spannung sollte jetzt durch ein Witzwort ausgelöst werden — daher wurde Melle in ihren Klagen durch Uscher unterbrochen: „Channe, du kannst ja gar nicht mit den Zähnen klappern — hahahaha — du hast ja gar keine Zähne mehr im Munde; du bist doch schon viel 31t alt. Und übrigens, was geht es mich an, -daß die Weiber von dir reden werden? Ich werde es doch nicht mehr hören; ich gehe ja weit fort von hier. Kann ich denn etwas dafür, daß du so häßlich geworden bist? Ich kann dich nicht mehr leiden, und es wird nur Zank und Streit zwischen uns sein. Also ich gehe fort und werde dir bald einen „Get", einen richtigen Scheidebrief, schicken." (Fortsetzung folgt.) Tsntr TruÄe. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (8. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) er nicht so haßt, liebt auch nicht so." Und das verletzt mich immer so tief. Alles Aussprechen bringt kein Verstehen in dem Punkt. Er sicht sie fallen, die jungen Söhne aus unserem Bekanntenkreis, — es ist nicht zu sagen, wie viele von den jüdischen Familien hier schon in Trauer sind, — jeder einzelne Fall trifft sein ehrlich gutes Herz, jedem einzelnen der jungen Helden gönnt er die verdienten Ehren — im ganzen hat doch nur seine Rasse die Vaterlandsliebe gepachtet. Wir sprachen noch lange, aber wir kamen uns nicht näher. „Und im übrigen müssen wir hoffen dürfen, daß es bald Frieden gibt, daß die Welt wieder vernünftig und gut wird, und dereinst kein Krieg mchr auf der Erde sein wird." „Um Gottes willen, da sei Gott vor." „Günther!" „Sie wissen ja, was Moltke gesagt hat: „Ein ewiger Friede ist ein Traum, und nicht einmal ein schöner. Krieg ist das Erhabenste und Größte, was es auf der Welt gibt." Wie prophetisch sprach er das, feierlich und tief durchdrungen. „Mit all seinen Schrecken?" fragte ich zögernd. Und er wuchtig vor lauter Bestimmtheit: „Ja, mit all seinen Schrecken." „Günther, ich kann nicht mit mit Ihnen". Dann ging er. Ich blieb wie immer, wenn wir das Thema vorhatten, in großem Aufruhr zurück. Und über eines muß ich Nachdenken — ein müßiger Gedanke, denn er hat nichts mit dem, was ist und sein könnte, zu tun: Wie ist es, wenn zwei eine Mischehe eingehen? Es geschieht doch so oft, und es muß doch geschehen, wenn zweie in passendem Alter sind und sich lieben. Dann geben sie sich zusammen in innigster, seelischer Gemeinschaft, in der nichts Fremdes, nichts Feindliches sein darf. Und eines Tages wird ein leises Staunen sein zwischen den zweien, eine letzte Schranke, und der eine wird dahinter die Fehler des anderen sehen, keine harmlosen, persönlichen, wie sie jeder haben darf, denn kein Mensch der Welt hat nötig, fehlerlos zu sein; nein, Rassefehler, die angeboren, unausrottbar und der eigenen Art fremd und feindlich find. Ein letztes Restchen Mißtrauen bleibt und verdächtigt und verdunkelt den anderen. Ich kann begreifen, daß man bis zur Selbstaufopferung einen Andersgläubigen liebt, daß man es gegen eine Welt durchsetzt, ihm zu folgen, und wenn man alles, alles sonst aufgibt, — aber ob man restlos bis zum tiefsten innersten Verstehen glücklich werden könnte, das weiß ich nicht. — * „Wann kommt sie denn, Ihre Tante Phine?" Ich mußte lachen, mit solchem Ausdruck ehrlicher Abneigung sagte er das. Was hat denn nur Günther gegen meine Tante? Er kennt sie doch gar nicht? Ich sagte chm das. „Ach Gott, so eine Tante", sagte er. In dem Ton lag alles. „Mchr wahrhafte Empfindung als Logik, guter Freund!" Eigentlich müßte ich ja beleidigt sein, daß er meinen nahen Verwandten solches Mißtrauen entgegenbringt. Aber ich hatte solche Freude an seiner knabenhaften natürlichen Art, solche Freude an chm selbst. Es ist ein so tiefer Wesensunterschied zwischen uns. Wenn er mir nun meine Ansichten übel genommen hätte, da er sie mißversteht? Es wäre so schlimm für mich gewesen. Wie das junge, blühende Leben selbst erscheint er mir immer, seine frische, trotzige, tüchtige Art. „Wissen Sie, Tante Trude, daß mir der Himmel nichts Unangenehmeres bescheren könnte, als daß er mir hier m dem Ort eine Tante hersetzte, die ich hofieren müßte und die mir in mein Leben hineinschnüffelte?" (Fortsetzung folgt.)

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