Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1917)
- Date
- 1917-02-09
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
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62 samer Verfolger, wo er die Macht hat. Größer noch als im Verlangen ist er im Versagen der Toleranz! Troß der klaren Entschlüsse der verbündeten Regierungen kann man über die wirkliche künftige Gestaltung der polnischen Zukunft nichts Bestimmtes sagen. Insbesondere weiß man nicht, welchen Einfluß auf die inneren Angelegenheiten des neuen Staates die Mittelmächte sich Vorbehalten werden. Daß ein solcher in gewiffen Grenzen gewahrt bleibt und daß nicht ähnliche Verhältnisse wie in Rumänien eintreten, wo die klaren Bestimmungen des Berliner Kongresses einfach unbeachtet blieben, ist schon aus dem Grunde wahrscheinlich, weil es in Polen auch eine deutsche Minderheit und deutsche Interessen gibt, die geschützt werden müssen. Selbst aber im ungünstigsten Falle, wenn nämlich den Polen für die Unterdrückung der Minoritäten völlig freie Hand gewährt würde, ist das Geschenk, das die deutsche Herrschaft zurückläßt, von größtem Werte. Diese gesetzliche Zusammenfassung der gesamten Judenheit wird nicht so leicht beiseite zu schieben sein, wie man es mit Vereinen und zu Sonderzwecken gewählten Ausschüssen tun könnte. Sie wird treu die Wacht halten, jederzeit gegen judenfeindliche Maßnahmen, gegen Verletzung der verfassungsmäßig zu gewährenden Grundrechte, gegen Entrechtung und Unterdrückung energisch auftreten. Sie wird im Polenstaate das politische Gewissen, eine machtvolle Verkörperung des Rechtsgedankens darstellen. Und dem einzelnen Juden wird die staatliche Organisation ein Rückhalt sein. Sobald er weiß, daß ein ihm angetanes Unrecht von einer Staatsbehörde beachtet und verfolgt wird, von einer jüdischen Behörde, die auch den Kleinsten und Geringsten vertritt, wird ein ganz anderes Selbstbewußtsein und eine zielbewußte Kraft in seine Seele ziehen. Und daß dieser doppelte Segen bestimmt aus der neuen Einrichtung erwachsen wird, ist deutlich daraus zu ersehen, daß von altpolnischer Seite das Judengesetz mit sehr sckieelen Augen angesehen wird. Mögen auch zurzeit mit Rücksicht auf die deutsche Verwaltung die Preßstimmen etwas gedämpft erklingen, so bewertet man in jenen Kreisen doch die Verordnung ganz richtig. Man weiß genau, daß es den judenfeindlichen Tatendrang etwas zügeln wird. Den unendlichen Vorteil einer solchen Verfassung für die Rechtsstellung und die innere Kraft empfinden wir preußischen Juden in den Tagen, die wir gegenwärtig durchleben, am allerdeutlichsten, und das Fehlen einer gesetzlichen Vertretung stellt sich wieder einmal als ein ganz empfindlicher Schaden heraus. Hätten wir eine solche, so wäre es fraglos nicht zu jener beklagenswerten Judenzählung gekommen, die in allen jüdischen und in allen besonnenen und gerecht denkenden christlichen Kreisen so unendliche Verstimmung und Verbitterung erregt. Denn eine staatliche Behörde wie das Kriegsministerium hätte es wohl kaum unternehmen dürfen, eine so tief einschneidende Maßregel zu treffen, ohne das Gutachten der anderen Instanz, die zur Wahrnehmung jüdischer Interessen eingesetzt ist, vorher zu hören. Und diese hätte ganz gewiß die verantwortlichen Stellen von der Unbesonnenheit und Gefährlichkeit des Vorgehens, ganz zu schweigen von der damit verbundenen Ungerechtigkeit, zu überzeugen gewußt. Und wenn selbst ein unglücklicher Zufall — etwas anderes hätte es ja kaum sein können — die Judenheit und ihre Vertretung vor eine fertige Tatsache gestellt hätte, mit welcher Sicherheit, mit welcher Kraft und mit welcher Aussicht auf Erfolg würde die gesamte Organisation durch ihre Führer im Namen des verletzten Rechts, im Namen der gekränkten Judenheit aus Abhilfe haben drängen können! Es hätte alles ganz anders verlaufen müssen! Und aus diesem einen Gesichtswinkel heraus betrachtet ist es vielleicht ganz gut, daß es s o gekommen ist. Denn jedes Unglück birgt ein Körnlein Gutes in sich. Vielleicht erkennen jetzt jene Mächte, die grundsätzlich jede Organisation zu verhindern suchen, daß es für ihren Eifer und ihre Arbeitskraft würdigere Objekte gibt, daß es wenig Sinn hat, sich um die Anordnung der Möbel zu streiten und das Schloß indessen ruhig abbrennen zu lassen. Winzig sind die oft nur eingebildeten Interessen, die durch Verhinderung einer Gesamtorganisation geschützt werden, im Vergleich zu jenen, die durch ihr Fehlen tagtäglich aufs ärgste gefährdet werden. Der Mangel an einer Gesamtvertretung trägt allein die Schuld, wenn wir Juden durch die Ereignisse der letzten Monate um Jahrzehnte — sowohl was die äußere Stellung wie die innere seelische Sicherheit anbetrifst — zurückgeworfen worden sind. Polens Judenheit hat eine gesetzliche Zusammenfassung und eine staatlich anerkannte Vertretung erhalten. Was bei uns der Schlußstein der kulturellen Entwicklung sein soll, wird in jenem Lande ihre Grundlage und ihren Beginn darstellen. Die Organisation ist freilich dort auf einem Wege zustande gekommen, der bei uns nicht gangbar ist. Eine gewiß aufgeklärte und wohlwollende, aber doch absolute Regierung hat das Gesetz einfach diktiert, ohne lange zu fragen, ob die damit Bedachten jeder Einzelheit oder auch nur den leitenden Gedanken zustimmen. Bei uns, wo die Ideen der Demokratie und der Selbstbestimmung schon längst im politischen Bewußtsein Wurzel geschlagen haben, ist ein solches Verfahren natürlich unmöglich. Bei den heutigen Stimmungen und Strömungen bedeutet das freilich den Verzicht aus jede Regelung jüdischer Verhältnisse. Hätte man in Polen das Werk aufschieben wollen, bis die Judenheit sich selber über die Grundzüge einer Organisation einigt, so würde man gewiß sehr viel länger haben warten müssen, um dann ein viel schlechteres Gesetz zu erhalten. Aber es wäre vielleicht noch möglich gewesen. Bei uns scheint es ganz ausgeschlossen zu sein! Nie wird in Preußen eine Organisation zustande kommen, wenn sich nicht die politische Einsicht ganz gewaltig steigert, und immer wieder wird jeder neue Schlag des Judenhasses — die Ereignisse von heute werden nicht die letzten sein — eine völlig unvorbereitete und verfahrene Judenheit treffen. Den polnischen Juden hat man die feste Organisation gegeben, weil man an der Erstarkung der nichtpolnischen Minoritäten ein begründetes politisches Interesse hat. Innerhalb Preußens hat aber die Obrigkeit auch nicht den geringsten Wunsch nach einer Erstarkung des Judentums. Ein Interesse daran haben nur wir allein! Die schlimme Not ist ja die beste Lehrmeisterin. Sie hat uns Juden so manchen Segen gebracht, vielleicht, daß sie sich auch hier bewährt. Die unendliche Verbitterung, die heute in jüdischen Kreisen herrscht, wird sich hoffentlich nicht in resignierten, unfruchtbaren Verzicht auf die Zukunst, in Verzweiflung und Zweifel am Siege des Rechts umsetzen, sondern in den Willen zu weit kräftigerer jüdischer Arbeit als bisher. Soll unser Mühen aber auf eine gesunde Grundlage gestellt werden und Erfolg versprechen, so darf aus der jüdischen Politik die Losung nicht verschwinden, die die Ereignisse in Polen wieder lebendig gemacht hat, der Ruf nach einer Zusammenfassung der Kraft in eine fest gefügte, staatlich anerkannte Organisation! Sie Woche. Berlin, den 7. Februar, ie Aufsehen erregende Nachricht aus dieser Woche ist, daß der Unterseebootkrieg mit aller Schärfe vorgenommen werden soll. Ueber die Wirkung dieses Schrittes läßt sich keine Voraussage treffen: er kann, wie wir hoffen, unseren Feinden die allerschlimmste Schädigung zusügen und sie zum Erbitten des Friedens zwingen; er kann aber natürlich auch die verhängnisvollsten Folgen für uns haben. Schon hat A m e r i k a die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland