Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1916)
- Date
- 1916-12-08
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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B 80. Jahrgang Nr. 49 Der Gemeindeüote. Berlin, 8. Dezember 1916 Lrlligr zar „Slllgcnulntn Ztltuitg de- Judentum-". Korrrlpmlvenzeil und Aschrichtrn. LeulWsuL. Berlin, 5. Dezember. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat wiederum einen schmerzlichen Verlust erlitten, der in weilen Kreisen die lebhafteste Teilnahme erregen wird: Rabbiner Dr. Joseph Eschelbacher ist in der Nacht vom 2. zum 3. Dezember seinem langwierigen Leiden erlegen. Joseph Eschelbacher ist am 12. September 1848 in Hainstadt in Baden geboren, wo sein Vater Loeb Eschelbacher als Lehrer wirkte. Eschelbacher besuchte das Rabbinerseminar in Breslau und wurde, 31jährig, am 5. Februar 1879 als Rabbiner in Bruchsalangestellt. Seit dem 25. März 1879 war er mit Ern-estine Benario verheiratet, mit der er in glücklichster Ehe lebte. Durch Gemeindebeschluß vom 15. November 1899 wurde Dr. Eschelbacher nach Berlin berufen, wo am 7.' April 1900 seine feierliche Amtseinführung in der alten Synagoge erfolgte. Neben der großen Reihe von Pflichten, die ihm aus seinem Amt als Rabbiner der größten deutschen Gemeinde erwuchsen, deren Nitualeinrichtnngen seiner Aufsicht unterstanden, widmete er sich mit Eifer und Hingabe wissenschaftlichen Arbeiten. 1905 erschien als Erwiderung auf die Harnacksche Schrift „Das Wesen des Christ e n t u m 8" sein Werk „D a s I u d e n t u m u n d das Wesen des C h r i st e n t u m s, vergleichende Studien", das auch über Theologenzirkel hinaus in weiten Kreisen wohlverdiente Beachtung fand. 1907 erschien die ' Schrift „D a s I u d e n t u m i m Urteil der moder n e n! pro t e st a n t i s ch e n T h e o l o g i e": frühere Arbeiten sind Biographien von Zacharias Frankel und M i ch a e l S a ch s sowie verschiedene im Druck erschienene Borträge und eine Reihe; von Beiträgen, zum Teil ohne seine Namensnennung, in unserer i Zeitung. In der Gemeinde betätigte sich der Verewigte in versöhn- > lichem und mildem Geiste. Er nahm teil -an allen Ausgaben der > Gegenwart, an denen er gern und willig mitarbeitete: er förderte und unterstützte alle Bestrebungen, die zur Kräftigung und Erhaltung des Judentums dienen. Die Trauerstier findet heute vormittag 11 Ahr in der Alten Synagoge statt, von wo aus die Beerdigung um VA Ahr in Weißensee erfolgt. Ein Nekrolog sowie ein ausführlicher Bericht über die Trauerstier folgen in der nächsten Nummer. ### Bevlin, 5. Dezember. Das Ergebnis der R -e p r ä s e n - < t a n ten lv a h l e n liegt jetzt vor. Die Wahlbeteiligung war eine ' lehr geringe, die Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen beträgt ungefähr 1800. Als Repräsentanten wurden in der Hauptwahl gewählt die Kandidaten Oskar Tietz, Direktor Tr. Georg Mi n den, Emil Cohn, Emil P i n c u s , Kgl. Gew erb erat! E in i l Plotke, Siegfried Sachs, Professor Dr. S i e g i s - mund Bla sch ke, Professor Dr. Moritz Türk, Stadtverordneter Dr. Isidor Le vy , Maurermeister S a m u e l W e i l e und B e r t h o l d K i r st e i n. In der Ersatzwahl wurden gewählt die Herren Hugo Bl a,n k e n b it r g, En gen C a s p a r y, B cn a § L ev v. Die Herren Regierllngsbauruei sier M a x G r ü n f e l d , Sanitätsrat Dr. S. S t ei n t h a l. Geheimer Justizrat und Landgerichtsrat a. D. Caspar Halle, Eli L a z a r u s , Direktor Al o r i tz Dorn und David Wolpe wurden zu Stellvertretern gewählt. Als neue Mitglieder der Repräsentantenversammlung sind also die Herren B e r t h o l d K i r st e i n und Enge n C a s p a r y aus der Wahl hervorgegangen: zwei Männer, die sich seit Jahren im Ehrendienst unserer Gemeinde bewährt haben. Bon den 16 237 wahlberechtigten Gemeindeangehörigen, die das aus Anlaß der Repräsentantenwahlen erschienene Mitgliederverzeichnis aufweist, haben nur etwa 12 Prozent der Wähler von ihrerü Wahlrecht Gebrauch gemacht. Lues. Berlin, 5. Dezember. Am 14. d. Al. werden es 25 Jahre, seit Herr Emil Pincus als Mitglied der Armenkommission in den Ehrendienst der Jüdischen Gemeinde von Berlin eintrat. Der Jubilar ist eine in den weitesten Kreisen der Gemeinde bekannte Persönlichkeit. Hervorragend durch seine Geistesgaben, vor allen Dingen aber durch sein gutes Herz, kann er an seinem Ehrentage aus eine gesegnete Tätigkeit, besonders auf dem Gebiete der werktätigen Nächstenliebe mit Genugtuung zurückbticken. Herr- Pin cus steht in einer großen Anzahl der jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen an leitender Stelle, ein Beweis dafür, .welche Anerkennung seinem Wirken allseitig gezollt wird. Besonders zu erwähnen sind: Alters-Versorgungsanstalt, Nathorff-Stiftung, Hachnafsaith Kalla,h, Mietsunterstützungsanstalt, Jüdisches Mädchenstift, Verein jüdisches Genesungsheim, Magine Reim, Brüderverein. Herr Pincus gehört ferner seit Jahren der Repräsentantenversammlung und dem Shnagogenvorstand als Mitglied an; in der Armenkvmmission ist er Abteilungsvorsitzender und 2. stellvertretender Vorsitzender des Plenums. Wahrlich ein gewaltiges Arbeitsgebiet, auf dem er sich mit nie versiegender Arbeitskraft und Arbeitssreudigkeit betätigt. Nachdem der Jubilar vor einer Reihe von Jahren sich von seiner beruflichen Tätigkeit Zurückgezogen hatte, widmete er sich lediglich dieser ehrenvollen Ausgabe, die er mit Liebe und Eifer erfüllt. Er hat wiederholt in Bescheidenheit die Annahme öffentlicher Aemter in Staat und Stadt abgelehnt, weil er es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, seine ganze Arbeitskraft in den Dienst der Glaubensgenossen zu stellen, für deren Interessen er bei jeder Gelegenheit mit seinem warmen Herzen einzutreten bestrebt ist.. Leider hat der Weltkrieg dem verehrten Jubilar in jüngster Zeit ein schweres Opfer abgefordert. Bald aber raffte er sich, den der Schmerz niedergebeugt hatte, wieder auf, um, wie er selbst sagt, die Bedrängten, die sich um ihn scharen, nicht ohne seinen Rat und seine Hilfe zu lassen. Wahrlich, ein nachahmungswürdiges Beispiel aufopferungsvoller Liebestätigkeit. Möge der Jubilar noch lange erhalten bleiben zu seinem und der Seinigen Heile, zum Wohl-e der Bedrängten und zum Segen der Gemeinde. Möge er in Zukunft bewahrt bleiben vor schweren Schickungen. Das sind die aufrichtigsten Wünsche, die ihm von so vielen, die ihn kennen und hochschätzen, zu feinem Ehrentage dargebracht werden. E. M. Berlin, 5. Dezember. T i e I s r a e l i t i s ch e Volksküche in der Go r m annst ratze beging am Sonntag, den 3. d. M., im Festsnal des Brüdervereins die Feier ihres 25jährigen Bestehens, zu der sich viele Freund? der Anstalt und ihres verdienstvollen Begründers H e r r m a n it A braha m ein gefunden hatten. Die Feier wurde mit einem Hnrmoniumvvrspiel eiugeleitet, worauf Mitglieder des Chores der Neuen Synagoge unter Leitung ihres Dirigenten Kellermann den 84. Psalm in der Vertonung von Rheinthaler sangen. Die F e st r e d e hielt H e r r m a n n A b r a h a m , der auf der blumengeschmückten Tribüne Platz genommen hatte. Er erzählte, die Geschichte der Anstalt, die znrückgeht auf die Zeit der Ausweisungen aus Rußland. Aus einer gelegentlichen Speisung armer Emigranten in Krakau entwickelte sich eine Volksküche in dieser Stadt, die dann ans Anregung der Armenkonunission der Jüdischen Gemeinde durch Herrmann Abraham auf Berliner Verhältnisse übertragen wurde. Die 1891 in einem Miethause in der Klosterstraße eröfsnete Anstalt mußte sich bald ein eigenes Heim suchen, das sie sich in einem vom Baumeister Weile in der Gormannstraße erbauten Hause schuf. Von den Männern, die die Anstalt begründeten, leben nur noch zwei, H e r r m a n n A b r a h a m und Louis Gr u m m a ch. Das Werk, das sie begründeten, ist gewachsen. An die Küche wurde bereits bei der Eröffnung des neuen Hauses eine Koch- und Haushaltuugsschule angeschlossen; in den obersten Räumen des Hauses wurde ein Heimathaus für Mädchen, ein jüdisches Altersheim eingerichtet, wo Mädchen und alleinstehende alte Leute für billiges Entgelt Aufnahme fanden. In späterer Zeit wurde dem Heimathaus auch ein Ledigenheim für Männer in einem Nachbarhause angegliedert. Auch ein Kindergarten und ein Kinderhort wurden ins Leben gerufen, wo 50 bis 60 Kinder Wartung und Pflege fanden. Diese Jugendpflegestellen wurden jedoch schon nach zweijährigem Bestehen einer anderen Organisation übergeben, da die Anstaltsräume für ihren eigenen Zweck gebraucht wurden. Im ganzen hat die Anstalt in den 25 Jahren 8 Millionen Speisungen verabfolgt, davon anderthalb Millionen unentgeltlich. Die jüdische Volksküche war der Ausgangspunkt von Abrahams Fürsorgetätigkeit auf dem Gebiete der Volksernährung, die so ausgedehnt ist,'daß täglich in 105 Küchen 75 000 Per'onen gespeist werden. - Nach diesen Ausführungen überreichte Apotheker M. Sittner mit