Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 1. Dezember 1916 80. Jahrgang Nr. 48 Ein unparteiisches Organ füralles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bann »ment s-P reis: durch den Buchhandel «der die Post (in Berlin und Vororten durch nnfere verirtebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Tfffftftft* Hermann Cohens philosophische Begründung der Religion. yiIIJuU+ Hon Benzion Kellermann. — Die Woche. — Willibald Loewenthal. Von Albert Katz. — Schlußwort in Sachen Herr Dr. Emil Cohn, „Jüdische Presse" und Demagogie — des liberalen Judentums. Von Dr. Ernst Emil Schweitzer, Breslau. — Feuilleton: Der Rabbi von Salaschin. Eine wahre Begebenheit aus dem Weltkriege. Nacherzählt von Clemens Berg. — Büchereinlauf. Dev Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Neumark i. Westpr., Posen, Dresden, Frankfurt a. M., Nürnberg, Wien, Krakau. — Don Nah und Fern. Hermann Cohens phllolophilche löksründung der Sellsion. Von Beuzion K e l l e r m a n n. er sich aus den grundlegenden Werken H. Cohens über den Begriff der Religion orientieren will, wirb stets die Ueberzeugung gewinnen, daß die Religion im Systenr der Philosophie keine selbständige Stellung erhalten kann und erhalten darf. Ueberall begegnet.uns der Gedanke, daß nur da von einer philosophischen Begründung gesprochen werden kann, wo es sich um selbständige Kulturinhalte handelt. Da aber derartig selbständige Kulturinhalte für die Religion nirgends nachweisbar sind, so gibt es für die Religion keine Stellung im System der Philosophie; es sei denn, daß sie in ihrer restlosen Zurückführung auf die Ethik das Recht ihres Daseins zu erblicken vermag. Um so mehr muß es überraschen, wenn Cohe n selbst diesen Standpunkt nunmehr aufgibt und mul) der Religion eine Stellung im System der Philosophie*) erringen will. Sollte er vielleicht doch noch bestimmte Kultnrinhalte gefunden haben, die in dem bisherigen System seiner Philosophie keine Berücksichtigung erfahren haben? Oder sollte nicht vielmehr in der Religion der gleiche Inhalt des.wissenschaftlichen Bewußtseins nur in neue Beleuchtung gerückt werden? Das letztere ist nun tatsächlich der Fall. Cohen unterscheidet streng und scharf zwischen Selbständigkeit und Eigenart. Selbständig vermag die Religion nie und nimmer Inhalte zu erringen, sie würde sonst eine völlige Verleugnung des Systems bedeuten. Aber die gleichen Inhalte unter einen neuen Begriff zu rücken, der! ihnen die stärksten Wirklichkeitsakzente verleiht, obgleich sie nicht philosophisch erkannt, sondern nur intuitiv erfaßt sind, das ist die Eigenart der Religion, wie sie Cohen formuliert. Wie heißt aber dieser Begriff, der die so geschilderte Eigenart der philosophischen Forderungen in Wirklichkeit umsetzt? Es ist die K o r r e l a t i o n z w i s ch e n d e m I n d i v i d u u m u n d seinem Gotte. Dadurch, daß das einzelne Individuum ein Spezialverhältnis zu der Gottesidee gewinnt, wird es zugleich befähigt, die Forderungen, wie sie von Logik, Ethik *) „Der Begriff der Religion im System der Philosophie/ A t f r e d T ö p e l m ci n u , Gießen 1915. und Aesthetik formuliert werden, um so energischer zu erfüllen, je elementarer das Verhältnis zwischen dem Individuum und seinem Gotte das religiöse Subjekt ergreift .und beherrscht. Bevor wir jedoch diese These begründen, müssen wir die Frage stellen: Wozu bedarf es denn einer derartigen Eigenart? Wenn die Worte des kategorischen Imperativs: „Du sollst" ertönen, so ist doch für den Philosophen ohne weiteres auch die Frage des „Du kannst" erledigt. Ist doch der Befehl des „Du sollst" rein intelligiblen Charakters, d. h. gänzlich unbegreiflich, soweit für sein Begreifen natürliche Beweisgründe tu Frage kommen. Wie aber soll dann die Erfüllung einer an sich unbegreiflichen Forderung verständlich gemacht werden können? Wer mithin an die verpflichtende Kraft des kategorischen Imperativs glaubt, der muß ohne weiteres auch den Glauben an seine E r f ü l l u n g mit in den Kauf nehmen. So einfach nun die Frage der Erfüllbarkeit vom logische n ij Gesichtspunkte aus ist, so schwierig ist sie vom Standpunkte der ethischen E r f a h r u n g. Schon in einer frühen Phase der jüdischen Religion, in der denteronomischen Ueber- , arbeitung der S a l o m onis ch e n Tempelrede, ringt sich die Erkenntnis durch, daß es dem endlichen Menschen nicht vergönnt sei, die Unendlichkeit des Sittengesetzes $u er- > füllen. Denn der Mensch ist bei aller Verwandtschaft mit der r Gottheit im Grunde doch ein endlich beschränktes Wesen. Der Niederschlag dieser Reflerion über die Differenz zwischen der ‘ Endlichkeit des Menschen und der Unendlichkeit der Pflicht gibt sich im Sündenbekenntnis zu erkennen. Hier wird der Gedanke ausgesprochen, daß wohl die menschliche Gattung in ihrer absoluten Totalität am Ende der Tage die Erfüllung der ethischen Unendlichkeit zu erreichen vermag, nie und nimmer aber das einzelne Individuum. Ist aber der Mensch einmal durch die Aün.de zur Erkenntnis einer nnausgleichbaren Differenz zwischen ethischer Leistung und ethischer . Pflicht gelangt, so liegt die Gefahr eines ethischen Skeptizismus;! nahe und damit auch die Gefahr der Preisgabe eines j! kulturellen Fortschritts überhaupt. £ Hier setzt nun die Religion mit der Korrelation zwischen Individuum und Gott ein. Diese Korrelation aber enthält keinen anderen Gedanken, als daß mein individuelles Ich bei aller Sündhaftigkeit Unendlichkeitswert hat, so gewiß ihm seine i;j Beziehung zur Gottheit einen solchen Ewigkeitswert verleiht. .; Genauer ausgedrückt heißt das nichts anderes, als daß die ■ Korrelation zwischen Mensch und Gott dem Individuum immer wieder seinen Ewigkeitscharakter glaubhaft macht. Auf welche Weise aber erfüllt die Korrelation zwischen Individuum und Gott dieses Ziel? Die Frage ist um so brennender, als Cohen alle mystischen Beschwichtigungsversuche mit Entschiedenheit abwehrt. Die Lösung aber liegt darin, j daß in dem Gedanken der Gottheit der Gedanke der S ü n denv e r g e l t n n g zum Ausdruck kommt, Gott vergilt die Sünden, j