Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1916)
- Date
- 1916-11-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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SO. Jahrgang Nr. 46 Berlin, 17. November 1916 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Seittmg erscheint wöchentlich. Abonnements-Pre^s; durch den Luch- Handel oder die Post (in Berlin und Vorarien durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 HT. — Postscheckkonto 324. vegrünbet von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon Unter Leitung der Geheimen Regiemng§-Rat§ Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 % Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung der Judentums", Berlin SW, Ierusalemer Strafte 46-99, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Judentum und Radikalismus. Von Dr. B. Seligkowitz, tDLLLlUiL. Köthen. — Die Woche. — Prof. Dr. Alfred Stern in Zürich. Von L. G. — Eine unbekannte Biographie Ludwig Philippsons. Mitgeteilt von Adolph Kohu t. —- Organisation der Jüdischen Religionsgesellschaft im Generalgouvernement Warschau. — Feuilleton: Der Rabbi von Salaschin. Eine wahre Begebenheit aus dem Weltkriege. Nacherzählt von Clemens Berg. — Letzte Nachrichten. — Büchereinlauf. Der Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Breslau, Hamburg, Leipzig. Dortmund, Wiesbaden, London. — Von Nah und Fern. Judentum und Kadikalismus. Bon Dr. B. S e l i g k o w i tz, Köthen. ie politische Gesinnung ist nicht das Werk des Bewußtseins allein. diL politische Ueberzeugung ist nicht allein die Errungenschaft des arbeitenden, forschenden Geistes, sondern geht aus vielen zusammenwirkenden Momenten hervor. Die Anlagen, der Charakter, die Erziehung tragen viel dazu bei. sehr viel insbesondere die Geschicke, die Ereignisse, die auf den Menschen wirkenden Verhältnisse. Ist das selbst bei den selb- Anlagen, der Charakter, die Erziehung tragen viel dazu bei. der großen Masse. Wenden wir die Erwägung dieser Wahrheit auf das Judentum an. So gewiß der jüdische Stamm seine Eigentümlichkeit in Gesicht, Gestalt, Farbe. Sprachorgan hat, so sicher besitzt er auch Charakterzüge, die ihm eigen sind. Natürlich waren dabei außer der ununterbrochen erhaltenen Stammesgenossenschaft eine ganze Menge Einflüsse mit tätig, so die gleiche Stellung und Lage, die abgegrenzten Verhältnisse, die der ganzen Masse dieselbe Beschäftigung ausdrängten, ferner die gleiche Tätigkeit innerhalb derselben Wege und Manieren, denen der Geist jedes einzelnen unterworfen war. Da ist es kein Wunder, daß sich viele allgemeine Charakterzüge ausbildeten. Ein Hauptgrund unter den allgemeinen Charakterzügen ist die gute Meinung, die ein jeder unter uns von sich selbst hat, die Geneigtheit, in jeder Sache sich selbst für urteilsfähig zu halten, jedwedes selbst beurteilen zu können, und das Urteil, das er darüber hat. mag er dazu gekommen sein, auf welchem Wege es sei. sestzuhalten. Man dürste kaum einen Juden finden, der sich nicht für sehr gescheit, für sehr klug hielte, der sogar nicht andere ein wenig zu übersehen vermeinte. Nehmt den gelehrten Juden; jeder einzelne wird vor ihm die höchste Achtung haben und ihn anerkennen; — aber selbst der unwissende Israelit wird glauben, den Gelehrten doch zu übersehen, da dieser vom praktischen Leben und weltlichen Dingen nichts verstehe, nsw. Aus dieser Erscheinung hat sich das bekannte geflügelte Wort gebildet von dem „ätzenden und zersetzenden Scharfsinn der Juden", der darauf gerichtet ist, in den bestehenden Dingen die Mängel und Fehler auszufinden, sie auszusuchen sich gedrängt fühlt. So sehr wir auch cum grano salis dies zugeben, so wäre es doch von der anderen Seite ein kulturhistorischer Fehler, wenn wir diese Erscheinung als eine angeborene Stammeseigenschaft oder gar aus unserer Religion erklären wollten. Wer einigermaßen mit der jüdischen Geschichte vertraut ist, der weiß, warum die Juden so wurden, wie sie sind. — Dem Sohn dieses Stammes mußte jahrhundertelang sein Kopf eben alles sein, seine Krone in den Tagen des Glückes, seine Waffe in den Perioden schwerer Kämpfe. Das Schicksal hatte einst dem Judentum alles genommen, und nur durch seine rastlos arbeitenden denkenden Köpfe konnte es imstande sein, durch ein Leben unsäglicher Mühsal sich fort- und durchznringen. In der Tat. es gehört viel Kopf dazu, um einer Welt voll feindlicher Vorurteile gegen sich doch ein teilweise günstiges Urteil abzuringen, in einer Welt voller Schranken und Hemmnisse dennoch hier und da Auswege und Durchwege zu finden. Dazu gehört Takt, dazu gehört Umsicht und Vorsicht, dazu gehört mit einem Wort Kopf, selbständiges Denken. Wer Jahrhunderte rechnen mußte mit Fürstengunst und Pöbelgunst, weil von ihrer Laune und Willkür die Sicherheit seines Vermögens, seines Lebens, die Ehre seiner Familie, die Ehre seiner Heiligtümer abhing, bei dem mußte sich natürlich am Ende der kritische Rechengeist einwurzeln. Was aber die Geschichte aus uns gemacht, das kam eben von außen, nicht aber aus dem innersten Geist des Judenbums. Die Volksseele des Judentums spricht eine ganz andere Sprache. Wo findet sich ein höherer Autoritätsglaube als bei den Juden? Welche Konfession ist denn hartnäckiger in der Konservierung des Hergebrachten, der Gewohnheit, des Gebrauches, der Sitte als die Juden? Wo wäre die jüdische Religion, wo der jüdische Kultus, wenn nur die kritisch zersetzende Verstandeskraft allein den Grundcharakter des Judentums ausmachte? Es muß also im Charakter des Juden noch eine andere Tiefe vorhanden sein, die gerade das Gegenteil enthält. Schon seit 2000 Jahren hatten die Juden dem Grundsatz gehuldigt: „Sorget für die Wohlfahrt des Reiches, in dem ihr wohnt." Schon in den düsteren Jahrhunderten haben sie ihre Teilnahme an den Geschicken des Landes, der Stadt, in denen sie lebten und litten, bekundet. Wir könnten unzählige Beispiele dafür anführen. Ja, in dem „Judendeutsch", das die im Mittelalter aus Deutschland nach Polen und Rußland vertriebenen und gewanderten Juden dahin getragen und das ihre späteren Nachkommen heute noch sprechen, kennzeichnet sich eine selten konservative Richtung für Althergebrachtes. Und warum sollten >vir nicht auch der großen Kriege gedenken, die dieser Stamm für seine idealen Güter mit solch seltener Zähigkeit, tausendmal zusammengebrochen, immer von