Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1916)
- Date
- 1916-09-15
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 genannte Gelehrte einen bewährten Schüler seiner berühmten Jeschibah nach Belgrad geschickt. Im Laufe der Zeit jedoch hat das Ghetto Belgrads von seinem religiös jüdischen Gepräge bedauerlicherweise sehr viel verloren. — Wie das oben genannte Blatt ferner meldet, hat die ungarische Regierung dem Ansuchen der „Zentralkanzlei der ungarländischen aut. orthod. isr. Konfession" stattgegeben und die Erlaubnis zur Einfuhr von Esrogim, Lulawim und Hadassim für das kommende Laubhüttenfest erteilt. Diese Erlaubnis war infolge des vor einigen Monaten erlassenen Verbotes, entbehrliche Produkte aus dem Auslande zu importieren, nötig. Die Regierung hat hierbei der Zentralkanzlei die moralische Pflicht auferlegt, darauf zu achten, daß der Import der erwähnten Produkte tatsächlich bloß zur Befriedigung des religiösen Bedarfes verwendet werde, ohne Verbrauch zu anderen Zwecken. Zur Durchführung der Kontrolle wurde verfügt, daß für die importierten Produkte bloß eine Firma an der Schweizer Grenze in Buchs sowie zur Verteilung an die einzelnen Händler nur eine Firma in Budapest bestimmt werde. Hiermit wurden seitens der Zentralkanzlei die Speditionsfirma Brüder Weiß in Buchs sowie die Buchhandlung Josef Schlesinger in Budapest betraut. Es wäre ratsam, daß sich auch die orthodoxen Kreise in Oesterreich rechtzeitig an die Regierung mit einem ähnlichen Ersuchen wenden, um den Import von Esrogim und Lulawim sicherzustellen, da die erwähnte Bewilligung bloß für Ungarn gilt. Von Nab und JFrrtt Die Großloge für Deutschland VIII des U. O. B. B. hat vor einigen Monaten über die Beteiligung ihrer Mitglieder am Kriege eine statistische Aufnahme veranlaßt, deren Ergebnis jetzt vortiegt. Danach betrug Ende 1915 die Gesamtzahl der Logenmitglieder 8766, von denen 1366 im Felde standen. 47 waren zu Offizieren, 328 zu anderen Chargen befördert worden. 174 erhielten das Eiserne Kreuz zweiter Klasse, 57 andere Auszeichnungen, 3 das Eiserne Kreuz erster Klasse. Für das Vaterland gefallen waren 34 Mitglieder. Von Söhnen der Mitglieder standen 1935 im Felde,- davon waren 59 zu Offizieren und 525 zu anderen Chargen befördert, 249 mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse, 48 mit anderen Orden geschmückt worden, während 112 den Heldentod gefunden hatten. - - Nach längerer Krankheit ist am 11. d. M. der Repräsentant der Berliner jüdischen Gemeinde, Justizrat Tr. Ignatz Cohen, im Alter von 51 Jahren verschieden. Ter Entschlafene, der konservativen Richtung angehörend, stand ununterbrochen fast zwei Jahrzehnte im Ehrendienst der Gemeinde und erfreute sich der Wertschätzung weiter Kreise. Die Repräsentantenversammlung verliert in ihm eines ihrer eifrigsten Mitglieder, das Judentum einen treuen Anhänger und Förderer seiner Bestrebungen. --- Das Lippifche Kriegsverdienstkreuz wurde dem Rechtsanwalt Tr. Martin Bruck iBerlin), zurzeit Kriegsgerichtsrat, verliehen. - Der bekannte Berliner Nationalökonom Professor Tr. Ignatz I a st r o w vollendete am 13. d. M. sein sechzigstes Lebensjahr. Geheimer Baurat Professor Tr. Richard W o l f fe n st e i n , der geschätzte Berliner Architekt. feierte am 7. d. M. in noch unverminderter Schaffenskraft seinen 70. Geburtstag. Ter bekannte Tonsetzer Prof. Friedrich Gernsheim, Vorsteher einer akademischen Meisterschule für Komposition und Senatsmitglied der König!. Akademie der Künste, ist letzten Sonntag, 77 Jahre alt, in seiner Wohnung in der v.-d. Heydtstraße gestorben. Am 1. d. M. verschied in Beuthen Herr Jacob Boehm im Alter von 72 Jahren. Er hat als Repräsentant lange Jahre gewirkt und durch seine Pflichttreue Anerkennung in allen Kreisen der Gemeinde gefunden. - In Vertretung des zum Heeresdienst einberufenen Kultusbeamten Scheftelowih (Strehlen) ist Herr Prediger Hamburger (Brieg) mit der Garnisonseelforge betraut worden. Aus Posen wird uns geschrieben: Das einhundertjährige Bestehen feierte in diesen Tagen die Likörfabrik und Obstlveinkellerei Julius Prochownik. Die Firma befindet sich unverändert in der Familienfolge des Gründers. - Für das österreichischungarische Rote Kreuz und den türkischen Roten Halbmond spendete die Hermann-Mühle, Aktiengesellschaft, 4000 Mark. - In voller geistiger und körperlicher Frische beging in dieser Woche der Königliche Kommerzienrat Herr Adolf Sternberg, in Firma S. Sternberg, Tüngerhandlung in Breslau, seinen 70. Geburtstag. Seine bedeutenden Humanitären Stiftungen für die Bürgerschaft seiner früheren Heimatsstadt Rawitsch sichern ihm ein ehrendes Angedenken für alle Zeiten. - In Wollstein verschied am 5. d. M. im 86. Lebensjahre das älteste Mitglied der Gemeinde, Herr Nathan Karger. Der Verstorbene war jahrelang zuerst Repräsentant und später Vorstandsmitglied der Gemeinde und hat als solches die ihm anvertrauten Interessen mit großem Eifer wahrgenommen. Sein Wirken und sein ehrenwerter Charakter sichern ihm ein ehrendes Gedenken. — Nach dem Verteilungsplan entfallen für den Bedarf der Ruhegehaltsklasse für die Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen Volksschulen und den der Klasse angeschlossenen nicht staatlichen mittleren Schulen im Stadtkreis Altona auf den evangelischen Schulverband 105 600 Mark, auf den israelischen Schulverband 2316 Mark. — Bei der Firma R. Wolf in Magdeburg sind viele Juden aus Warschau und Lodz beschäftigt, die eine Mark pro Stunde verdienen und in einer von ihnen selbstgegründeten Koscherküche verpflegt werden. — Wie uns aus Windsbach bei Nürnberg gemeldet wird, feierten dort Herr Privatier Jeremias Holzinger und seine Frau Fanny geb. Weinschenk das seltene Fest der goldenen Hochzeit. In der Synagoge fand aus diesem Anlaß eine gottesdienstliche Feier statt mit Gesang und einer Ansprache des Herrn Lehrer Hubert. - Dem Leutnant Otto H e l l m a n n , Sohn des Kommerzienrats Hermann Hellmann in Bamberg, welcher bereits Inhaber des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse ist, wurde der bayerische Militärverdienstorden vierter Klasse mit Schwertern verliehen. — Das Bankhaus Simon Hirschland in Esten a. d. R. überwies aus Anlaß seines 75jährigen Bestehens der Stadt für Kriegsfürsorgezwecke 75 000 Mark und machte seinen Angestellten Barzuwendungen. Hermann H i r s ch l a n d in Esten hat den Beamten der Firma 10 000 Mark überwiesen. ~~ Aus Bern wird gemeldet: Der griechische Minister des Innern hat den Militär- und Zivilbehörden besohlen, den aus den neuen Provinzen stammenden, über 21 Jahre alten Juden die Reise ins Ausland streng zu untersagen. Juden aus den neuen Provinzen sollen denen Altgriechenlands hinsichtlich der Wehrpflicht gleichgestellt werden. Zugunsten der jüdischen Kinderhorte in Galizien fand kürzlich in Teplitz-Schönau ein Vortragsabend statt, bei dem neben der Prager Schriftstellerin Frau Rosenfeld und den Sängerinnen Marie U l m - N e t u s ch i l und Irma Zenker der Prager Oberkantor David Czernovsky mitwirkte. Der unverkennbare Edelklang der Stimme und die sympathische Vortragsart verhelfen Herrn Czernovsky zu außerordentlicher Anerkennung seiner Leistungen. Er wurde vom Fürsten C l a r y, der dem Vorfrage beiwohnte, beglückwünscht. — Die erste alljährliche Direktionssitzung des neuen Jüdischen Hospitals in Stepney Green (London) fand, wie der „Daily Telegraph" vom 24. Juli meldet, am Tage vorher statt. Das Spitalgebäude soll infolge von durch den Krieg entstandenen Verzögerungen vorläufig als Klinik für in ambulanter Behandlung befindliche Patienten verwendet werden. Wie Dr. Goodman Levy, Präsident des Verwaltungskomitees, mitteilte, besteht der Aerztestab aus Gelehrten von ernstem Ruse. Zu diesem Wohltätigkeitswerk hat besonders die arbeitende Klasse in einzig dastehender Weise beigetragen. — Eine interessante Gegenüberstellung der jetzigen und alten Statistik der Juden bietet eine soeben erschienene englische Schrift. Danach beträgt die Zahl der heute in Europa lebenden Juden 9 Millionen, während sie am Vorabend der sranzösischen Revolution noch nicht ein Drittel dieser Ziffer erreicht hatte. In England lebten damals 25 000 Juden, während man dort heute 250 000 zählt. In Frankreich leben 100 000 Juden gegenüber 30 000 in der Revolutionszeit: in Preußen ist die Zahl auf 410 000 gestiegen. In Polen und Litauen beträgt die Zahl der Juden 1 500 000, in Rußland ohne Polen ist sie von 600 000 auf 4 Millionen gestiegen. — In Kiew fand der Prozeß gegen den Zionisten Hillel S l a t o p o l s k y statt. Der Angeklagte wurde der Zugehörigkeit zum Zionismus beschuldigt: ein ganz neues „Verbrechen". Der Verteidiger war Rechtsanwalt Leschtschi. Nach langen Gerichtsverhandlungen wurde Slatopolsky schuldig erklärt und zu einem Monat Gefängnis (!!) verurteilt. - Der türkische Sultan hat, wie „Aurore" berichtet dem Direktor des Instituts gegen Tollwut, Dr. Haim Naim Elnecare, für seine großen Verdienste um die genannte Anstalt während des Krieges die Kriegsmedaille verliehen. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Floraftrabe 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mofse.