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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-15 · Heft 37 (15.9.1916) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 37 (15.9.1916)
Date
1916-09-15
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Festgruß. Herr cand. ehern. Löwenstei n entwarf ein Bild der Entstehung und der Zwecke des Heims, Herr N. Neuhaus überbrachte die Grüße und Wünsche des Gemeindevorstandes. Im weiteren Verlauf der Ansprachen würdigte Herr Stadtrabbiner Dr. Behrens alsdann in längerer Ansprache Bedeutung und Ziele des Heims. Nachdem noch Herr Fabisch die Verdienste des Dame n k o m i t e e s gefeiert hatte, gab im Namen der Verwaltung Frau Toni Neuh a u s die besten Zusicherungen für die Zukunft. Dann nahm Herr Buchheimzu einer gehaltvollen Schlußansprache das Wort. Damit batte die Feier ihr Ende erreicht. Möge sie von guter Vorbedeutung für das Heim sein! Karlsruhe, 8. September. Der „Badische Beobachter" schreibt: Unter der Ueberschrift „Ein antisemitischer Zug" befaßt sich die „Mannheimer Volksstimme" mit den Ausführungen im „Badischen Beobachter" über den Kommunalverband Offenburg-Land und das starke Hervortreten der Juden in demselben. Fast erheiternd nmtet es an, daß die „Volksstimme" in dem Artikel „Rücksichtnahme auf die Zeitverhältnisse" vermißt, „die ja so mancherlei Schwierigkeiten zuwege bringen". Geradezu rührend ist es, mit welcher Sorgfalt sie dem Kommunalverband Offenburg-Land beispringt: „Allein mall weiß ja, in welcher Not sich die Behörden hinsichtlich der Sicherung genügender Arbeitskräfte befinden, und man darf , gegen einen Kommnnalverband nicht deshalb 31t Felde ziehen, weil er auch Israeliten beschäftigt." Wir haben mit keiner Silbe getadelt, daß auch Israeliten beschäftigt werden; es handelte sich vielmehr um die objektive Feststellung, daß die Israeliten so ausfallend bevorzugt werden und daß ihr wenig Rücksicht auf Zeit und Umstände verratendes Gebaren einen antisemitischen Zug zur Folge habe. Die Tatsachen sind nicht ivegzustreiten. Daß auffallend viele Israeliten herangezogen werden, trifft auch in anderen Bezirken zu; so erhielten die Genehmigung zum Viehaufkauf vom Großherzoglichen Bezirksamt Freiburg nm 8. März unter 39 Personen nur etwa 18 Juden, vom Bezirksamt Emmendingen dagegen am 14. März unter 51 Personen etwa 48 jüdische Handelsmänner. Wir geben gern zu, daß insofern eine stärkere Heranziehung der Juden nahe gelegen haben mag, als diese auch sonst am Handel stärker beteiligt sind. Man darf aber nicht über» sehen, daß es sich dabei um die Uebertragung besonderer öffentlicher Rechte handelt, und daß es ganz darauf ankommt, wie von diesen Rechten Gebrauch gemacht wird. Wir wissen uns frei von jedem Antisemitismus und würden es beklagen und bedauern, wenn einer bloß deshalb, weil er Jude ist, wegen des unschönen Gebarens einzelner seiner Stammesgenossen schief angesehen oder gar angefeindet würde; aber auf die Tatsache, daß ein gewisser antisemitischer Zug in nnserem Volke im Wachsen begriffen ist, mußte aufmerksam gemacht werden, damit nicht die Behörden denselben durch ungeeignete Maßnahmen noch mehr fördern. Diese Imponderabilien dürfen nicht einfach ignoriert oder totgeschwiegen werden, wenn nicht zum Schaden des Ganzen das Uebel noch größer tverden soll. Dem aufmerksamen Beobachter des Volkes und der Zeitverhältnisse können diese Dinge nicht entgehen, und es hieße den Israeliten in ihrer Ges a m t - heit einen schlechten Dien st erweisen, bloß deshalb, weil es ein heikles Thema ist, mit Stillschweigen darüber hinweggehen zu wollen. Der antisemitische Zug ist eine Tatsache, auf die übrigens schon vor mehreren Wochen zum erstenmal ein Karlsruher Sozialdemokrat in angesehener Stellung aufmerksam gemacht hat, indem er ohne Veranlassung unsererseits bemerkte: „Er sei kein Antisemit, aber daß der Krieg mit seinen Begleiterscheinungen in der Heimat eine antisemitische Bewegung bringe, sei Tatsache, und man könne es auch vielen Leuten nicht verargen." Gerade diese Umstände müßten unsere maßgebenden Behörden im Interesse des inneren Friedens, der Einheit und Geschlossenheit des deutschen Volkes veranlassen, alles zu vermeiden, was ungewollt eine beklagenswerte Bewegung gegen einen Teil der deutschen Staatsbürger fördern kann und fördern muß". Gestrrreich-Angsrll. Z. Wien, 8. September. Vor dem Landwehrdivisionsgericht war am 18. August der 20jährige Rabbinatskandidat Simon Schreiber aus Krakau wegen Verbrechens der Nichtbefolgung eines Militäreinberufungsbesehls angeklagt. Er ist am 3. November 1915 bei der Musterung für geeignet befunden worden. Am 7. Dezember überreichte er beim Magistrat Krakau ein Gesuch, man-möge ihn als Nabbinatskandidaten von der Landsturmpflicht entheben. Schreiber wird auch als Rabbinatskandidat anerkannt. Er sollte aber am allgemeinen Einrückungstag, dem 15. Dezember, einrücken, wenn er bis dahin keinen Bescheid über die Zuerkennung der Begünstigung erhalten hatte. Er bekam den Bescheid nicht, rückte aber auch nicht ein. Erst am 3. Juni bekam er den Bescheid, daß er als Rabbinatskandidat enthoben sei. Wegen Nichtbefolgung des Einrückungsbesehls wurde er nun angeklagt. In der Verhandlung gab er an, daß er, da es in seinem Landsturmlegitimationsblatte hieß: „Nach Maßgabe der ergehenden besonderen Einberufung", gemeint habe, daß er infolge des Enthebungsgesuches nicht am allgemeinen Einrückungstag einzurücken habe, sondern eine besondere Aufforderung abwarten könne. Es wurde ihm entgegengehalten, daß sich sein Vater beim Magistrat in Krakau erkundigt habe, ob der Sohn trotz des Enthebungsgesuches einrücken müsse, und daß ihm geantwortet worden sei, er müsse einrücken. Der Angeklagte wurde zu einem Monat Kerker verurteilt. Das Gericht erklärte, aus Tatsirrtum könne sich der Angeklagte nicht berufen, da sein Vater bei dem Magistrat in Krakau die Auskunft erhalten habe, daß der Sohn einzurücken habe, und dieser von der Auskunft Kenntnis hatte. - Der Lehrermangel in den jüdischen Gemeinden Böhmens ist so drückend geworden, daß der jüdische Schulverein in Prag es versuchen will, durch eine Hilfsaktion wenigstens teilweise und provisorisch diesen Mangel zu heben. Er will Elemente, die über das bescheidene Maß hebräischen Wissens, das von dem jüdischen Lehrer auf dem Lande verlangt wird, verfügen und sonst sich zur Not für einen solchen Posten eignen, heranziehen. Diesen Personen wird vom Schulverein ans eine auf kurze Zeit bemessene flüchtige Ausbildung erteilt werden, die sie instand setzen würde, ihre Aufgabe halbwegs zu erfüllen. Der Schulverein ist sich bewußt, wie unzulänglich diese Aktion ist, allein der Umstand, daß von den 200 Judengemeinden Böhmens mehr als 60 jetzt schon ganz ohne Lehrer sind und daß diese Zahl sich von Jahr zu Jahr erschreckend vermehrt, veranlaßt ihn, zu einem solchen Aushilssmittel zu greifen. — Budapest, 8. September. Ter hier erscheinenden „Allgemeinen Jüdischen Zeitung" wird aus Belgrad vom 21. August geschrieben: Fast wie ein Wunder klingt es, daß in einer Stadt wie diese, welche so lange Zeit unter dem Belagerungszustand gelitten, binnen einem verhältnismäßig nicht langen Zeiträume das normale Leben wieder Platz gegriffen hat. In erster Reihe ist dies der jüdischen Bevölkerung zu verdanken, die, sich um das Kriegsgewühl wenig kümmernd, mit voller Geistesgegenwart in der Stadt verblieb oder in deren Umgebung die Beendigung der Kriegsaktionen bei Belgrad abwartete. Nur der „Chacham" (spaniolische Oberrabbiner) mit eilügen vornehmeren Glaubensgenossen ging mit der serbischell Negierung ills Galuth. Den „Chacham" vertritt jetzt der „Chasan". In Belgrad befindet sich auch ein Ghetto, welches von den Kriegsaktionen schwer betroffen wurde. Verwüstete Gebäude, bis zur Erde niedergerisseue Mauern legen beredtes Zeugnis von der Wirkung unserer schweren Artillerie ab. Auf der Gasse begegnete ich spieleliden Kindern, voll denen eines auf meine diesbezügliche Frage mit rührender Freude zur Antwort gab, daß sie jüdische Kinder sind. Ich interessierte mich für den Vater, worallf der Knabe nur kurz autwortete: „Kaddisch!" . . . Hierbei wies er mir die „Krinh" in seinem Gewände. Später habe ich dieses Trauerzeichen fast iil der ganzen Schar dieser Kinder wahrgenommen. Sabbat nachmittag war es, als sich eine große Anzahl Glaubensgenossen in der Synagoge versammelte und dem Vortrage des „Chasall" lauschte. Nach dem Minchagebete war ich Allgenzeuge eines überraschellden Aktes. Fast alle Andächtigen erhoben sich von ihren Sitzen lNld sagten das „Wniseu-Kaddisch". Später wurde mir erklärt, daß hier tatsächlich kalun jemand vorhanden sei, der nicht einen im Kriege Gefallenell zu betrauern hätte. Fürwahr, ein grausames Bild der Zeit! Zur Geschichte der hiesigen jüdischen Gemeinde sei bemerkt, daß sie fast zur selben Zeit als die Saloniker, uni das 14. Jahrhundert, entstandell ist. Gegen das Jahr 1480 ist der Saloniker Gaoll R. Jizchak (ben R. Mosche, ben N. Meir), Verfasser berühmter Schriften, nach Belgrad berufen worden, was er jedoch abgelehnt hat. Aus seinen Schriften geht hervor, daß Belgrad 31t dieser Zeit eine „Stadt voll Weiser 'und Schriftgelehrter" war, doch wollte er Belgrad nlit der bedeutend größeren Gemeinde Saloniki nicht vertauschen. Später hat der

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