Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1916)
- Date
- 1916-08-25
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229267--72465-3284909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Guben 1× ep/1044673
OCR text
400 Wir zweifeln nicht, daß Herr Morgenthau, der noch ganz kürzlich einen so wichtigen Posten, wie den des Botschafters einer Großmacht innehatte, niemals solch lächerliche und gesunden Menschenverstandes bare Erklärung abgegeben hat, und wir meinen, wenn er sich bisher nicht beeilt hat, diese in seinem Namen veröffentlichten Lügen selbst zu dementieren, so dürfte es deswegen nicht geschehen sein, weil er sie sür zu wenig klug gehalten haben wird, als daß sie einer Richtigstellung bedürfen. Wir halten es indessen für nützlich, die öffentliche Meinung darüber zu unterrichten, daß diese Nachrichten jedes Grundes entbehren und daß sie in allen Stücken erfunden sind. * Der „Berliner Volkszeitung" entnehmen wir nachstehende Notiz: Aus den Ländern der Freiheit. Unter dieser Ueberschrist lesen wir in der „Internationalen Korrespondenz" die folgenden beiden Mitteilungen: 1. Bernhard Russell, der hervorragendste Mathematiker und Philosoph Englands, bisher Professor an der Universität in Cambridge, wurde vor einigen Wochen voin Gericht der City of London zu einer Geldstrafe von 100 Pfund Sterling verurteilt, weil er für die Freiheit des Gewissens eintrat. Die Universität hielt ihn nunmehr für einen Sträfling und enthob ihn der Professur. Die amerikanische Harvard-Universität sandte an Professor Russell hierauf eine telegraphische Einladung, einen Kursus über Logik in Harvard zu lesen. Russell wandte sich an das englische Auswärtige Amt um einen Reisepaß nachAmerika. Der Paß wurde ihm jedoch verweigert, da die Regierung befürchtet, Russell könnte seine der englischen Regierung wenig angenehmen Ansichten über den Krieg in Amerika verbreiten. Russell ist ein Enkel Port John Rusfells, des berühmten liberalen Ministers, der im Jahre 1832 die Reformbill durchsetzte. 2. Der Londoner „Jüdische A r b e i t e r s r e u n d ", der im Jahre 1882 gegründet wurde und seitdem regelmäßig als Wochenblatt der jüdischen Anarchisten und Syndikalisten erschien, ist soeben von der Regierung verboten worden. - Der Redakteur wurde verhaftet. Aus England berichtet ferner der „Tag": Wenn ich ein Jude wäre . . . Die Einführung des militärischen Zwangsdienstes sür die nach England vor politischer und wirtschaftlicher Unterdrückung ausgewanderten Juden wird wohl Tatsache werden. Die Sache erhält einen pikanten Beigeschmack besonders noch dadurch, daß der eifrigste Befürworter des Projekts, die Juden vor die Wahl des Eintritts in die englische Armee oder des Rücktransports nach Rußland zu stellen, der englische Minister des Innern Herbert Samuel, selbst ein Jude ist. Doch haben sich auch in England Stimmen zugunsten der politischen Flüchtlinge erhoben. So äußerte — nach einer Mitteilung der „Jüdischen Arbeiterkorrespvudenz" — irn Oberhaus der durch seinen Friedensappell bekannte Lord Loreburn: Wenn ich ein Jude wäre oder auch nur einen Tropfen jüdischen Blutes in nur hätte, ließe ich mir lieber die Hand abschneiden, als das zu tun, was Mr. Samuel getan hat, nämlich den Leuten zu sagen: Wenn ihr nicht in der englischen Armee dienen wollt, werden wir euch nach Rußland zurückschicken. Wie rnag das wohl Herrn Samuel geklungen haben?! * Mit demselben Gegenstand beschäftigt sich folgender zusammenfafsende Artikel der „Breslauer Zeitung", der gewiß vielen unserer Leser willkommen sein wird: John Bull als Beschützer der Menschenrechte. Wie die englische Regierung das „Ashlrecht" mit Füßen tritt. Kopenhagen, 8. August. Laut einer Mitteilung des norwegischen Blattes „Verdens Gang" j ist die englische Regierung im Begriff, das Ashlrecht, auf Grund! dessen zahlreiche politische Flüchtlinge aus Rußland sich in Großbritannien auchalten, aufznheben und durch diese unbarmherzige Maßnahme unsagbares Unglück über Tausende von Familien zu bringen. Etwa 300 000 russische Flüchtlinge halten sich zurzeit in London auf; viele derselben wohnen seit einer Reihe von Jahren dort. Unter diesen soll die englische Regierung 25000 Inden herausgegriffen und diese vor die Wahl gestellt haben, entweder sich der englischen Heeresleitung zur Verfügung zu stellen, um in Flandern mitzukämpfen oder — an Rußland ausgeliefert zu werden. Unter diesen 25 000 Unglücklichen befinden sich zahlreiche Revolutionäre, Juristen,Ingenieure und Schriftsteller. Die meisten von ihnen haben überhaupt keine militärische Ausbildung gehabt. An der Front in Flandern würden sie nichts als Kanonenfutter sein; würden sie aber die andere Alternative wählen und sich nach Rußland Zurücksenden lassen, wären sie, falls sie nicht ebenfalls an die Front gesandt würden, dazu vorausbestimmt, gehängt zu werden, in der Einsamkeit eines finsteren Gefängnisses zu verschmachten oder nach Sibirien verbannt zu werden. Die norwegische Zeitung hat ihre Kenntnisse von einem russischen Rechtsanwalt erhalten, dem es gelungen war, von einem Transport solcher unglücklichen russischen Juden aus England nach Rußland zu entkommen. Er berichtete, daß er mit zahlreichen anderen ausgewiesenen Russen zusammen, ganz wie die Negersklaven in alten Zeiten, in ein Segelschiff eingepfercht worden sei. Die Transportschiffe gehen meistens direkt von England nach Archangelsk oder Alexandrowsk. Seit mehreren Wochen sind solche „Sklavenschiffe" unterwegs, deren Führer dafür verantwortlich sind, daß die Insassen, die sogenannten russischen „Landesverräter", in ihrem Heimatslande an die Polizei ausgeliefert werden! Das; England tatsächlich im Begriffe ist, das Ashlrecht mit Füßen zu treten, wird durch einen Artikel des „Manchester Guardian" bestätigt. Die Zeitung berichtet über einen politischen Prozeß, welcher betreffs dieser Frage bei „Kings Bench" geführt und in den letzten Julitagen dort entschieden wurde. Der Fall betraf einen russischen Untertan namens Sarno und war, wie das Blatt hervorhebt, von großer konstitutioneller Bedeutung, da er diejenigen Regierungs- Beerdigung eines jüdischen Gefangenen im Lager Groß-Breesen bei Guben. > .Jr‘ rtOWHW-