Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1916)
- Date
- 1916-04-21
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Kolkli. Z. Lodz, 14. April. Die 2) c u t a t i o u 3 11 r Bc n il s s i ch t i - i] 11 n g l) c «j j ü dischen St a n d e s a in tswe s e n s hat in ihrer letzten Sitzung folgendes beschlossen: Der Oberrabbiner soll ersucht werden, dem Standesamte einen Auszug über die bei ihm im Lause der ersten drei Monate des Jahres 1916 stattgefundenen Trauungen zu gehen zu lassen, nm festzustellen, ob alle Eheschließungen in das Standesregister eingetragen wurden. Im Bureau des Standesamtes soll eine Aufschrift ausgehängt werden, daß Gesuche nm Befreiung von der Stempelsteuer mindestens sieben Tage vor Aufnahme der Urkunden eingereicht lverden müssen. Zum Schluß legte der Standesbeamte einen Bericht für die ersten drei Monate vor. Aus dem Bericht geht hervor, daß im ersten Vierteljahr in das StandiZregister 675 Geburtsurkunden, 1144 Todesurkunden und 105 Trauungsurkunden eingetragen, dagegen im ersten Vierteljahre 1015 393 Geburtsurkunden, 1064 Todesurkunden und 13 Heiratsurkunden verabfolgt wurden. — Im j ü d i s ch e n G h m n a s i u m hielt am vorigen Sonnabend Dr. M a r g 0 l i s einen Vortrag über das Flecksieber. — Herr S. S i l b e r st e i u stellte seinen au der Schonung gelegenen Platz dem jüdischen Gymnasium zur Verfügung, damit die Schüler Gemüse anbauen können. -- Tie in unserer Nachbarstadt Zdunskn Wola seit Ende- Januar ausgetretene Fleckfieberepidemie hat dank den getrosseuen energischen Maßregeln einen erfreulichen Rückgang ausznweisen: seit ca. 8 Tagen ist keine neue Erkrankung mehr ausgetreten. Insbesondere zu erwähnen ist die Tätigkeit der Sanitätskommission, die sich freiwillig zur Pflege der Kranken und Aufsicht bei den Abgesonderten und in der Entlausungsanstalt betätigt hat. Wenn auch der einzelne vielleicht unter den getroffenen Maßregeln etwas zu leiden hatte, so ist zu bedenken, daß die Allgemeinheit das Recht hat, zu fordern, daß sie gegen die weitere Ausbreitung der Krankheit geschützt wird. Auch dos dortige Krankenhaus und seine -Pflegerinnen haben in vollem Maße ihre Pflicht getan. — Aus Lublin wird der deutschen „Lodzer Zeitung" berichtet: Im Flecken Puchaczuw wurde in der Nacht vom 28. ans 29. März die jüdische Familie Gründe r g ermordet. Unter dem Vorwände, etwas kaufen zu wollen, hatte einer der Banditen Einlaß begehrt. Als die Tür geöffnet wurde, drangen vier bewaffnete Männer in die Wohnung ein und töteten Grünberg, seine Frau und deren Tochter. Die Schwägerin des G. sprang zum Fenster hinaus, wurde jedoch von einem dort stehenden Banditen durch einen Bajonettstich verletzt. Ihr gelang es trotzdem, das Weite zu suchen. Die Polizei ist bereits den Mördern auf der Spur. Von Sah und ssern. Um bedürftigen Mitgliedern -der Berliner jüdischen Gemeinde über die schwere Zeit himoegzuhelseu, hat der B 0 r s ch u ß v e r e i n de r Gemeinde beschlossen, Geschäftsleuten und Handwerkern zinsfreie Dar leh en bis 800 Mark zu gewähren bei wöchentlicher Rückzahlung des 30. Teiles des erhaltenen Betrages und bei Stellung eines hierfür sicheren Bürgen. Gesuche sind an den Vorsitzenden Oskar Rathen au, W, Bendlerstraße 25, zu richten. Dem Königlichen Kommerzienrat Heinrich Belgard in Graudeuz wurde der Rote Adlerorden vierter Klasse verliehen. — Aus Posen wird uns geschrieben: Der Schwester Klara Weber, früher im jüdischen Krankenhause (Rohrsche Stiftung) Hierselbst tätig, jetzt im Vereinslazarett M 3 der deutschen Bne-Brith-Loge, ist die Rote-Kreuz-Medaille verliehen worden. Die H e r m a n n m ü hlenwerke A.-G. in Posen stifteten 2000 Mark für die Deutsche Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime. - - In München starb Herr August R 0 s e n f e l de r , Mitinhaber der Firma E. A. u. N. Rosenftlder, nach längerem schweren Leiden im Alter von 59 Jahren. Die Beerdigung fand unter großer Beteiligung Mittwoch, den 5. April, statt. — Die Eisenbcchndirektion Würzburg teilt mit: Donnerstag, 30. März, vormittags 5 Uhr 40 Minuten wurde der verwitwete 70jährige Leopold Rothschild von Fechenbach (Main) auf dem Geleise zwischen den Stationen Reistenhansen-Fechenbach und Frendenberg (Main) tot au^gesnnden. - Aus Wiesbaden wird uns geschrieben: Eine überaus wohltätige und angesehene Dame, die Gattin des verstorbenen Stadtverordneten Benjamin Wolf, feierte dieser Tage ihren 70. Geburtstag. Zahlreiche Glückwünsche von nah und fern sind ihr zuteil geworden. Auch wir wünschen ihr einen heiteren und glücklichen Lebensabend. - - Die Korrespondenz des Jüdischer Nationalfonds keilt mit: Die Spendeneinnahmen des National fonds im Monat März betragen 3 5 6 0 0 Mark, und zwaverteilen sie sich auf: Oesterreich mit 8780 Mark, Nordamerika 857< Mark, Deutschland 5372 Mark, Rumänien 4537 Mark, Ungarn 2 764 Mark, Holland 1067 Mark, Südslawische Länder 909 Mark England 807 Mark, Argentinien 792 Mark, Rußland 512 Mark, Frankreich 433 Mark, Schweiz 353 Mark, Aegypten 300 Mark Dänemark 184 Mark, Griechenland 169 Mark und Norwegen 4:' Mark. Die Spendeneinnahmen des Nakion-alsonds i-m ersten Viertel jahr 1916 beliefen sich auf insgesamt 100 105 Mark. — Di' ,, Wien er Zeitung" bringt folgende Erkenntnisse des Landgericht- Lemberg: Mit Erkenntnis vom 1. März 1916 wurde die Weite- Verbreitung des. im Jahre 1904 in Lemberg herausgegebene:: hebräischen Gebetbuches unter dem Titel „Sider Beis Jakob" (Drin; und Verlag von David Balaban) nach §§ 58c und 305 des Strw gesetzbnch.es (Hochverrat und Aufforderung zu strafbaren Handlungen sowie der im Jahre 1907 in Lemberg heransgegebenen hebräische: Gebetbücher in zwei bzw. fünf Bänden unter dem Titel ,,Machsor (Druck und Verlag, von David Balaban) nach 88 68c und 305 de Strafgesetzbuches verboten. (Wie uns von sachkundiger Seite mit geteilt wird, enthalten diese für den Verkauf nach Rußland h Lemberg gedruckten Gebetbücher das Gebet für den russische! Zaren, das allein die Veranlassung zum Verbot der Weiterv-erbre^ tnng gegeben haben dürfte.) — Baron Lionel v. Rothschild t. London, Präsident eines Rekrutiernngsbnreans, hat sich an den Ehie rabbi Dr. Hertz mit der Anfrage gewandt, ob es -den Kohauii (Nachkommen des Priestergeschlechts) religiös erlaubt sei, als Solde zu dienen. Der Chiefrabbi hat keine definitive Antwort erteil; Immerhin dürfte ans religiösen Gründen bei diesen Soldaten kein Ursache vorliegen, um den Militärdienst zu verweigern. — Zum Unter halt der jüdischen Schulen in Libau wird eine besondere Steuer, di (Sabbat-) Lichtsteuer erhoben. Ta anläßlich des Krieges viele judistl Schulen vorübergehend eingegangen waren, so war auch die Lich steuer ins Stocken geraten. Jetzt schreitet, wüe die „Libanon Zeitum mitteilt, die Libausche Steuerverwaltung aufs neue zur Einführnn dieser Schulsteuer, da die jüdischen Schulen in vollem Umfange wiedehergestellt werden sollen. — In Amerika wurden 13 661 Mark zi gunsten der in Not geratenen jüdischen Schriftsteller in Marsche! gesammelt. Das Geld wurde dem jüdischen Schriftsteller Jab Dienesohn übermittelt, der seit kurzem Vorsitzender des Bereu jüdischer Literaten und Journalisten ist. Als stellvertretender Bo: sitzender wurde der hebräische Schriftsteller und Verleger L. S ch a l k 0 w i t s ch (Ben-Awigdor) und als Sekretäre die Journalisten Josep H e f t m a n n und K a r l i n i u s gewählt. Eine besondere Kou Mission wurde eingesetzt, um die Unterstützung an die hilfsbedürftige Schriftsteller zu verteilen. — In besonders feierlicher und rührende Weise ist der amerikanische Botschafter Mo r genthau in Ko: stantinopel bei seiner Ankunft in New Jork empfangen worden. Al jüdischen Kreise Amerikas rühmen sein tatkräftiges Einschreiten z gunsten der Juden in Palästina, besonders die Zionisten dankten ih durch eine Deputation für seine liebevolle Arbeit zugunsten der jüd sehen Kolonien und ihrer Bewohner. Man spricht davo das; Morgenthan nicht mehr nach Konstantinopel zuri'u kehren werde. Er solle ein hohes Amt in Washingte bekommen. — Ans New Jork wird berichtet: Nach eiiu längeren Debatte über das „Bildungsexamen", das zufolge d: Burnett-Dillinghamschen Gesetzesvorlage von den Einwanderern g fordert werden sollte, nahm das Immigration Committee eine G setzesformel an, für die das jüdische Kongreßmitglied Siegel st Wochen energisch -eingetreten war. Dieser Zusatzformel zufolge find der Ausschluß von der Einwanderung bei nicht bestandenem Exame keine Anwendung auf solche Personen, die die Einwanderungsbeamte oder den „Seeretarh of Labour" davon zu überzeugen vermögen, da sie infolge religiöser Verfolgungen, die ans Ausnahmegesetzen oder m Maßnahmen gegen ihre Religion und Herkunft beruhen, ausgewandei sind. Im Prinzip ist damit eine besondere Härte gegen jüdische Eii Wanderer vermieden; in der Praxis freilich wird bei dieser Bestin; mnng vieles auf den Willen der Einwandererkommission ankomme! Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastratze 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil:MaxJunge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Moffe.