Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229248--72140-3284565- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
dieser Verordnungen verbundenen Leiden zu entgehen, uns zur größten Enthaltsamkeit, zu plK “pl DIBTIt dem Zölibat entschließen, und die Nachkommenschaft Abrahams würde von selbst erlöschen; allein es ist ratsamer, zeitweise die Religionsgesetze außer acht zu lasten, als Erschwerungen einzuführen, die das Volk unmöglich würde beobachten können"). Die Lehrer und Führer des Volkes hatten eine schwierige Aufgabe zu lösen. Es galt zunächst, Klarheit darüber zu schaffen, welche Gesetze unter allen Umständen, auch wenn deren Befolgung dem sicheren Tod auslieferte, beobachtet werden müssen und welche eine solche absolute Verbindlichkeit nicht besitzen. Die Ansichten hierüber gingen weit auseinander. Nicht alle Lehrer dachten so wie Jsmael ben Elisa und der ihm geistesverwandte Josua ben Chanania. Es befanden sich unter ihnen auch blinde Eiferer, die, vor nichts zurückschreckend, das verhängnisvolle Wort prägten: TDJ?’ j'tT' Lieber sterben, als das geringste Gesetz, und sei es auch gezwungenerweise, verletzen. Ich kann und möchte es nicht mit Bestimmtheit behaupten, aber die Vermutung liegt nahe, daß die in der merkwürdigen Pastahnacht in Bne Barak versammelten Weisen, unter denen neben dem zum ruhigen Ausharren mahnenden Josua ben Chanania der streng konservative, der schamaiitischen Richtung folgende Elieser ben Hyrkanos und der die Auflehnung gegen Roms Gewaltherrschaft propagierende Akiba ben Joseph sich befanden, nicht die ganze Nacht hindurch ausschließlich die Geschichte vom Auszüge aus Aegypten erörterten. Diese war ihnen ja zur Genüge bekannt, nicht bloß aus den Berichten in den heiligen Urkunden und den im Gedächtnis des Volkes lebenden ein und einhalb Jahrtausend alten Ueberlieferungen, sie kannten sie auch aus den Erlebnissen der nächsten Vergangenheit, aus eigenen Erfahrungen. Die alte Geschichte von O'NLL /WJT hatte sich in der Zeitfolge in mannigfacher Form oft wiederholt. Pharao, lautet eine Sage'), hat in den Fluten des Roten Meeres den Tod nicht gefunden, er allein ist leben geblieben und lebte fort, ebenso wie die von ihm erfundene und angewandte Methode der Judenknechtung, die seinen unzähligen Nachfolgern, welchen Namen sie auch führten und welches Land und Volk sie auch beherrschten, bis auf den heutigen Tag mustergültig geblieben ist. Das rrms W schwache Lämmlein Israel war seit dem Beginn seiner Wanderung durch die Welt immer wieder und wieder unter blutdürstige Wölfe geraten, die es, wie der Psalmist sich ausdrückt, lebendig verschlungen hätten"), wäre der treue, ewig wachende Hirt nicht da, der es mit seinem Schutze umgibt. Die letzten Leiden brachten zwar die vorangegangenen zuweilen in Vergessenheit, so daß Elasar ben Asaria einmal die vielsagende Bemerkung machte: Ich bin bald siebzig Jahre alt und habe es bisher nicht erlebt, daß vom Auszuge aus Aegypten in den Nächten gesprochen wurde"); allein die Ergebnisse, die die überstandenen Leiden gezeitigt, die durch sie befestigte ermutigende Zuversicht, daß ein Erlöser aus Druck und Knechtschaft lebt, sowie die damit verbundene Hoffnung auf eine bessere Zukunft sind im Herzen der Lehrer und Führer des Volkes lebendig geblieben. Und wie früher in finsterer Leidensnacht die Ahnen und in späterer Zeit die Nachkommen vertieften sich wahrscheinlich auch die zur Passahfeier in Bne Barak versammelten Weisen in die Geschichte der Vergangenheit, um diese bewährte Lehrmeisterin über die in der trostlosen Gegenwart zu ergreifenden Mittel zu befragen, die geeignet wären, das Volk vor der 3) Baba batra 60b. ') Jalkut Schimoni, Beschalach. °) Psalm 124, 3. °) Mischna Berachot 1, S. ihm aufs neue drohenden Gefahr des Unterganges zu schützen. Es war ein umfangreiches, mit Blut und Tränen geschriebenes Buch, eine an Qualen und Bedrängnisse, aber auch an Zeichen und Wunder der Errettung erinnernde Haggada, die sie in dieser anitttP Wachtnacht lasen, und wir brauchen uns nicht zu wundern, daß der Inhalt — alt und neu wie Israel und sein Geschick — ihre Gedanken so spannend gefangen hielt, daß sie auf die schnell dahinschreitende Zeit nicht achteten und von ihrem Nachsinnen erst erwachten, als ihre Jünger sie auf den anbrechenden Morgen aufmerksam machten. Ja, der Morgen war angebrochen, aber der -ihm sonst folgende Tag noch nicht gekommen: er war wieder einmal in alte gewitterschwere, an die ägyptische Finsternis erinnernde Wolken gehüllt und seine scheinbar in weiter Ferne verborgene Helle nur denjenigen sichtbar, deren geschärfter Blick, das tiefe Dunkel durchdringend, sie wahrzunehmen vermochte. Die Zeichen der Zeit sprachen für das „Herannahen des großen Tages, dem nichts gleicht, der eine Zeit der Bedrängnis ist für Jakob, aus dem ihm aber Hilfe erstehen soll"'). Es galt nicht nur, die Thora, auf deren Ausrottung Hadrian es besonders abgesehen zu haben schien, vor Untergang zu schützen, es galt vielmehr, die Träger und Verkünder der Lehre, die als ihre berufenen Wächter für jede Zumutung irgendeiner Gesetzesübertretung den Märtyrertod zu sterben bereit waren, vor jedem übereilten Schritt zu warnen und sie auf die durch blinden Eifer dem Fortbestände des jüdischen Stammes erwachsende Gefahr aufmerksam zu machen. Am notwendigsten aber war es, das Volk, das, wie immer in bewegter Zeit, ohne lange zu überlegen, der Weisung falscher Propheten am willigsten folgt, vor der Propaganda der Vertreter extremer Richtungen zu schützen und es aufs nachdrücklichste zu ermahnen, sich von denjenigen fern zu halten, die in blindem Gottvertrauen ungestüm zu einem Waffengange gegen Rom aufforderten, und jede Gemeinschaft mit allen denen zu lösen, die in ihrer an Verrat grenzenden Feigheit zur unbedingten Befolgung aller hadrianischen Verfügungen und somit zum gänzlichen Abfall von Gott und seiner Lehre rieten. — Das waren wichtige Fragen, deren Lösung keinen Aufschub duldete. Und sie fanden die Lösung in den Worten der Thora, die wir alljährlich in der Passahnacht in der alten, uns liebgewordenen Haggada lesen. Feinsinnig an die NOLN n°D^T an die von Druck und Erlösung kündenden Lehren, die die histv rischen Ereignisse seit der Befreiung aus ägyptischer Knechtschaft bis auf die ihrer Tage ergaben, anknüpfend, empfahlen sie sowohl ihren Zeitgenossen als auch künftigen Ge schlechtern, falls ein neuer Hadrian erstehen und das Lebe: nach den Vorschriften der Thora bei Todesstrafe verbiete: würde, den Rat des O2N zu befolgen: sich für den Augen blick ruhig zu fügen und den Tod nur dann nicht zu scheuen wenn der öffentliche Abfall von Gott und die Begehung voi Mord und Unzucht anbesohlen werden. Zugleich aber warnte: sie, auf die betörende Sprache des zu hören, der, di erlösende Kraft des Glaubens an den einen einzigen Gott ver kennend, mit seinen Worten: „Was soll euch dieser Dienst, dies Treue, die nicht selten als Lohn den Tod nach sich zieht, zu Abtrünnigkeit verleiten will." Ermahnend, tröstend und beruhigend lauten ihre Worb die sie an die fromme Einfalt, den braven Oll richteten, der die Schlechtigkeit der Welt nicht begreifend, seinen gerechter Zorn über die Verletzung des ihm gebührenden Menschen rechtes immer von neuem in dem Ruf nxt no „Was is das?" zum Ausdruck bringt, Gott jeden Tag zum Rächer de ihm und seinem Stamme widerfahrenen Leiden anrust und h-Jeremia 30, 7.