Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1916)
- Date
- 1916-03-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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iO. Jahrgang Nr. II ßeriia, 17. März 1916 Allgemeine eilung desAudentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. 21 bon n e me n t s-p r e\ s-. durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrrtebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 lN. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf riroffe, Berlin. 71TT ft ft* Von Tr.V.Seligkow itz, Köthen. — Die Wo che.— Jakob Loe'.venberg. Von A. F. Gerhard. — Aron Hirsch- Göttingen und seine Nachkommen. Von A. K. — Brief aus Mvnastir. — Feuilleton: Was ist „Haman-Klopsen"? Purimhumoreske von Alfred M a h l e r. — Lüchereinlauf. Der 6-cmeindebote (Beilage zur „Llllsiememen Zeitung des Judentums"). Berlin. Homburg, München, Nürnberg, Bamberg, Frankfurt a.N!., Nlainz. — Bon Nab und Fern. Ourim. Vvn Dr. B. Seligkowitz, Köthen. aß das Buch Esther sich bei dem jüdischen Volke großen Beisall errang — was ist natürlicher? Seit der Zeit des Verfassers fühlten die Juden fast unausgesetzt bis in unser Jahrhundert und in unsere Tage das Schwert Hamans über ihrem Haupt; Hamans Worte summten um ihre Ohren. Das Buch Esther-erzählte ihnen nicht bloß eine Geschichte, wildern erinnerte sie an hundert Ereignisse, nicht bloß aus verlangend Zeiten, sondern aus ihrer Gegenwart, weil die Pläne )cr Hamane nicht iminer vereitelt wurden. Wie oft hatten sie, n>ie damals, mit Esthers Wort zu klagen: „Wir sind verkauft!" Bei den Worten: „Krieg sei gegen Amalek von Geschlecht zu Geschlecht" hat man nicht nur an den geschichtichen Amalek zu denken, sondern in diesem Namen ist die ihpische Bezeichnung frevelhafter Willkür ausgeprägt, gegen die durch alle Jahrtausende unsere Geschichte einen restlosen llampf bestehen muß. Der Erfindungsgeist der Bosheit ist unerschöpflich; die formen und Gestalten, in denen er mifttitt, sind unzählbar. Ae häutet sich nur, die alte Schlange, ihr Gift und ihre Wut bleiben dieselben. Die rvhe Gewalt in den Zeiten der Willkür und Gesetzlosigkeit, die Raub- und Mordsncht gierigen Pöbels und nicht mehr Kinder des alten Amalek als die feingesponnenen Lügen, die der Trug in einer gebildeten Zeit flicht. Ja, noch mehr! Der religiöse Fanatismus der früheren Zeiten gatte noch im Vergleich zur jetzigen Intoleranz eine edlere Gestalt; in ihm glühte noch wenigstens der Funke einer bon >!atur edlen Leidenschaft. Jeder, der die Geschichte kennt, weiß, baß es keineswegs immer die Schlechtesten, Unedelsten gewesen ind, die das Feuer der religiösen Verfolgungen schürten, rhomas Buckle sagt in seiner Geschichte der Zivilisation von mgland: „Es ist eine unzweifelhafte Tatsache, daß die überwiegende Mehrzahl der religiösen Verfolger Menschen von den einsten Absichten, von der lautersten Moral gewesen sind. Es konnte auch gar nicht anders sein. Denn das sind keine Menschen von bösen Absichten, die Meinungen, die sie für gut galten, zu erzwingen suchen . . ." Und wenn wir auch nicht jedes Wort dieser Behauptung unterschreiben, so stand doch jene religiöse Verfolgung insofern höher, als in ihr ein kleiner, verborgener, idealer Funke glühte, wenn er auch vermischt war mit der trüben Glut roher Leidenschaft, während bei der jetzigen Intoleranz Neid, Habsncht, gekränkter Ehrgeiz, persönliche Feindschaft und die ganze Schar der rohesten und wildesten Leidenschaften das Grundmotiv bilden, die Religion aber nur als Maske vorgeschoben wird. Gilt es antisemitischen Sport, so werden plötzlich Ungläubige zu Gläubigen, da fühlen sich Männer, denen das Christentum längst ein überwundener Standpunkt ist, sofort erfüllt von Stolz auf diese ihre höher stehende Religion und wissen den Juden alles Ueble nachzusagen: Materialismus, schnöde Gewinnsucht, Herrschsucht, Mangel an Vaterlandsliebe, Mangel an Verständnis für die sittliche Weltordnung usw. Es ist also ein tatsächlicher Rückgang auf Haman, mit dem wir es zu tun haben. Desto tröstender mag für uns die Erinnerung sein, die das Purimfest in uns wachruft. Auch diese Berdunkelung des Menschengemüts findet ihr Ende; es kommt „eine Nacht, in der der Schlaf weicht", der Wahn zerreißt, das Gewissen sich regt, die Völker inne werden, was für Frevel man an Israel begehen wollte. In neuer Gestalt erscheint der Glaube an Wahrheit und Gerechtigkeit in seiner vollen Gestalt in diesem Weltkriege, den wir jetzt erleben. Gerechtigkeit ist ein guter Schild; man kann versuchen, sie zu Boden zu schlagen, man kann sie drehen und wenden. Wir erleben jetzt das seltsame Schauspiel, daß die Gerechtigkeit unserer Sache vor den Richterstnhl Europas gefordert, verklagt und zum Tode verurteilt wird. Was die englische, französische und russische Presse auf diesem Gebiete Deutschland gegenüber leistet, ist unübertroffen und findet sein Gegenstück nur in den Anschuldigungen, die die Antisemiten den Juden entgegenschleudern. Es wirkt schon fast komisch, wenn die Russen, ihren westlichen Lehrmeistern hierin folgend, die Deutschen als Hunnen oder mindestens Barbaren bezeichnen. Hervorragende Schriftsteller und Gelehrte, Historiker und Kritiker von scharfem Geiste scheuen sich nicht, unerhörte, fast kindisch anmutende Märchen über die angeblichen Greueltaten der Deutschen zu glauben — und zu verbreiten. Hat es ihnen nun genutzt? O nein! Die Wahrheit läßt sich nicht töten. Aus tausend Gräbern, die man ihr gräbt, steigt sie verjüngt empor und empfängt ihr Siegel aus dem Blute der Getreuen, die um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen sich hingeopfert haben. — Unsere eingefleischten Antisemiten und Russentheoretiker werden dessen inne werden, daß über den Wert eines Volkes und Stammes nicht Haß und Zuneigung entscheiden. Der Haß, dessen sich die Inden erfreuen, ist etwas, was sie mit den Deutschen teilen. Diese Gemeinsamkeit des Hasses wird ihnen zeigen, daß die meistgehaßten Menschen nicht die schlechtesten sind. Namentlich werden die leitenden Staatsmänner zur Einsicht kommen, daß sie nach dem Kriege erst recht alle inneren Kräfte zusammcnfassen müssen, und daß sie sich den Luxus innerer konfessionellen Verhetzungen nach dem Kriege erst recht nicht gestatten dürfen.