Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1916)
- Date
- 1916-03-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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iO. Jahrgang Nr. 9 Allgemeine Berlin, 3. März 1916 eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wSchenlllch. Abonnements-Preisdurch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen), bezogen vierteljährlich 3 TU. — Postscheckkonto 32^. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ®ei’ Begriff der NeligUm. Von Rabbiner Dr. Lewkowitz, Berlin. — DieWoche. —EinBreslauerMaler. Von Clemens Berg. — Kriegsliteratur. Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Auge um Auge. Russischer Cozialrvmcm von M. Pulvermann. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Ostrowo, Stolp i. P., Dresden, Nürnberg, Hattingen, (Ruhr), Wien. — Non Nah und Fern. Der lötgriff der Nrligmn. Von Rabbiner Dr. L e w k o lv i tz (Berlin). ährend der tragische Kampf der Nationen die Existenz der Völker und den Bestand der Kultur bedroht, erscheint eine Arbeit Hermann Cohens, die unberührt von der Leidenschaft des Tages und von der Sorge um die Zukllnft den ewigen Fragen des menschlichen Geistes zugewandt ist, die Stellung und Aufgabe der Religion im geistigen Leben der Menschheit/zu bestimmen unternimmt. Er nennt sie: „Der Begriff der Religion im System der Philosophie" und spricht damit ans, daß es ihm nicht darum zu tim ist, eine einzelne Religion und ihre besonderen Lehren auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, sondern es soll die Religion als Kulturtatsache in ihrer Eigenart erfaßt und dem System menschlicher Erkenntnis eingeordnet, ihre Berechtigung und Leistung innerhalb der modernen Kultur untersucht werden. Aller Kulturinhalt wird von den drei Richtungen des Bewußtseins, die wir als Erkenntnis, Wille und Gefühl bezeichnen, hervorgebracht. Der Erkenntnis entspringt die Wissenschaft, dem reinen Willen die Sittlichkeit, dem reinen Gefühl die Kunst. Daraus ergibt sich das System der Philosophie, die die Grundlagen der Wissenschaft, der Sittlichkeit und Kunst ]\i prüfen und ihren Zusammenhang herzustellen hat. „Die systematische Philosophie ist die Lehre von der Einheit des Menschen in seinen Erzeugungsweisen der Kultur." Ten drei Kulturgebieten entsprechen demnach die drei Teile des philosophischen Systems: der Wissenschaft die Logik als die Grundlehre aller Erkenntnis, der Sittlichkeit entspricht die Ethik, die zugleich die Grundlehre aller Geisteswissenschaften ist, der Kunst die Aesthetik. Ihre Zusammenfassung zur Einheit bleibt der Psychologie Vorbehalten. Was kann nun in diesem System der Philosophie die Religion bedeuten, zumal ja in ihm keine Lücke besteht, die die Religion auszufüllen bestimmt sein könnte? Diese ganze Problemstellung wird nur verständlich, wenn lnan auf ihren Zusammenhang mit der Philosophie Kants achtet. Es ist ja bei einem Denker, der seine ganze bedeutende Lebensarbeit in den Dienst der Kantischen Lehre gestellt hat, selbstverständlich, daß er auch die Religion unter diesem Gesichtswinkel sieht. Ob sich jedoch die unerschöpfliche Fülle des Lebens in irgendein System, und wäre es auch das genialste, hineinzwingen und so bewältigen läßt, das erscheint sehrfraglich. Die systematischen Denker sehen sich sämtlich vor die Entscheidung gestellt, ob sie die Konsequenz ihres Denkens wahren und alle Tatsachen, die sich ihrem System nicht zwanglos einsügen, ignorieren oder gewaltsam deuten wollen. Weil so jedes System einseitig ist und sein muß, fordert es notwendig seine Ergänzung durch ein anderes. Das trifft auch der Philosophie Kants gegenüber zu. Es ist sein unsterbliches Verdienst, die Grenzen menschlicher Erkenntnis festgestellt und die Berechtigung und Notwendigkeit der Religion nachgewiesen zu haben; ob man jedoch gerade von seinem Standpunkt aus die Eigenart der Religion erfassen und allen ihren Erscheinungen und Formen gerecht werden kann, muß entschieden bezweifelt werden. Seine Philosophie wird durch drei Merkmale deutlich gekennzeichnet: durch die Ablehnung aller wissenschaftlichen Metaphysik, die das innere Wesen der Welt zu erkennen vorgibt, durch ihren entschiedenen Rationalismus, der nur die Vernunft, das Denken als Quelle der Erkenntnis auch auf dem Gebiet des Sittlichen anerkennt, und durch die bevorzugte Stellung, die in seiner Weltanschauung das Sittliche einnimmt. Diese drei Merkmale, die in der Lehre Kants noch nicht in ungetrübter Reinheit hervortreten, sind nun durch Cohens scharfsinnige Deutung und Weiterentwickelung von allem Störenden und Fremdartigen befreit und dadurch um so bestimmter und schärfer geworden. Doch damit erhöhen sich auch die Schwierigkeiten, die sich einer unbefangenen und natürlichen Betrachtung der Religion entgegenstelleu. Die Lehren des Glaubens überschreiten das Gebiet menschlicher Erfahrung und führen uns in das Reich der Metaphysik, in die übersinnliche Welt, die hinter der sichtbaren Welt der Erscheinungen liegt. Wie soll da eine Philosophie, die alle Metaphysik, auch wenn sie nicht als wissenschaftliche Erkenntnis auftritt, streng abweist, die Religion in ihrer geschichtlichen Eigenart anerkennen? Sie muß, wenn sie sie gelten lassen will, eine entschiedene Umdeutung vornehmen. Religion will dem tiefen Bedürfnis des menschlichen Gemüts entgegenkommen und scheint, wie die Ekstasen der prophetischen Visionen beweisen, aus einer ungeheuren Erschütterung der menschlichen Seele 51t stammen. Sie vermag deshalb dem Herzen des Menschen Genüge zu leisten, weil sie im Gefühl ihren Ursprung zu haben scheint. Wie soll dann aber eine Philosophie, die nur dem Denken vertraut und keine aus dem Gefühl gewonnene Erkenntnis gelten läßt, eine harmonische und natürliche Stellung zum Glauben gewinnen? In allen Religionen, auch in der höchstentwickelten bestehen neben den Gesetzen der Sittlichkeit mannigfache Formen des Kultus. Wie aber soll eine Philosophie, für die nur das Sittliche einen Wert besitzt, die religiösen Zeremonien gerecht beurteilen? Daher ist es nicht etwa Unzulänglichkeit oder Mangel an philosophischer Klarheit und Kraft, sondern die unvermeidliche Folge -des Festhältens an der Philosophie Kants, wenn auch in der vorliegenden Arbeit Cohens die Religion nicht in ihrer