Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-18 · Heft 7 (18.2.1916) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 7 (18.2.1916)
Date
1916-02-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229240--72003-3284420
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

80. Jahrgang Nr. 7 Berlin, 18. Februar 1916 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint roSche nlUch. A bonnements«Preis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebssteüen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32-t. vegründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung der Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Zudentumr^, Berlin 8^, Jerusalemer Straße 46 H-, zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Stellung des jüdischen Religionsunterrichts an den 1)11111411. höheren Schulrn in Preußen. Von Her in a n n Becker. — Die Woche. — Richard Wagner und Meyerbecr. Voll Ludwig Geiger. — Julie Reumann. Von Clara Birnbaum. — Feuilleton: Mendel Bäcker. Skizze von Ernestine Streliski. — Büchereinlaus. — Literarische Mitteilungen. — Eprechsaal. Der Gemelndebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin- Posen. München, Nürnberg, Hannover, Saarburg, Wien, Jerusalenl. — Von Nah und Fern. Lur Stellung des Milchen Keljgwnsunterrichts an den höheren Schulen in Oreutzen. Bon H e r in a n i« B e ck e r. Dm Anschluß an den Artikel des Herrn Rabbiner Dr. Gelles möchte ich. der ich seit 27 Jahren neben meinem Amte als Vvlksschullehrer an der öffentlichen jüdischen Volksschule Religionsunterricht an dem hiesigen königlichen Realgymnasium sowie an der hiesigen städtischen Höheren Mädchenschule erteile, einige Anregungen und Ergänzungen geben. Herr Dr. Gelles hält die Teilnahme der jüdischen Religionslehrer an den Zensur- bzw. Versetzungskonferenzen für dringend erwünscht und begründet diese Forderung sehr eingehend. Ich 'bin natürlich mit dieser Forderung einverstanden!, kann mich aber der Begründung sowie den Vorschlägen, die Herr Dr. Gelles macht, um dieses Ziel zu erreichen, nicht anlchließen. Zunächst möchte ich Herrn Dr. Gelles bitten, seinen Einfluß und seine Bemühungen dahin geltend zu machen, daß ü berat! i n n e r h a l b d e s Stund e n planes u n d — wenn möglich — zu gl e i ch e r Zeit mit dem evangelischen und katholischen Religionsunterricht in d e n S ch ul ge b ä u den selbst der j ü d i s ch e R e li g i o n s n n t e r r i ch t e r t e i l t w i r d. DaS ist das Ziel, zu dessen Erreichung ich die einflußreichen großen jüdischen Verbände und die Herren Rabbiner und jüdischen Religionslehrer an höheren Schulen ebenso dringend wie herzlich mahnen möchte, wobei natürlich — wie es Herr Dr. Gelles getan hat — auch die Unterstützung der zuständigen Landtagsabgeordneten sehr willkommen ist. Diesem großen Ziele gegenüber ist die Teilnahme der jüdischen Religionslehrer an den Dersthnng skonstrenzen, um mit Herrn Dr. Gelles zu reden, doch nur eine „eurer posterior". Selbst in unseren östlichen Provinzen, wo die jüdische Bevölkerung doch durch ihre Zahl und ihre soziale Stellring nicht ganz bedeutungslos ist, lehnen höhere königliche und städtische Schulen es ab, den jüdischen Religionsunterricht in den Stundenplan aufzunehmen und.ihn zu honorieren. Nur in den seltensten Fällen begründen die Leiter der Schulen, bzw. die Behörden die Ablehnung damit, daß am Orte keine geeignete Lehrkraft vorhanden ist. Aber ich kenne einen ganz krassen Fall, in welchem es dem Herrn Rabbiner am Orte nach jahrelangen Bemühungen gelungen ist, v h n e j ed e E n t s ch ä di g u n g den jüdischen Religionsunterricht an den höheren Schulen erteilen zu dürfen. Ich möchte, um Mißverständnisse zu vermeiden, zunächst vorwegbemerken, daß ich nicht pro ckomo spreche. Denn ich werde für meiner: jüdischen Religionsunterricht an den höheren Schulen aus Staats- bzw. städtischen Mitteln honoriert; ich erteile den Religionsrrnterricht in den betreffenden Schulgebäuden zur selben Stunde mit dem evangelischen und katholischen Religionsunterricht und mir ist von dem königlichen Kreisschulinspektor gestattet, den Stundenplan meiner eigenen öffentlichen jüdischen Volksschule in Rücksicht auf diese Rcli^ionsstunden einzurichten. Allerdings nehme auch ich nicht an den Versetzungskonferenzen teil, obwohl mir das früher, als die Schicke noch eine höhere Privatschule war, gestattet worden ist. Jedoch den Zweck, den Herr Dr. Gelles durch die Teilnahme an den Konferenzen erreichen will, das ist die Abwehr antisemitischer Angriffe gegen die jüdischen Schüler seitens ihrer Mitschüler und mancher Lehrer, erreiche ich auch ohne die Teilnahme an den Konferenzen, obwohl ich, wie bereits bemerkt, die Forderung des Herrn Dr. Gelles für vollkommen berechtigt halte. Der Religionslehrer ist — auch darin stimme ich mit Herrn Dr. Gelles vollkomrnen überein — der berufene Schützer gegen antisemitische Angrifst. Voraussetzung dafür aber ist, daß sowohl die Schüler als auch ihre Eltern den jüdischen Religionslehrer als den berufenen Schützer anerkennen. Geschieht dies aber auch überall, wo jüdischer Religionsunterricht an höheren Schulen erteilt wird? Herr Dr. Gelles teilt selbst mit, daß ein jüdischer Schüler an seinem Religionsunterrichte nicht teilnimmt. Also selbst in seiner Gemeinde, die doch nickst einmal zu den großen Mittclgemeinden gehört, gibt es Eltern, die da glauben, ans den jüdischen Religionsunterricht für ihren Sohn verzichten zu können. Wie viele es in großen Mittelgemeinden und Großgemeinden gibt, die reicht aus Jndifferentismrrs, sondern ans Mangel an religiösem Gefühl überhaupt ihre Kinder vorn jüdischen Religionsunterricht strnhalten. das rveiß Herr Dr. Gelles sicher so gut chie ich. Wenn aber trotzdem diese religionslosen Schüler antisemitische Angriffe erfahren und das ist unausbleiblich —, wie soll sich dann der jüdische Religionslehrer als der berufene Schützer verhalten? Soll er sagen: ich kenne den Schüler nicht näher, denn er nimmt arr meinem Unterrichte nicht teil? Dann könnte er höchstens bei den Lehrern und den Eltern in den Verdacht kommen, seinem Unmute Ausdruck zu geben. Muß und soll ihn nicht vielmehr stin jüdisches Herz dazu treiben, auch für diesen religionsnnterrichtslosen Schüler einzutreten? — Aber auch bei den Schülern, die an seinem Unterricht teilnehmen, und deren Eltern wird der jüdische RÄigionslehrer nicht -immer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.