Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 80. Jahrgang Nr. 6 Berlin, li. FebruarI916 vegrundet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bon nements-P ve\s: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere venriebsftellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Tinholt* Gütige Bemerkungen zu dein Aufsaü des Herrn Rabbiner Dr. Gelles über den jüdischen Neligi onsunterricht an den höheren Schulen in Preußen. Von Prof Dr. Rc. Türk. — Die Woche.— Leo Herzberg-Fraenkel. Von Tr. Videlph Ko Hut. — Ein interessantes Aktenstüek ans dem vorigen Jahrhundert. Von S. Rot hschild.Worms a. Rh. — Jüdische Kriegssürsorge jür Elsaß-Lothringen. Von A! a x Epstein, Straßburg i. Elf. — Jeuilleton: Keinen Kaodisch wird man sagen. . . Bon Jonathan Fried. — Tie neue Melodie. Von S. L. Pereh. Deutsch von F. H urwih. — Literarische Mitteilungen. Der iAemeittSedote (Beilage zur „ Allgemeinen Zeitung des Juden tu ms" Berlin, Memel, Danzig. Breslau. Hamburg. Dresden, München, See'en a.H., Frankfurt a. M., Wien, Vtadrid. — Von 9tab und Fern. Linise lökmerkungrn dem Uuklstz des Herrn ksddmer Dr. Gelles über den Milchen Selimonsunterricht sn den höheren Schulen in Oreuhen. Von Prof. Tr. M. T ü r k. 3n d^r Nllmmer 4 der „Allgemeinen Zeitilng des Judentums" vom 28. Januar dieses Jahres hat Herr Rabbiner Dr. Gelles (Liffa) einen Artikel veröffentlicht, der in mehr als einer Hinsicht zu schweren Bedenken Anlaß gibt. Der Verfasser berichtet, daß er im vorigen Jahre dein Provinzialschulkollegium in Posen die Bitte unterbreitet habe, ihm, als dem jüdischen Religionslehrer des Gymnasiums in Lissa, die Teilnahme an der bevorstehenden Versehnngskonserenz zu gestatten, daß er ferner nach Ablehnung seines Gesuches „selbstverständlich" sich an den Herrn Kultusminister gewandt habe, mit dem Ersuchen, den Ministerialcrlaß vom 30. April 1875, der den jüdischen Religionsunterricht als nicht obligatorisch erklärte, aufzuheben. Zunächst sei mir eine Vorfrage gestattet: Mit welchem Recht — das politisch-formelle bleibe außer Betracht - l)ai der Herr Rabbiner in einer Angelegenheit, die nicht ihn allein, sondern alle Rabbiner und Religionslchrer, ja, wie er selbst sagt, „die preußischen Inden insgesamt überaus" angeht, sich arr die Behörden gewandt? Gegen dieses Verfahren muß im Interesse der Gesamtheit Einspruch erhoben werden, weil es im besten Falle nichts nutzt, in den meisten Fällen schwer heilbaren Schaden stiftet. Die Behörden werden durch einzelne Petenten in die Lage versetzt, sich auf eine eventuell für uns ungünstige Entscheidung festzulegen, und es können Jahre vergehen, ehe es gelingt, sie von der einmal getroffenen Entscheid u ng abzubringen. Wir haben in Deutschland einen Rabbinerverband. Da die meisten Rabbiner den Religionsunterricht an den höheren Schulen erteilen, so gehört es unzweifelhaft zu seinen Aufgaben, die erforderlichen Schritte zil tun, um für den Religionsunterricht die rechtlichen Grundlagen zu schassen, auf denen er gedeihen kann, und für eine der Würde seines Amtes entsprechende Stellung des Religiouslehrers Sorge zil tragen. Hält der Rabbinerverbänd so wenig Disziplin in seinen eigenen! Reihen, besteht in dem Rabbinerstande ein so geringes Gemeiuj schastsgefühl, daß der einzelne sich für befugt erachtell darf, j sich in Standes- und Bernfsfragen direkt an die Behörden > zu wenden? Der Vorfall ist noch dadurch bemerkenslvert, i daß der Rabbinerverband selbst wenige Monate vor Allsbruch ' des Krieges sich mit den Fragen, die dem ReligwllSllnterricht : an den höheren Schulen betreffen, eingehend befaßt hat. Aach einem Bericht des Rabbiners Rusen borg (Thoru), in deul auch die Teilnahme des Religionslehrers an den Versetzungskonferenzen behandelt ist, hat er einen Allsschuß eingesetzt, der zunächst durch eine Umfrage die Lage des jüdischen j Religionsunternchis an den höheren Schulen in Prellßen feststellen sollte. Der Ausbruch des Krieges hat den Fortgang der Arbeiten für eine Weile gehemmt. War das alles Herrn Dr. Gelles unbekannt? Weiß der Herr Rabbiner nicht, daß der Deutsch-Israelitische Gemeindebund sich oft und eingehend mit den Fragen des Religionsnnterrichts besaßt hat? Mußte sich Herr Dr. Gelles nicht auch daran erinnern, daß alle Verbände und Organisationen, deren Hilfe er jetzt anruft, sich darallf geeinigt haben, mit den Behörden stets nur durch d e n Verband d e r D e u t s ch e n Jude n zil verhandeln? Soll das, lvas nach Uebereinkunst den großen Verbänden versagt ist, einzelnen Vereinen, einzelnen Personen gestattet sein? Es fehlt uns an einer staatlichen Organisation. An ihre Stelle ist einstweilen der Verband der Deutschen Juden getreten. Aus der Not geboren, mag er in seiner Verfassung manche Mängel haben, es mag ihm an der demokratischen Grundlage fehlen: aber, so wie er ist, erfüllt er seine Allsgabe und hat namentlich in der letzten Zeit sich mancher Erfolge freuen dürfen. Das sollte gerade einem Rabbiner nicht unbekannt sein. In dem Gesamtausschnß sind alle Richtungen und Parteien vertreten: es sitzen dort Rabbiner aller religiösen Anschallllngen, Lehrer aller Schulgattungen, Juristen in Fülle, Acrzte, Fabrikanten und Kallfleute man darf also vertrauen, daß er alle Fragen, die an ihn herantreten, sachkundig und gründlich erlvägt unddie Durchführlulg berechtigter Forderllngen energisch betreibt. Sütel) ber Religionsunterricht an den höheren Schlllen hat ihn in letzter Zeit beschäftigt. Ein kleinerer Kreis, bestehend atrs Rabbinern, Lehrern und Juristen, hat alle einschlägigen Fragen beraten, und es steht zu hoffen, daß nach denr Kriege wenigstens einiges erreicht werden wird. Diese Hoffnung aber kann nicht in Erfüllung gehen, wenn seine Bemühungen gestört werden. * Die Begründung, die Herr Dr- Gelles seinen Bittschriften gegeben hat, mutet eigenartig an. „Weil mir in einer großen Zeit leben, weil der Kaiser gesagt hat, daß es keine Parteien mehr gäbe, weil die jüdischen waffenfähigen Schüler des Gymnasiums in Lissa zu den Fahnen geeilt sind" - - erbittet Herr Dr. Gelles seine Zulassung zur Versetzlmgskonferenz. Ich «will gern glauben, daß die Räte im Schulkollegium und im