Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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-t England. Z. London, int Januar. Am 8. i>. M. ist hier Lord Burn- Ham, der Besitzer des „Daily Telegraph", gestorben. Mit dem .. Heimgegangenen verliert die konservative englische Parteieinen - Mann, der nicht nur das verbreitetste englische Pennhblatt, sondern auch seinen Reichtum in den Dienst der konservativen. Sache zu stellen pflegte. Wenn der „Daily Telegraph" bei allem Hatz gegen Deutschland trotzdmn in seiner Tonart merklich anständiger blieb als die ausgesprochenen Hetzblätter der Halfpennhpresse, so war das vor allen Dingen Lord Burnhamzu danken. Sir Edward Burnham hat zweimal seinen Namen gewechselt. Er hieß früher Edward Levy und nahm dann auf Wunsch seines Onkels den Namen Edward L e v h L a w s o n an. Im Jahre 1903 wurde er als Eigentümer des einflußreichen „Daily Telegraph" zum Baron ernannt und wählte als solcher den Namen Lord Burnham. — In einer von der „Fabian Society" Ende v. M. hier veranstalteten Bersammlung sprach I. Zangwill gegen die Verfolgung der nichtrusfischen Nationalitäten' und besonders der Juden in Rußland. Er schilderte die gegen die russischen Juden begangenen Grausamkeiten und erklärte, daß es das eigenste Interesse der Verbündeten erfordere, daß sie zugunsten der Juden intervenieren und den Verfolgungen ein Ende machten, denn sonst konnte Deutschland mit Recht auf die Unrichtigkeit jener Meinung Hinweisen, die Verbündeten kämpften für die Freiheit der kleinen Völker. Mr. Cecil E h a st e r t o n erwiderte darauf: Wäre Zangwill nicht Jude, so müßte er für eine derartige Rede erschossen werden. Da er aber Jude ist, so sei es natürlich, daß er für seine Stammesgenossen eintritt. Er bestritt entschieden, Antisemit zu sein, allein als Engländer interessieren ihn ausschließlich englische Angelegenheiten. Bernard Shaw meinte, daß er, als Nichtjude, eigentlich ebenfalls erschossen werden müßte, weil er in allem uiit Zangwill übereinstimme. Aehnliche Erklärungen gaben der sozialistische Führer Hyndman und andere Redner. Von Sah und ssrrn. — Dem Hil verein der deutschen Juden wurde die Erlaubnis zur Sammlung von Geldspenden zugunsten der notleidenden jüdischen Einwohner in den von den verbündeten Heeren besetzten Gebieten Rußlands mittels Ausrufs in öffentlichen Blättern und Errichtung von Einzahlungsstellen für das Königreich Bayern erteilt. — Die D e u t sche Zentrale f ü r j ü d i sch e W a n d e r - a r m e n s ü r s o r g e schreibt uns: Ein gewisser Moritz St e i n e r , ä"rzeit in München, erbittet unter Vorlegung eines ärztlichen Ältestes bei einer unserer Provinzialkassen Unterstützung. Erkundigungen ergaben, daß Petent unter falschem Namen linb mit gefälschten Papieren seit vielen Jahren Deutschland bereist. In Frankfurt a. M. soll er durch sein Vorgehen einen größeren Erfolg gehabt haben. - Professor Cäsar S a m u e l, der dem Lehrerkollegium der 10. Realschule allgehörte, ist am 27. Januar verschieden. Der Stabsarzt Geheimer Sanitätsrat Tr. Ludwig Plotke ist zum Oberstabsarzt beim 4. Garderegiment befördert nwrdeu. - Der Stabsarzt Tr. M. Salo - m o n s k i (Berlin-Charlottenburg) hat den bayerischen Militärverdiellstordeu mit Schwertern erhalten. - - Die jüdische Gemeinde in Zielenzig beklagt den Verlust ihres plötzlich verstorbenen Vorstandsmitgliedes Herrn Willi B e n f ch u e r. Er starb als Landstnrmmann und wurde unter Beteiligung der Einwohner, des Magistrats und des Kmegervereins unter militärischen Ehrenbezeugungen bestattet. Die Grabrede hielt Herr Rabbiner Dr. Salomonsky aus Frankfltrt a. O. Aus Thvrn wird uns geschrieben: Bei der am 17. v. Nt. staltgesuudeueu Wahl der Vorsteher der Synagogengcmeinde lvurden die Herren Caspar Danzig er, S. Wiener und L. Kador nüedergewählt. Als Vorsteherstellvertreter wurde Herr Apothekenbesitzer Dr. Allerbach neugewählt. — Aus Polen wird uns geschrieben: Zum Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung wurde in der ersten Januar - sitzung Herr Justizrat Placzek mit Stimmenmehrheit wiedergewählt. Die goldene Hochzeit feierten am 19. Januar Herr Rentier Jakob Abraham and seine Gattin Friederike geb. Jakob. Zahlreiche Glückwunschtelegramme und Blumenspenden liefen ein. Es gratulierte das Rabbinat durch Herrn Gemeinderabbiner Dr. F r e i m a n n, der auch die von S r. Al ajestät unsere m K aiser verliehene Ehejubiläumsmedaille mit einer diesbezüglichen Ansprache überreichte. — In Hirschberg (Schlesien) verschied das Mitglied des Reprüsentantenkolleginms Dr. Friedrich 3t i s s e n. Der Verelvigte hat stets mit regem Interesse der Sache des Judentums gedient und war in der Verwaltung sehr tätig. — Herr Rabbiner Dr. W e r n e r (3)tünchen) wurde durch Verleihung des König-Ludwig- Kreuzes ausgezeichnet. — Anläßlich des Geburtstages des Kaisers stifteten die Inhaber des Bankhauses E P h r a i m M eher & S o h n in Hannover 10 000 Mark für das Rote Kreuz und die Kriegsfürsorge in Hannover und Linden. — Der Bankier Joseph Speyer in New Pork stiftete, wie uns aus Frankfurt a. M. gemeldet wird, 10 090 Mark für den Frankfurter Hilssverein für den Kreis Lötzen. — Kaiser Franz Josef hat dem Kaufmann Franz Weiß in Szentes, der acht Söhne im Felde hat und ganz allein in schlechten Verhältnissen lebt, 500 Kronen in Silber zukommen lassen. — Aus Budapest wird gemeldet: Die Erben des jüdischen Barons Peter Herzog de Corte stifteten 200 000 Kronen zu wohltätigen und kulturellen Zwecken. PH. Wolfner machte eine Kriegsstiftung von 500 009 Kronen. — Eine jüdische Deputation aus Galizien, unter Führung des Abgeordneten Reizes, wandte sich dieser Tage an den österreichischen Minister des Innern, Prinzen Hohenlohe, um ihm die Wünsche der rückzubefördernden Flüchtlinge vorzubringen. Der Sprecher bat vor allem um Schutz der Juden, die am meisten durch den Krieg gelitten haben, und verlangte, daß der Zeitpunkt der Rückkehr der Flüchtlinge bis Ende März d. I. verschoben werde. Ter Minister versprach, sich der jüdischen Bevölkerung anzunehmen und insbesondere die Angelegenheit der Flüchtlingsrückkehr im Sinne der Bittsteller zu erledigen. — In Rumänien finden neue Judenallsweisungen aus den Dörfern statt. Familien, deren Väter oder Söhne schon monatelang bei den Waffenübungen sind, bekommen plötzlich den Befehl, ihr Haus und Gut innerhalb dreier Tage zu verlassen. -- Nach Meldungen des „Secolo" dauern die Verhaftungen in Saloniki fort. Namentlich wurden viele Levantiner und Juden verhaftet, die sich mit Ausfuhr beschäftigen. Ein Protest des Rabbiners sei erfolglos geblieben. Die Bestürzung unter der jüdischen Bevölkerung sei groß, viele flüchten. Im unteren Piräus sei ein griechischer Dampfer angehalten worden, ailf dem sich viele jüdische Flüchtlinge ails Saloniki befanden. Die Flüchtlinge seien verhaftet und nach Saloniki zurückgebracht worden. — Ein großer Volksverband wurde An London gegründet, der den Zweck hat, für die Rechte der Juden in Rußland einzusteheu. Präsident des Verbandes ist der bekannte Lucien Wolfs. Ter Verband will seine Bemühungen darauf richten, daß die Juden überall gleiche Rechte erhalten und auch einen gesicherten Jischüb in Palästina erzielen. Einer Deputation, die bei Sir Stuart Samuel versprach, sprach dieser seine -vollsten Sympathien mit diesen Bestrebungen ans. — Aus Bialystok wird uns geschrieben: Außer dem Mädchengymnasium mit deutscher Unterrichtssprache des Dr. G u t - m a n n sind von den Herren Hins b e r g und L e v i t ein Knaben- und ein Mädchengymnasium eröffnet worden. Der Schulinspektor hat die Schulen besucht und seiner Zufriedenheit Ausdruck gegeben. Die jüdische Gerneinde in Königsberg hat der hiesigen jüdischen Gmeinde 90 Kisten mit Kleidungsstücken zur Verteilung an die ärmere Bevölkerung übersandt. -- In Lublin ist dieser Tage ein jüdisches Gymnasium eröffnet worden, in dem außer der deutschen und polnischen Unterrichtssprache auch im jüdischen Jargon unterrichtet wird. -- Wie aus Warschau gemeldet wird, befinden sich gegenwärtig die Finanzen der dortigen jüdischen Gemeindeverwaltung in kritischer Lage. Die rückständigen Steuern der Zensiteu betragen eine halbe Million Rubel. Die Gemeindeverwaltung ersuchte die Stadtbehörden, die Schulden von 100 Rubel aufwärts mit Hilfe der Stadtmiliz einziehen zu dürfen: eine Maßnahme, die in solchen Fällen gewöhnlich getroffen wird. Aber auch dies blieb erfolglos, da, nüe sich herausstellte, die meisten Schuldner gegenwärtig nicht in Warschau sind. Um das Defizit von 300 000 Rubel zu decken, bemühen sich jetzt die Berwaltungsmitglieder, eine Privatanleihe zu machen. -- Am 19. und 20. Dezember v. I. wurden in Jerusalem wieder große Schwärme einer neuen Heuschreckenart gesichtet. Die Heuschrecken übertrafen die früheren an Körpergröße und wiesen mattrote, fast schwärzliche Färbung auf. Es wurden zahlreiche Einwohner in die Umgebung geschickt, um die neuen Schädlinge zu vernichten. - Herr Andrew Fried mann in New York hinterließ sieben Millionen Dollars zum Bau eines Altersashls, ohne Unterschied der Konfession. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow. Florastrcche 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge. Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.