Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 jähes Ende. Aber von einer Rückkehr zu normalen Verhältnissen ist man auch heute noch weit entfernt: für die Exzesse der Nationaldemokratie und der durch sie verhetzten Menge machen die Juden alle Polen verantwortlich; in diesen selbst erwacht Mißtrauen wegen des Anschlusses der Juden an die neuen Machthaber. Aus dem Komplex dieser höchst unerquicklichen Verhältnisse ragt momentan eine Hauptsrage hervor, die Gestaltung des öffentlichen Unterrichts, d. h. seiner Sprache. In den katholischen Schulen herrscht Polnisch, in den protestantischen — trotz des Einspruches der protestantischen Gemeinde in Warschau — Deutsch, in den jüdischen soll der Jargon (dauernd oder vorübergehend?) gelten. Uns interessiert hier nur der Jargon als Unterrichtssprache. Im Prinzip das einzig Gerechte: die jüdischen Kinder verstehen nichts als den Jargon, folglich muß ihnen der Unterricht im Jargon erteilt werden, soll er nicht zu einer Quälerei ausarten. Gerade die Polen, welche am eigenen Leibe die wunderbaren pädagogischen Erfolge fremdsprachlichen Unterrichts schmerzhaft spüren, werden nach dem Grundsatz: Tue nicht anderen an, was dir selbst nicht lieb ist, das volle Recht der jüdischen Kinder auf Jargon als Unterrichtssprache anerkennen; daraus ergibt sich die Notwendigkeit, daß polnische und jüdische Kinder für immer getrennt bleiben, was ja die jüdischen Nationalisten gerade wünschen. Dieser erste Schritt zieht jedoch weitere, bedenklichere, nach sich. Man kann doch nicht alle jüdischen Kinder, die ja, da die Juden hauptsächlich nur in Städten wohnen, Stadtkinder sind, zur bloßen Vollendung der Anfangsschule anhalten; manche wollen weiter hinaus, über eine bloße Fibelschüle weg. Ist nun der Jargon auch für einen etwas höheren Unterricht geeignet? Die Frage ist unbedingt zu verneinen. Daß es eine belletristische und publizistische Jargonliteratur gibt, daraus folgt noch gar nichts; die Geschichte von Lining und Mining lese ich im Platt mit dem höchsten Vergnügen; wie für Fritz Reuter, so ist auch für Schalom Asch der Dialekt eine Würze der Erzählung mehr, aber eine Weltgeschichte oder Astronomie in Platt oder im Jargon mutet nur wie eine Parodie an. Beide reichen heute, wie jeder beliebige Dialekt, für den Hausgebrauch aus; nur fällt es dem Platt nicht ein, sich in Schule. Amt, Kirche breitzumachen; niemand wehrt dem Platt in der Familie, Belletristik, Theater — was darüber wäre, wäre vom Uebel. Zu einer Unterrichtssprache gehört doch eine Terminologie — es bliebe dem Jargon nichts übrig, als die fertige deutsche herüberzunehmen! zu ihr gehört weiter eine Grammatik und eine Orthographie; die Orthographie muß, da eine historische für den unhistorischen Jargon ausgeschlossen ist, phonetisch oder etymologisch sein; jede phonetische ist (außer für oft rein imaginäre, wissenschaftliche Zwecke) undurchführbar (zudem unterscheidet sich der russische und der polnische Jargon nicht ganz unerheblich — welcher wird da zugrunde gelegt werden?); die etymologische Orthographie wiederum führt so nahe an das Deutsche heran, daß der Jargon ziemlich überflüssig würde; der Bayer und der Schlesier, die ja denselben deutschen Dialekt sprechen wie die polnischen Juden, lernen doch nicht Bayrisch oder Schlesisch, sondern Deutsch, weil anderes unvernünftig wäre. Ja, hätte der Jargon eine hundertjährige Entwicklung hinter sich, wäre er eine Schriftsprache (wie das Vlämische zum Beispiel), aber erst ihn künstlich zu einer Schriftsprache zu züchten, die keinen Augenblick genügen kann, von der man stets zur deutschen Schriftsprache greifen muß, wäre wohl unverzeihliche Verschwendung von Zeit und Mühe. Ajgl, gite, Tate, Mame, lige, scheimen sech, warfe, me Stain dr Eirn gesukt, san, Haus, Wap, Wabr, de Jurn lojfn usw. für: Aeuglein, gute, schämen sich, den Stein der Erden gesagt, sein, Weib, Weiber, die Jahre laufen usw., wer kennt nicht Aehnliches aus deutschen Dialekten, aber die eng gesteckten Grenzen des Dialektes dürfen diese Schönheiten mit Recht nicht überschreiten. Dem Jargon fehlen gegenüber dem Deutschen alle Bedingungen zu einer Schriftsprache — ja, wenn das Deutsche nicht da wäre! Die Verteidiger des Jargons rücken denn auch mit einem triftigeren Argument heraus: er sei nicht Selbstzweck in der Schule, er solle nur zum Deutschen überleiten. Wir fragen hier nicht nach der Aufrichtigkeit dieses Bekenntnisses, ob die Einschmuggler des Jargons in die Schule sich nur den Anfang schwer denken, das Weitere, der Jargon auch in der Mittelschule usw., würde sich dann schon von selbst behaupten lassen; wir nehmen ihre Aeußerung als buchstäblich wahr an. Ja. mehr noch, es erheben sich Stimmen, die überhaupt als deutsches Bollwerk, als Vorposten des Deutschtums die polnischen Juden hinstellen, sie gegen das „Slawentum" (d. h. gegen die Polen) ausspielen wollen; es gab sogar Stimmen, die die polnischen Juden, die arme, orthodoxe, unwissende, abergläubische Menge, als die Pioniere des Westens, als die eigentlichen Vertreter westlicher Kultur im Osten bezeichneten: der Unbeteiligte konnte nur fragen, ob das Spott oder Ernst wäre? Betrachten wir nun den Jargon als Ueberleitung zum Deutschen und die polnischen Inden als Vermittler des Deutschtums, so müssen wir weiter fragen, was denn damit bezweckt oder erreicht werden soll? Wird etwa Deutschland die polnischen Juden, auch wenn sie ganz vom Jargon zum Schriftdeutschen übergkleitet werden, auch wenn sie in Polen als Deutsche auftreten, als gleichberechtigt irgendwie und irgendwann ansehen, ihnen z. B. den ungehemmten Eingang nach Deutschland gestatten? Nichts ferner als das. Schon wird offen jedem ähnlichen Versuch vorgebeugt; die Fabriken in Polen sind stillgelegt, in Deutschland ist Mangel an Arbeitskräften, trotzdem werden keine jüdisch-polnischen Arbeiter nach Deutschland hereingelassen. Alles sträubt sich in Deutschland gegen eine Einwanderung polnischer Juden; diese werden immer nur, mag man sie noch so sehr als Pioniere deutscher Kultur preisen, polnische Juden bleiben, Wozu nun diese Illusionen? Wozu das Anpreisen des Jargons als einer Brücke zum Deutsch und der polnischen Juden als der Pioniere des Deutschtums, das Sträuben gegen die angebliche Auslieferung der Juden an die Polen, wenn doch niemand in Deutschland an eine Anerkennung dieser polnischen Juden als Deutsche denkt, im Gegenteil, dagegen sich wehrt? In Deutschland nicht ausgenommen, von den Russen ferngehalten, werden die Juden von einem Ufer, dem polnischen, sich abstoßen lassen, ohne doch ein anderes erreichen zu können? Ja, wenn eine Germanisierung Polens beabsichtigt wäre, könnte man diese Lockrufe verstehen; da könnten wirklich die Juden, zusammengedrängt in den Städten, wie sie sind, dabei erhebliche Dienste leisten (ob zum Entzücken ihrer eigenen Nationalisten, bleibe dahingestellt). Mer an eine Germanisierung Polens nach dem Kriege wird im Ernst keinen Augenblick lang gedacht werden, es entfällt somit auch dieser letzte Vorwand. Die polnischen Juden sind auf Polen angewiesen, sie sind keine internationalen Freimaurer und noch weniger heimatlose Zigeuner; ihr eigenstes Interesse ist daher mit dem des Landes aufs engste verknüpft; wer oder was würde ihnen Polen ersetzen? Amerika, Palästina etwa? Eine nüchterne Erwägung muß sie belehren, daß sie zum Lande gehören, daß jeder dauernde Separatismus, daß jedes Ausspielen fremder Intervention (ob nun der russischen oder deutschen) sich an ihnen selbst rächen muß. Wohl haben sich leider Polen 3914 und 1015 viel gegen sie zuschulden kommen lassen, mögen auch die darüber in Europa von Interessierten verbreiteten Angaben stark übertrieben sein. Aber heute ist gottlob die Luft gesäubert, die Russen, die Russophilen a la Dmvwski, manche Litwakenagitatoren (die z. B. eine Zeitung herausgeben, die an Polenhaß alles