Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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80. Jahrgang Nr. 5 Berlin, 4. Februar 1916 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements«preis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mossc, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Alltzem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Müsse, Berlin. Oniubentum am Scheidewege. Von A. Brückner. — Die Woche. — Siegmar Mehring. Von L. G. — Ein freund der Armen. Von Tr. Ri eg er, Hamburg. — Polnischer Adel und Juden. Bon Jacob Jacobson. — Zur Geschichte der Juden in England. Von I. B. Münz. — Feuilleton: Nächstenliebe. Von Bertha Schoenselb. — Büchereinlaus. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums")^ i Berlin, Gnesen, Dolberg, Hamburg, München, Bad Kreuznach, Karlsruhe, Ten Haag, London. — Von Nah und Fern. Das Mtjudmtum am Scheidewege. Von A. Brückners. j m Mittelalter zogen die in Deutschland bedrängten \ Juden ostwärts, nadj Polen und den angrenzenden russisch-litauischen Ländern, die ja bald den Bund mit Polen eingingen. Hier staute sich jedoch frühzeitig die Bewegung; ein weiterer, natürlicher Abfluß nach dem Osten war durch Moskau für immer unmöglich gemacht und die polnisch- > litauischen Juden in der Ausbreitung ihrer Diaspora blieben > für immer gehemmt. Ihrem materiellen Wohlstände in der j Krone Polen machte 1648 ein Ende; neben den furchtbaren Verj lüsten an Gut und Blut erfolgte durch den Abfall Kleinruß-! lands an Moskau eine neue dailernde Einengung dieser Diaspora. Weil in Polen niemand je an irgendeine Belästigung von Nationalität und Sprache gedacht hat, konnten hier auch die Juden ungestört ihr Hebräisch in Buch und Schrift, ihren aus Ostdeutschland (Schlesien, Bayern) mitgebrachten Dialekt (dessen deutsche Elemente allerdings durch Hebraismen und Slawismen auf etwa 70 Prozent herabsanken) in Schrift und Rede pflegen, scharf getrennt von allem Polnischen durch ihre Religion, wobei in Litauen der Uebertritt zum Katholizismus ihnen mit dem Adel gelohnt wurde. Eine antisemitische Bewegung von Dauer und Tiefe hat es im alten Polen nie gegeben; wohl kamen Exzesse gegen Individuen vor, fast stets im Anschlüsse an angebliche Ritualmorde (wogegen z. B. polnische Protestanten 1557 schärfsten Einspruch erhoben); wohl gab es sogar einzelne Schriftsteller, die gegen die Juden Schmäh- und Spottschriften richteten (namentlich I. A. Kmita um 1600 herum), *) Ich gebe den nachstehenden Ausführungen meine* hochverehrten Kollegen, des ordentlichen Professors an der Berliner Universität, hier gern einen Platz. Der Verfasser der Studie, ein geborener Pole, hat ans Grund eigener langjähriger und gründlicher Kenntnis der einschlagenden Verhältnisse diese Betrachtungen niedergeschrieben und mir zur Veröffentlichung übergeben. (Die Behauptungen S. 50, Sp. 2, Z. 23 und S. 51, Sp. 1, Z. 29 f. bedürfen wohl der Berichtigung.) Ich hoffe, daß diese von vorurteilsloser Gesinnung erfüllten Betrachtungen zur Aufklärung über einen so wichtigen und bedeutsamen Gegenstand beitragen. D. R e d. aber ein wirklicher Antisemitismus ist in Polen erst im 19., eigentlich erst im 20. Jahrhundert aufgezüchtet worden. Infolge der Teilungen Polens trennten sich nunmehr die Geschicke der polnischen Juden; von den österreichischen und preußischen Anteilen sehen wir hier ab; in den russisch-litauischen Gebieten, 'die an Rußland fielen und im 19. Jahrhundert einer steigenden Rusfifizierung ausgesetzt waren, schienen sich die russischen Juden langsam zu jüdischen Russen wandeln zu sollen; in Kongreßpolen wurde in den höheren Schichten eine Assimilation vorbereitet, 1862 durch die Gleichberechtigung gefördert; Juden nahmen an der nationalen Bewegung der Polen 1861 usw. teil. Durch die Ereignisse von 1863 wurde dieser Weg wieder verlassen; unter der russischen Knute war an eine weitere Entwicklung der bereits angebahnten Verständigung nicht mehr zu denken; im Gegenteil, infolge ökonomischer Bedingungen verschärften sich die Gegensätze langsam und spitzten sich zu. Seit der Wende des Jahrhunderts trat eine steigende Verschlimmerung des vorher leidlichen Zustandes ein. Einmal war es die massenhafte Einwanderung der „Litwaken", der russischen Juden, denen alles Polentum fremd und verhaßt ist; sie sind, noch vielmehr als die Russen, prinzipiell Gegner jeglicher polnischen Autonomie, weil sie jede dadurch natürlich notwendige Trennung der Juden in Rußland von denen in Polen fürchten und bekämpfen; sie bemächtigten sich der jüdischen Presse in Polen und schürten die Zwietracht; ihnen halfen die jüdischen Nationalisten, ausgesprochene Separatisten, abgesagte Feinde jeglichen Zusammengehens mit den Polen. Auf der anderen Seite vergiftete die polnische Nationäldemokratie die öffentliche Meinung: als ihr Ansehen zusehends schwand, als ihr Führer Dmowski bei den Dumawahlen so durchsiel, daß er nicht einmal zum Wahlmann gewählt wurde, griff seine Nationaldemokratie zur Judenhetze; das Rechnen mit viehischen Instinkten ist ja immer das Sicherste; ihre neue Losung fand leider breiten Widerhall bei den Massen. Ihr Einfluß stieg außerordentlich durch die Ereignisse vom August 1914, ihr russophiles Programm, geweiht durch das Manifest des Großfürsten-Generälissimus, lieferte ihr die öffentliche Meinung aus; nur sie durfte ungehindert agitieren und Hetzen, verleumden und denunzieren; gegen ihren Terror konnten liberale und sozialistische Kreise öffentlich gar nicht aufkommen. Es kam zu Ausschreitungen gegen Juden, die das Ausland mit der planmäßigen und umfassenden Verfolgung alles Jüdischen durch Kosaken und Russell verwechselte, alles, was in Polen vorging, auf Rechnung der Polen fetzte. Natürlich rief diese Hetzarbeit der Dmowski und Genossen steigende Erbitterung bei den Juden hervor, die von den Litwaken und Nationalisten auf jegliche Weise geschürt wurde. Liberale Russen, den Polen immer abhold wie alle Russen, benutzten die Gelegenheit, um das russische Jnterventionsrecht in polnische Angelegenheiten, angeblich zum Schutze der Unterdrückten, sich zu wahren. Der weiteren Verhetzung machte die Vertreibung der Russen aus Polen ein