Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1915)
- Date
- 1915-12-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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79. Jahrgang Nr. 53 Berlin, 31. Dezember 1915 Der Gemeilidevote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung drK IudentumK". korrrlpondrnzrn und Aschrichten. Srutfchlsnd. 22 Berlin, 28. Dezember. Die Gesellschaft zur Förde r u n g d e r W i s s e n s ch a f t d e s I u d e n t u m s versendet ihren 13. Jahresbericht. Des im November d. I. verstorbenen Herrn Prof. Dr. Leopold Cohn (Breslau), der ein verdientes Mitglied des Ausschusses war, wird in ehrenden Worten gedacht. Die Arbeiten der Gesellschaft und ihre Veröffentlichungen hatten naturgemäß unter den Wirkungen des Krieges zu leiden; nicht nur, daß die wissenschaftlichen Kräfte teilweise sich anderen, dringenderen Aufgaben Zuwenden mußten, auch der Mangel an geeignetem Scherpersonal für den teilweise sehr schwierigen Druck hat das Erscheinen vollendeter Arbeiten unmöglich gemacht. Daß die Arbeiten der Gesellschaft in diesem Kriegsjahr dennoch nicht geruht haben, zeigen die ausführlichen Berichte der einzelnen wissenschaftlichen Unternehmungen. Recht beachtenswert sind auch die Ausführungen des Berichtes über die Aufnahme, welche die Werke der Gesellschaft bei berufenen Beurteilern finden; ihre Urteile verzeichnet der Bericht mit „Genugtuung". Tenn sie geben dem Vorstand der Gesellschaft die Zuversicht, daß sie auch die Schwere dieser Zeit überwinden werde. Der Bericht schließt mit einem warmen Aufruf zum Beitritt zu der Gesellschaft, um ihr die Mittel zuzuführen, „in einer hoffentlich nicht mehr fernen, friedlichen Zeit sich den größeren Aufgaben und Zielen widmen zu können, die dann ihrer harren". Die Gesellschaft stellt zu Beginn des neuen Jahres ihren Mitgliedern gegen eine geringe Versandgebühr ein wertvolles Werk völlig umsonst Zur Verfügung; hierüber ist Näheres aus dem Bericht zu ersehen, der von Herrn Syndikus Dr. Nathan, Hamburg, Werderstraße 30, k ostenck o s zu beziehen ist. E. S. Berlin, 28. Dezember. Im großen Hörsaäl der Universität sprach vor kurzem Prof. E. Tr ölt sch über die „Soziale Bedingtheit des Ethos der alttestanientlichen Propheten". Nach einer langen, weit ausholenden Einleitung über die beiden Methoden der religionsgeschichtlichen Forschung gelangte der Redner zu folgenden Ausführungen: Die Propheten sind das geistige Schicksal des Abendlandes geworden. Während bei den antiken Völkern die Götter mit dem Staat Zusammenfällen und mit -ihm zugrunde gehen, lösen die Propheten den e i n z i g e n Gott los vom Volk als überweltlich. Wenn auch Gott das Volk öfter wegen seiner Verfehlungen straft, so bessert sich dock) wenigstens ein Teil von ihm, den Glauben und die Hoffnung in schwersten Leiden und in die fernste Zerstreuung bewahrend. Durch das Christentum, als Dochterreligion des Judentums, wurden die prophetischen Lehren Gemeingut der abendländischen Völker und bilden einen unzertrennlichen Teil ihrer Kultur. Ursprünglich Quellengeist (vom Berg Horeb), wird er von den Propheten nationalisiert und allmählich zum Herrn des Himmels und der Erde erhoben. Anfänglich unterschieden sich die Propheten kaum von Zauberern (?), vornehmlich die älteren, wie Elias, Clisäus, welche in kültisch-orientalischen Anschauungen befangen sind. Später suchen sie hinzuwirken, daß kein Bündnis mit einem heidnischen Staat, d. h. mit fremden Göttern, geschlossen wird. Unbefleckt soll Israel bleiben. Freilich der größte Teil des Volkes muß dabei Zugrunde gehen, aber der übriggebliebene Teil lvird nun ein auserwähltes Volk. Die Propheten knüpfen an uralte Vorstellungen an: an die Zeit, wo man weder Tempel und Priester noch den 'umständlichen Opferkultus kannte. Wenig sind die Tieropfer nütze, wohl aber Gerechtigkeit und ein Zerschlagenes, reuevolles Herz. Nach Hosen liebt Gott sein Volk wie eine Mutter ihr Kind. Bei der Art der Propheten, mehr auf sittliche Erneuerung Zit dringen als politischen Glanz zu verheißen, verkünden sie so häufig. Unheil, während die unr den Fürstenhof weilenden alles Heit Voraussagen und von Buhe und Herzenserneuerung nichts wissen. Während in der antiken Welt, vornehmlich bei Plato, sich ein fortwährender Weltprozeß vollzieht, ist bei den Propheten (wie auch bei Augustin) -die großartige Welterneuer-ung nur ein einmaliges Geschehnis. Aber den Propheten gelten die sittlichen Gebote nur für die eigene Volksgruppe; sie kennen kein e M ensch h e i t s r e I i g i o n. (Das müssen wir entschieden in Abrede stellen. D. Red.) Daher können sie auch erbarmungslos gegen die Heiden reden. (Ebenso erbarmungslos reden sie gegen Israel, wenn es Gott und sein Sittengesetz verläßt. D. Red.) Nur mühsam wußte sich das Christentum vom jüdischen Sittlichkeitsideäl >losznmachen, erst mit Rücksicht auf die außerordentlich anwachsende Zahl der heidnischen Anhänger. Eine absichtliche Polemik gegen die religiösen Anschauungen der umgebenden Heidenwelt liegt dem Prophetismus fern. (Auch das stimmt nicht. Siehe Jes-aia K. 40. D. Red.) Die so oft eingeschärften Vorschriften über die Mittel gegen die Verarmung, rechtes Maß und Gewicht, Reinheit der Ehe, Zinsverbot, kurz alles, was man unter sozialer Fürsorge begriff, entstammen der Bauernsitte und waren für ein Bauernvolk angepaßt. Die Propheten sind keineswegs die Vertreter einer bestimmten Klasse, sie betrachten sich nur als die von Gott gesandten Boten. Aus der bäuerlichen Ethik ergeben sich die Anschauungen von der vollen Aufopferung und Hingabe des einzelnen an Gott, von dem leidenden Gottesknecht, von der im Leiden tätigen Bruderliebe. Ta die prophetische Ethik unbedingt das Recht über die Macht setzt, erweist sie sich als politische Utopie. Darum klammert sich notwendig die Hoffnung an das kommende Gottesreich und an das zukünftige Weltgericht. So soll sich der Gerechte selbst verlieren, unr sich dereinst wieder selbst zu gewinnen. — Welch ein Unterschied zwischen den Anschauungen von Tröltsch und H ermann Co he n. Hier ein völkischer Partiknlarismus, dort eine universale, einzig dastehende Weltanschauung, welche in ihrer Tiefe wenigstens die Ansätze der Kultur einer fernen, fernen Zukunft vorausahnte. Die anknüpfende freie Aussprache bot eigentlich nichts Bemerkenswertes, außer den Einwänden von Dr. B. Keller mann, welcher für den Universälismus und die in der ganzen Weltgeschichte unvergleichliche Art der Propheten eintrat im Einklang mit den Anschauungen von Harnack in seinem „Wesen des Christentums". Professor Tröltsch hat mit viel Geist, Gelehrsamkeit und Beredsamkeit gesprochen, aber die beiden Grundfragen, warum die Propheten einzig dastehend sind und ihre Anschauungen fortleben, unbeantwortet gelassen. V. Z. Berlin, 28. Dezember. Geheinur Sanitätsrat D r. Os k a r Ro t h m a n n , einer der angesehensten Berliner Aerzte, ist im 81. Lebensjahr verschieden. Rothmann, der in Wongrowitz i-n der Provinz Posen geboren war, besuchte das Ghnrnasium Zum grauen Kloster in Berlin, wo er 1855 das Zeugnis der Reise erwarb. Er widmete sich dem Studiumder Medizin, erwarb 1859 den Doktortitel und ließ sich 1861 in Berlin nieder. Er kam in sehr-kurzer Zeit zu einer großen Praxis und war als geschickter Geburtshelfer gesucht. 1864 zog der junge Arzt mit ins Feld. Er zeichnete sich bei Alfenaus und erhielt den Roten Adlerorden vierter Klasse, 1870 bei Bionville das. Eiserne Kreuz. Als im Anfang der siebziger Jahre -des vorigen Jahrhunderts das ärztliche Vereinsleben in Berlin ausbluhte, nahm Rothmann regen Anteil daran und wurde mit vielerlei Ehrenstellen betraut. Der Aerzte kammer gehörte er durch mehrere Wahlperioden an. Nicht minder rührig betätigte sich Rothmann in den wissenschaftlichen Vereinen. Seit über 50 Jahren war er Mitglied der Medizinischen Gesellschaft. Den Verein für innere Medizin, dessen Ehrenmitglied Rothmann war, hat er mitbegründet und lange Jahre seine Geschäftskommission geleitet. Seit einigen Jahren hatte Rothmann sich von der Praxis zurückgezogen. Ein hoffnungsvoller Sohn, Professor Dr. Max Rothmann, ist ihm im Tode vorangegangen. Breslau, 24. Dezember Der Ausschuß des Verbandes oer Synagogengemeinden der Regierungsbezirke Breslau und Liegnitz versendet soeben den Verwaltungsbericht für die Jahre 1914—1915, dem wir folgende Angaben entnehmen: Unsere Tätigkeit im abgellansenen Verwaltnngsjahre stand im Zeichen des großen Weltkrieges. Wie auf fast alle Lebensverhältnisse, hat er seinen Einfluß auch aus unsere Einrichtungen erstreckt, indem er unsere Wirksamkeit einerseits auf einzelnen Gebieten nicht unerheblich einschränkte, andererseits ihr neue Ausgaben stellte. Noch vor Ausbruch des Krieges waren wir erfreulicherweise imstande, leistungsschwachen Gemeinden Beihilfen zu gewähren, die wesentlich zur Ausrechterhaltung ihrer Existenz beitrugen. Eine indirekte Unterstützung der Gemeinden zur