Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229227--71821-3284183- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Barmen 1× ep/1044134
OCR text
Z. Karlsbad, 26. November. Am verflossenen Sonntag, den 21. d. M., -fand -auf dem israelitischen Friedhof eine denkwürdige Beerdigung statt, llnd zwar wurde zum erstenmal ein im Felde gefallener k. u. k. Militärarzt in heimatlicher Erde bestattet. Der junge, 27jährige Arzt, der fein Leben für Kaiser und Vaterland opferte, war Dr. Artur Weil, k. u. k. Assistenzarzt am südlichen Kriegsschallplatz, ein Sohn des hiesigen Kaufmanns Sigmund Weil. Die Leiche wurde nach Karlsbad übergeführt und gelangte am verflossenen Sonntag unter Anwesenheit von wohl 1200 Personen der gesamten Bevölkerung zllr Beerdigung. Aus Anlaß derselben waren das k. u. k. privilegierte Schützen kor PA und das k. u. k. patriotische Kriegerkorps Erzherzog Franz Ferdinand vollzählig aus^ gerückt. Auf dem Friedhofe waren ferner fast sämtliche in Karlsbad weitenden dienstfreien Offiziere und die hier weilenden invaliden Mannschaften anwesend, darunter k. u. k. Oberstleutnant Bruder vom 92. Infanterieregiment, ferner in Vertretung des Stationskommandanten Herr k. u. k. Major Hassenteufel sowie Herr k. u. k. Hauptmann Karl Hiebet; ferner war auch der Vorstand des Karlsbader Wohlfahrtsvereins „Union" -anwesend. Vor der Uebersührung der Leiche aus der Zeremonienhalle zur letzten Ruhestätte durch Mitglieder des deutschen Turnvereins in Karlsbad hielt Rabbiner Dr. Ignaz Ziegler eine ergreifende Ansprache, ferner k. u. k. Militärarzt Dr. Max Popper aus Prag namens der Aerzteschast. Bei der Uebersührung zu dem von der israelitischen Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrabe machte es auf die Anwesenden einen tiefen und dauernden Eindruck, daß hinter der Bahre des Dahingeschiedenen neben dem Rabbiner Dr. Ignaz Ziegler der katholische Feldkurat des k. u. k. Reservespitals in Karlsbad, Gottfried Cikanek, schritt, und es sei an dieser Stelle nicht unerwähnt, daß sich dieser katholische Seelenhirt nicht nur bei den Soldaten seines eigenen Glaubens, sondern bei den Angehörigen aller Konfessionen einer besonderen Verehrung und Beliebtheit erfreut. Mn MH und Lern. — Für den vom H i l s s v e r e i n der d e u t s che n I u d o n , der Großloge für Deutschland U. O. B. B. und dem Frankfurt e r Hilfskomitee für die notleidenden ostpreußischen Juden begründeten „Jüdischen Hilfsfonds 1915" zur Unterstützung der von den Kriegsereignissen unmittelbar betroffenen auswärtigen Glaubensgenossen sind, nach dem Ausweis der ersten Spendenliste, bisher folgende namhafte Beträge eingegangen: vom Z e n t r a l k o m itee der deutschen Vereine vom Roten Kreuz 5000 Mark, von Dr. I a m e s S i in o n - Berlin, IamesLoe b - München je 20,000 Mark, M. Nt. Marburg u. C o. - Hamburg, Geheimrat Eduard Arnhold- Berlin je 10 000 Mark, Aron H i r s ch - Berlin, Bankdirektor Paul M a n kiewitz - Berlin je 5000 Mark, Magi ne RJim, Verein zur -gegenseitigen Hilfe, Berlin, Komm.-Rat. He i n r i ch E i s n e r - Berlin, Frau Hedwig La chm a n n - Berlin je 3000 Mark. — Der zweite Sohn des Herrn Max Weiß in Berlin W, Kurfürstendamm 241, Herr F ranz Weiß, ist zum Leutnant der Artillerie befördert worden. — Professor Dr. Ferdinand Karewski, der bekannte Berliner Chirurge, ist zum Geheimen Sanitätsrat ernannt worden. Am 5. November 1858 zu Stettin geboren, studierte Karewski in Berlin, wo er 1887 mit einer Arbeit „lieber den Einfluß einiger Herzgiste aus den Herzmuskel des Frosches" promovierte. Nach erlangter Approbation wurde Karewski Assistent unter James Israel am jüdischen Krankenhaus, an dem er heute noch als Leiter der chirurgischen Poliklinik tätig ist. Im Jahre 1905 wurde er zum Professor ernannt. Neben seiner ausgedehnten praktischen chirurgischen Tätigkeit hat Karewski auch eine fruchtbare literarische Tätigkeit entfaltet, die sich auf alle Gebiete der Chirurgie erstreckt. — Herr Bernhard Crohn, Inhaber der gleichnamigen Mehlfirma, feierte am 27. November seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar ist Inhaber des Eisernen Kreuzes noch aus dem Krieg 1870/71, an dem er eine ernste Verwundung davon trug; er hat an der Berliner Börse als Sachverständiger und Schiedsrichter für Mehl mehrere Ehrenstellen inne. — Herr Leon Scheinhaus in Memel wurde zum Stadtverordneten von der ersten Abteilung für sechs Jahre neu-gewählt. — In Schrwiebus verschied am 14. November im Alter von 87 Jahren der Begründer der Synagogengemeinde und deren erster langjähriger Ehrenvorsteher Herr L e w i n S i l b e r st e i n. Die Beerdigung, fand unter großer Beteiligung der Bürgerschaft von Schwiebus statt. Die Gedächtnisrede hielt Herr Rabbiner Dr. Salornonskh aus Frankfurt a. O. — Herr Kommerzienrat Herrn. Wahl in Barmen, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, des Vereins Israelitisches Krankenheim Bad Neuenahr usw., ist im Alter von 75 Jahren verschieden. — Um alle diejenigen, auf denen der Krieg mit allem, was er im Gefolge hat, mehr oder weniger schwer lastet, durch einige Stunden angenehmer Geselligkeit zu stärken und aufzuheitern, finden Kriegsfanrili-enabende für die israelitische Gemeinde in Dortmund bei freiem Eintritt statt. Verschiedene Mitglieder der Gemeinde haben -sich sreundlichst zu musikalischen und deklamatorischen Darbietungen zur Verfügung gestellt. — Aus Neustadt a. Aisch wird berichtet: Das Fest der goldenen Hochzeit feierten am 17. v. Nt. Lazarus Goldsrank und seine Frau in seltener geistiger und körperlicher Frische. Aus diesem Anlässe spendete der in weiten Geschäftskreisen bekannte -und geachtete Jubilar einen goldgestickten Thoravorhang mit den dazu gehörigen Decken. — Der Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen ist von der Lederfabrik Adler u. Oppenheimer Akt.-Ges. in Straßburg i. Elf. eine Spende von 1 200 000 Mark überwiesen worden. — Die philosophische Fakultät in Bern ernannte Herrn Henri Moser in Charlottenfels, der seine großartige orientalische Sammlung dem Berner historischen Museum überwies, zum Ehrendoktor. — Bei der anr 14. November obgehaltenen vertraulichen Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes wurden auf Vorschlag des Präsidenten Dr. Alsr. Ster n im Sinne des § 18 (neu) der Wahlordnung nachfolgende Herren in den Kultusvorstand kooptiert: Hofrat Dr. Jos. LAv n e r, Heinr. M e n d e l, Dr. Will). P a p p e n h e i m, Louis Freiherr v. Rothschild, Dr. Rud. Schw a r z-H i lle r. Es geschieht zum ersten Male, daß der Chef des Wiener Hauses Rothschild Persönlich Mitglied des Kultusvorstandes wird. Bisher war das Haus Rothschild im Kultusvorstande immer indirekt durch einen seiner Prokuristen vertreten. — Für die gegenwärtige Zahl der serbischen Juden läßt sich nur ein Annäherungswert angeben, da die letzte Volksstatistik, welche 5997 Israeliten bei einer damaligen Bevölkerung von nicht ganz drei Millionen Seelen verzeichnet, vom Jahre 1910 datiert. Die Kriege gegen die Türkei und Bulgarien in den Jahren 1912 und 1913 brachten dem Lande bekanntlich einen erheblichen Gebiets- und Bevölkerungszuwachs. Wenn man jetzt die Gesamtemwohnerzahl des neuen Serbiens aus etwas über fünf Millionen beziffert, so darf man wohl die Zahl der serbischen Juden auf 7000 bis 8000 veranschlagen, von denen -auf Belgrad mit (im Jahre 1910) 89 876 Einwohnern über 4000 und aus Nisch mit damals 24 949 Einwohnern über 800 entfallen. — Aus einer Notiz des in Paris erscheinenden „Umbers Jsraelite" vom 29. Oktober geht hervor, daß die französische Zensur jede Verbreitung von Nachrichten über die entsetzlichen Leiden der russischen Juden anläßlich ihrer Zwangsaustreibung. aus den polnischen Gouvernements unterdrückt hat. Nicht weniger als vier Seiten der genannten Wochenschrift sind aus diesem Grunde der Zensur zum Opfer gefallen. — Auf Befehl des russischen Hauptquartiers wurde für alle periodischen und täglichen jüdischen Zeitungen, darunter die Petersburger „Volksstimme" und das „Petersburger Tageblatt", das Erscheinen verboten. Wie „Birschewhja Wjedomosti" berichten, sind auch Gerüchte im Umlauf, daß die früher vom Minister Tscherbatow den Juden gegebenen Freiheiten und Zugeständnisse wieder aufgehoben werden sollen. — Der Chacham Baschi in Jerusalem, Moses Franko, ist wegen seines hohen Alters von seinem Amte zurückgetreten. Zu seinem Nachfolger ist Oberrabbiner Danon, zurzeit in Jsmir, ernannt worden, der sein Amt in Kürze antreten. wird. — Aus New Jork wird geschrieben: Ein Brief des Präsidenten Wilson wurde jüngst in Baltimore bei der Gründungsfeier des großen jüdischen Ordens Bne Br Uh von dem jüdischen Politiker Simon Wulf aus Washington zur Kenntnis gebracht. In diesem Briefe versicherte der Präsident, den „Jüdischen Nachrichten" zufolge, er werde in der Stunde des Friedens seinen ganzen Einfluß als Haupt der Vereinigten Staaten dafür Einsetzen, daß die Juden Rußlands und Rumäniens Gleichberechtigung bekommen. In einem zweiten, -ebenfalls von Herrn Wulf -mitgeteilten Schreiben des Präsidenten gab dieser die Erklärung ab, er werde keinem neuen Handelsvertrag mit Rußland seine Zustimmung geben, bevor die Gleichberechtigung der Juden in diesem Lande durchgeführt ist. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow. Floraftrabe 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, BerliN-Friedenau, Druck und Verlag von Rudolf Mofst.