Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 43 Allgemeine Berlin, 22. Oktober 1915 eilung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements'preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich L M. — Postscheckkonto 224- Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an dir Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6-99, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Berliner Gemeindefragen. Von Dr. Adolf Reumann. — Ijmjmi. Die Woche. — Georg Galland. - Wilhelm Sklarek. Von L. G. — Alfred Friedmann. Von L. G. — Kriegsliteratur. Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Der Rabbiner von Krala. Von Fan. — 1915. Von Ottilie Franzos. — Büchereinlauf. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Jastrow, Posen, Breslau, Hamburg, Hannover, Dortmund, Nürnberg. Rexingen, Antwerpen, Wien. — Von Nah und Fern. Berliner Gemeindekragen^ Von Dr. Adolf Neu mann. ie Gegenwart .gehört dem Kriege. Unsere ganze Gedankenwelt nimmt er in Anspruch. Das Wohl des Vaterlandes und das Schicksal unserer Angehörigen und Freunde beschäftigt unsere Sorge. Trotzdem dürfen die Ideen, die uns vor dem Kriege beherrschten, nicht absterben. Die Zeit des Friedens wird kommen. Vielleicht bringt sie uns zunächst nach Tagen der Unruhe eine Erschlaffung. Allmählich aber werden die Interessen, die uns früher bewegten, wieder unser Denken ausfüllen. Die freigewordenen Kräfte werden sich politischen und religiösen Bestrebungen zuwenden. Auch in unserer Berliner Jüdischen Gemeinde werden alte Streitfragen aufleben. Den mit ihnen verbundenen Kampf verhindern zu wollen, ist unmöglich, bielleicht auch nicht wünschenswert. Jeder Fortschritt erfordert ein Ringen. Allein die Formen des Streites können gemildert werden. I. Das Kampfgebiet wird sich nicht ändern. Größere Betonung des Nationalen auf der einen Seite, auf der anderen die Anhänger der religiösen Bedeutung des Judentums. Diese sich wieder trennend in die Kämpfer für eine Weiterbildung und die Verteidiger des Althergebrachten. Im Innern mögen an der Spitze dieser Parteien die „Unentwegten" stehen, die von ihrer Idee nicht im geringsten Punkte weichen möchten. Nach außen hin, wo es sich um die gegenseitigen Beziehungen und den Versuch eines Ausgleichs handelt, müssen Männer ruhiger und besonnener Denkart die Vertretung übernehmen. Auf diesem Wege würden selbst die schwerwiegendsten Musst Der hier folgende Aussatz berührt Fragen von weittragender Bedeutung. Deshalb glaubte sich die Redaktion verpflichtet, ihn unverkürzt zu veröffentlichen, obgleich gar manche der darin vorgetragenen Ansichten denen der Redaktion und vieler Leser widersprechen werden. Die Zeit, in der wir leben, ist vielleicht nicht sehr geeignet, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen; aber wir müssen an die Zukunft denken, und deshalb scheint eS uns wohlgetan, auch einmal von den sogenannten aktuellen Fragen, di« sonst in den Leitartikeln der letzten Monate behandelt wurden, abzusehen und auch den Blick auf deutsche Dinge zu lenken, deren Regelung und vielleicht Neuordnung der Friedenszeit Vorbehalten bleiben mutz, die wir alle ersehnen. Die Redaktion. einandersetzungen in gemeinsamen Verbänden ein günstigeres Ergebnis haben. Ein anderes Mittel, die Schärfe des Streites zu mildern, ist die Einführung der Verhältniswahl. Gegen sie ist zunächst jede herrschende Partei, gleichviel welcher Richtung. Die Neuerung bringt Ungewißheit. Die Herrschenden fürchten Machtverlust. In Berlin ist diese Gefahr sehr gering. Wenn die Liberalen nicht besondere Fehler begehen, ist ihnen für lange Zeit die Mehrheit sicher. Der Gedanke, daß auch kleinere Minderheiten zu Wort gelangen, darf nicht schrecken. Widerspruch kräftigt die Mehrheit in ihrer Ueberzeugung. Der Zwang, eigene Ideen nachzuprüfen, wirkt förderlich. Wo die Verhältniswahlen bisher eingeführt sind, haben sie sich bewährt und den Weg der Verständigung erleichtert. Man scheue daher nicht vor einer größeren Liberalität gegen die kleinen Verbände zurück. Vereinzelt schaden sie der Mehrheit weniger als vereinigt. Es wird der Berliner Gemeinde nicht schaden, wenn ein oder der andere Zionist oder Traditionelle in ihrer Vertreterversammlung sitzt. Wo der Wahlkampf nicht mit Sieg oder völliger Niederlage endet, wird er von selbst gemäßigter. Jede Partei hat wenigstens die Sicherheit, nach der Anzahl ihrer Wähler vertreten zu sein. Ausschreitungen, wie 1910, werden nicht Vorkommen. Hüben wie drüben wurde damals gesündigt. Das Hineinziehen des Kampfes in die öffentlichen Zeitungen und die Störung der Versammlungen durch jugendliche Heißsporne dürfen nicht wiederkehren. Die Verhältniswahl ist nicht ein Allheilmittel. Gleichgültige rüttelt sie nicht auf. Aber jeder hat bei ihr das Gefühl der Gerechtigkeit. Religiöse wie örtliche Interessen kommen zur Vertretung. Damit braucht keine Zersplitterung verbunden zu sein. In großen Fragen werden sich nur zwei Richtungen bekämpfen. II. Den Mittelpunkt des religiösen Lebens bildet der Gottesd i e n st. Neben den Werken sozialer Fürsorge ist seine Ausgestaltung die Hauptaufgabe der Gemeinde. Bekanntlich haben wir gegenwärtig zwei Synagogenarten. Die eine beherrscht die Orgel, die das Gemüt erhebt und den Schönheitssinn weckt. In den Orgelsynagogen sind die hebräischen Gebete mehr oder minder eingeschränkt, dagegen die Anwendung der deutschen Sprache erweitert worden. Bei den anderen Gotteshäusern sichen die hebräischen Gebete noch im alten Ansehen. Ihre Erhaltung, wie die vieler alter Gebräuche, wird in ihnen als Herzenssache gefordert. Mit den beiden der Repräsentation dienenden Synagogen, Oranienburger und Fasanenstraße, ist dem Bedürfnis nach prunkvoller Ausgestaltung Genüge getan. Beide bilden als Werke der Baukunst einen Anziehungspunkt. Freilich verlangt architektonische Schönheit entsprechende Umgebung. Sie fehlt in der Fasanenstraße. Eine schlechtere Gegend ist einer ungünstigen Umgebung vorzuzichen. Weitere Bauten sind von der Sparsamkeit zu umgrenzen. Bei Orgelsynagogen wird zwar im Innern wie an der Front der Bau