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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-17 · Heft 38 (17.9.1915) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 38 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Frankreich. Z Paris, im September. Es dürfte wenig bekannt sein, daß unter den aus Algier und Tunis stammenden Soldaten, die „Znaben" genannt werden, sich sehr viele Inden befinden, die in diesem Kriege durch ihren Heldenmut sich besonders auszeichnen. Biele von ihnen wurden mit französischen Tapferkeitsmednillen dekoriert. Die -Haltung der Juden aus Algier in diesem Kriege gilt als ein Akt der Dankbarkeit gegenüber Frankreich für die ihnen durch die Loi Eremienx im Jahre 1870 gewährte Gleichberechtigung. Mit ihnen sind auch mehrere Rabbiner aus Algier mitgezogen, die in ihren Berichten mit Begeisterung davon erzählen, wie die Juden in den Kämpfen mit dem Ausruf „Schemah Jisroel" stets an der Spitze stürmen. Rabbiner Henry Levi berichtet darüber folgendes: „Ich benachrichtige Euch mit Freuden über die tapfere Haltung unserer Juden, die wie die Helden kämpfen. Ihr Blut wird hoffentlich die antisemitische Schande in Frankreich ersticken. Auch die Briefe, die die jüdischen Zuaven nach Hause schicken, sind voll Begeisterung, linker ihnen hat sich besonders ein Mann namens I e h u d a B e u - B u r o k ausgezeichnet, der für seine Heldentaten mit der TaPferkeitsmedaille ausgezeichnet wurde. Diese Medaille wurde ihm in einem Pariser Militärhospital in Gegenwart zahlreicher Verwundeter aus Algier und Marokko von einem General mit folgender Ansprache an die Brust geheftet: „Der Znave Inda Ben-Burok hat sich die Dankbarkeit des Vaterlandes erworben. Trotz einer schweren Wunde hat er vorwärts gestürmt und seine Kameraden mit sich fortgerissen. Im Namen des Präsidenten der Republik überreiche ich Ihnen, I u d a B e n - B u r o k, diese Tapferkeitsmedaille. Ich habe vor sechs Monaten eine Division in Konstantine kommandiert, mtb fühle mich jetzt glücklich, daß ich die Ehre habe, diesem tapferen Juden eine so hohe Auszeichnung zu überreichen." Dann wandte sich der General an die anwesenden arabischen Soldaten und sprach zu ihnen: „Schaut her, Ihr Araber, wie sich dieser Jude ausgezeichnet hat, nehmt Euch an ihm ein Beispiel! Seid so tapfer wie cr und verdient Euch den Dank des Vaterlandes." Unzählig sind auch die Toten und Schlververwundeten, die die jüdischen Zuaven in ihren Reihen aufzuweifen haben. Es befinden sich darunter nicht nur Soldaten des Mann sch aftsstandes, sondern auch Offiziere, wie Dr. Bauer aus Marokko, Jakob Dane, Robert Abukei u. a. Die Mutter des Leutnants Jakob Dane, die außer diesem noch fünf Söhne im Felde hat, erhielt vorn Gouverneur von Algier ein sehr warmes Schreiben. Zahlreich sind die Familien, aus deren Reihen mehrere Söhne als jüdische Zuaven kämpfen. So hat die Familie Baruch Taut um dreißig Soldaten gestellt, Frau Karuba fünf Soldaten, Bey Samuel ben Jschah vier Soldaten. Das größte Opfer brachte Frau Sarah L e l i sch, deren acht Söhne in den Reihen der Zuaven dienen. Von Motz und Lern. - Eine Anzahl russischer Kriegsgefangener jüdischen Glaubens hatte die Erlaubnis erhalten, am Neujahrsfeste unter Begleitung eines' deutschen Wachpostens dem Gottesdienst in der Synagoge in der Heidereutergasse beizuwohnen. Nach Beendigung des Gottesdienstes folgten die Gefangenen einer Einladung des jüdischen H e i m a t h a u s e s in der Gormannstraße, wo sie in einem Saale ein Neujahrsessen erhielten. Im großen Saale des Hauses wurden deutsche jüdische Soldaten bewirtet. - Der Stabsarzt Tr. Theodor A p v l a n t - Berlin, kommandiert zum Kriegsministerium, Zentralnachweiübureau, nuirde zum Oberstabsarzt befördert. - Tie bekannte Bildhauerin Frau Bianca Ehrlich hat die von ihr nach der Natur modellierte Büste Paul E h r l i ch s, die einzige eristierende, bei Gladenbeck in der Leipziger Straße NI ausgestellt. Am 6. d. M. feierte Frau Geheiiiirat Henriette Becker im Hotel Fürstenhof ihren 82. Geburtstag. Aus diesem Anlaß hatte sie!200 Verwundete zu einer Vorstellung im „Theater am Nollendvrsplatz" eiugeladen und die Frauen derselben zu einem Kaffee gebeten. Dr. Ernst Henri ci ist gestorben. Er hat seinerzeit neben h l m ardt und Konsorten zu den aufreizendsten und gewaltigsten antisemitischen Hetzern gehört. Er war Oberlehrer an einem Berliner Gymnasium, hat dann ein Wanderleben in Afrika und Amerika geführt und war feit einigen Jahren Hilfslehrer an einem Gymnasium in der Nähe von Leipzig. Dort ist er bei den letzten Neichstagswahlen noch einmal als antisemitischer Kandidat aufgetreten. — Die Synagoge in Insterburg kann in diesen Tagen auf ein fünfzigjähriges B e st e h e n zurückblicken. — Bei. den kürzlich erfolgten Wahlen der jüdischen Korporation in Samter wurden gewählt: als Repräsentantenvorsteher Karl Koerpel, als stellvertretender Repräsentantenvorsteher Max Bernstein, als stellvertretender Korporationsvorsteher Moritz Nathan, als Mitglied des Korporationsvorstandes Max Berg, als stellvertretende Vorsteher Moritz Holländer und Ad. H e i m a n n s o h n. — Aus Kiel wird geschrieben: In den hiesigen Lazaretten liegen fünfzehn schwerverwundete Juden, meistens der Marine angehörig, aus allen Gauen Deutschlands, darunter auch zwei mit dem Eisernen Kreuz Dekorierte. Die hiesige „Chewra gemillus che sied" versorgt auf Wunsch die meisten mit rituellen Lebensmitteln. Es muß besonders betont werden, daß die Behörden in dieser Beziehung sehr entgegenkommend sind. — Oberarzt Dr. Max Kirf chn er, Inhaber des Eisernen Kreuzes, Sohn des ersten Kantors Herrn Professor E. Kirschner in München, ist mit dem bayerischen Militärverdienstorden vierter Klasse mit Schwertern ausgezeichnet worden. — Die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Elberfeld konnte am 4. September auf ein 5(>jähriges Bestehen zurückblicken. Mit Rücksicht auf den Ernst der Zeit hat die Gemeindevertretung beschlossen, von jeder größeren Feier abzngehen. An dem Jubeltage wurden die Armen der jüdischen Gemeinde durch hochherzige Gaben erfreut und zugleich 500 Mark für die erblindeten Elberfelder Krieger gespendet. - Ein angesehenes Mitglied der Synagogengemeinde Bonn ist vor kurzein in der Person des Herrn Louis Jäger verstorben. Er war längere Zeit in der Synagogengemeinde ehrenamtlich tätig. -- Die Familie Moritz Brauns ch n> e i g in Bocholt überwies der Stadt 20 000 Mark für eine „Erich-Braunschwoig-Stiftung" zum Andenken an ihren Sohn und Bruder Erich Braunschweig, der als Bizefeldwebel den Heldentod starb. Aus den Zinsen sollen Kriegsinvaliden und bedürftige Angehörige vor dem Feinde gefallener Bocholter unterstützt werden. -. Geheim rat Professor Dr. jur. Heinrich R o s i rt, Ordinarius der staatsrechtlichen und germanistischen Fächer, des deutschen bürgerlichen Rechts und des Bölkerrechts an der Universität Freiburg i. Br., beging am 14. d. Ni. den 60. Geburtstag. — Auf dein israelitischen Friedhof in Herlisheim wurde von bisher unbekannten Tätern eine große Zahl von Grabsteinen umgeworfen und zertrümmert, ebenso auch Marmorplatten. — Professor Dr. S. Klein, Extraordinarius der Augenheilkunde in Wien, der vor kurzenr seinen 70. Geburtstag feierte, ist seitens der medizinischen Fakultät das Ehrenjahr zugebilligt worden, obwohl er die akademische Altersgrenze erreicht hat. Anläßlich der Geburtstagsfeier wurde im Ehrensaale des Rothschildspitals, an dem Klein seit Jahren tätig ist, das von Künstlerhand geschaffene Oelportrüt enthüllt. — Am 19. Juli dieses Jahres ist in Paris der jüdische Senator D r e y s u s im Atter von 64 Jahren gestorben. Er hatte bereits in jungen Jahren eine umfassende journalistische und politische Tätigkeit begonnen, die ihn zu hohen Ehren brachte. Als Journalist war er lange Jahre Eyesredakteur der „La Laterne" und Begründer des jetzt verbreitetsten „Matin". Mit 34 Jahren wurde er bereits Abgeordneter und kam dann in den Senat. Er war ein heftiger Gegner von Boulanger und trug mehrfache Duelle aus, unter anderem mit dem Antisemiten Marquis Moros. — Aus New?) o r k wird geschrieben: Die Argunrente für und wider den geplanten jüdischen Kongreß werden in Presse und Vereinen nach lvie vor lebhaft zuin Ausdruck gebracht. Tie Kongressisten um Louis Brandes haben es an Propaganda nicht fehlen lassen, ohne jedoch die Gegenpartei zu bekehren. Inzwischen rüstet sich das Organisationskomitee, alles Material für die Kongreßarbeit zusammenzustellen. Dazu gehört vor allem ein sogenanntes Schwarzes Buch, in dem alle Leiden, die die Juden Rußlands während der Kriegszeit erlitten haben, registriert werden sollen. Dies Schwarzbuch soll, so sagen die Einberufer, mehr als alle anderen Weiß-, Blau- und Grünbrücher die gesittete Welt erschüttern und das Gewissen Europas wecken. — Admiral Artur Straus, der einzige jüdische Admiral der Welt, ist zum Chef des Flottenbureaus für Erfindungen bestimmt worden. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Floraftraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.

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