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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-03 · Heft 36 (3.9.1915) · p. Seite 424

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 36 (3.9.1915)
Date
1915-09-03
Page
Seite 424 (sequence 4)
Language
German
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424 ruft: „Es ist in der Kommission als richtig bestätigt!") Der Herr Kriegsminister hat mir heute gesagt, es wären ihm allerdings nach dieser Richtung Unzuträglichkeiten bewiesen worden (Hörtl hört!), aber er hat auch gesagt, daß er kein Urteil darüber hat, ob die Leitung der KG. eine Schuld träfe, die Untersuchung schwebe noch, und er müßte sich deshalb ein Urteil darüber Vorbehalten. Der Vorwurf, daß diese Organisation als eine Versicherung gegen den Schützengraben anzusehen sei (Zurufe im Zentrum: Jawohl!), richtet sich gegen ihre Leitung und in erster Linie natürlich gegen denjenigen, der die Aufsicht zu führen hat; das bin ich. Es ist zunächst selbstverständlich, daß, als die KG. während des Krieges plötzlich zusammengesetzt und ihr mit einem Male eine derartige Riesenaufgabe übertragen werden mußte, daß dann das Personal zusammengewürfelt werden mußte. Es ist selbstverständlich, daß in erster Linie auf die wirtschaftliche Tüchtigkeit gesehen werden mußte, und es war im Anfang nicht möglich, gleichviel danach zu fragen, ob der Betreffende militärpflichtig, zu reklamieren, selddienstfähig, nur garnisonstauglich, wegen Krankheit zurückzustellen oder überhaupt dienstfrei war. Ich stehe gar nicht an, zu sagen, daß in der großen Zahl der damals in dem Personalstand der KG. zusammengewürfelten Personen nach vielen Richtungen hin Persönlichkeiten waren, Don denen man sagen mußte, es wäre gut gewesen, sie wären nicht in den Apparat eingetreten. (Hört! hört!) Selbstverständlich haben mir i in rn e r nr e h r g e s i e b t u n d g e s i e b t und die nicht geeigneten hinausgestellt. Als wir immer tiefer hineinkamen, haben lutr und ich als derjenige, der die Aufsicht mit führt, darauf gehalten, daß Drückebergereien nicht Vorkommen. Daß viele von denjenigen, die iit der KG. und wahrscheinlich auch in anderen Kriegsorganisationen arbeiten, lieber am Schreibtisch sitzen, als daß sie zum Beispiel schippen (Heiterkeit), ist klar, und ebenso zweifellos ist, daß welche unter ihnen sind, die dem Vaterlande so mehr und besser dienen, als wenn sie schippen. Derartige Fälle kommen überall vor, bei Behörden ebenso. (Unruhe im Zentrum.) Wir haben uns aber bemüht, mit den Militärbehörden in Fühlung zu bleiben und dauernd diejenigen, die hinaus mußten, hinauszustellen. Am 1. Juni waren von 862 Angestellten 624 Männer, von denen 425 reklamiert waren. (Hört! hört! im.Zentrum..) Seit dem 1. Juni haben wir der Militärbehörde zunächst 132 bezeichnet, die wir freigeben, die wir also nicht mehr als unentbehrlich bezeichneten; davon sind alle bis auf 18, die man noch nicht eingefordert hat, fort, so daß also von den 425 114 eingezogen waren. Am 4. August waren noch 311 Angestellte reklamiert; davon sind kriegsverwendungssähig — es hat seitdem eine ärztliche Untersuchung stattgefunden — 171 Personen (Hört! hört!), arbeits- und garnisondienstfähig 76, zeitweise dienstuntauglich 47 und dauernd untauglich 17. (Hört! hört! und Heiterkeit.) Zwischen der Leitung der Gesellschaft und dem stellvertretenden Generalkommando des 3. Armeekorps ist eine Abrede getroffen, daß wir im Laufe nächster Zeit 120 Kriegsverwendungsfähige zur Verfügung stellen. Das ist geschehen, ehe der 'Reichstag sich mit der Sache beschäftigt hat; Aussicht und Leitung der KG. selbst hegen beit Wunsch, die entbehrlichen und kriegverlvendungsfähigen Leute auszuschalten. Alle Verdächtigungen, die ausgesprochen worden sind, namentlich auch in z a h l l o s e n a n o n y m e n Z u s ch r i f t e n, haben sich auf Grund einer peinlich genauen Untersuchung als unberechtigt herausgestellt. Es hat noch nie eine Organisation gegeben, die iydiese r W e i s e allen Ä ng r i f f e n w i r t s ch as t l i ch er I n t er e s sen ten g ru pP en so wehrlos gegenübergestanden hat, wie die KG. (Sehr richtig! links — Unruhe im Zentrum.) Ein westpreußischer Abgeordneter hat der KG. völlige Sachunkunde vorgeworfen und gesagt, sie hätte wohl vergessen, daß das Getreide im Frühjahr keimt, und hätte das Getreide mit den Kartoffeln verwechselt. (Hört! hört! und Heiterkeit links.) Diese Angriffe sind noch weiter gegangen, und man hat behauptet, daß wir die Inden bevorzugten. Ich habe einen Großgrundbesitzer, der das gesagt hatte, gefragt, wie sein früherer Getreidehändler geheißen hat. (Heiterkeit.) Er hat mir geantwortet: Isidor Schlesinger. (Stürmische Heiterkeit.) Wenn ich den Getreidehandel für das ganze Reich plötzlich aus meine Schultern nehmen sott, so komme ich um die Leute aus dem Getreidehandel nicht herum. (Sehr richtig! links.) Ich muß auf sie zurückgreisen, selbst wenn ich, was ich gar nicht will, eine Unterscheidung machen würde. Ich frage durchaus nicht, ob jemand Jude oder Christ ist. (Beifall links.) Fast ein Jahr steht unsere Gesellschaft in diesem Kampfe. Richtig ist, daß sich auch bei uns Leute finden, die schwach und mutlos sind und die lieber auf dem Drehschemel als im Schützengraben sitzen. (Hört! hört! im Zentrum.) Aber falsch ist, daß die KG. eine Organisation ist, die eine Versicherung für Drückeberger gegen den Schützengraben sei. Derartige Vorwürfe müssen vor allem im Ausland den bösesten Eindruck machen. (Sehr richtig! links.) Wir haben uns mit Recht lustig gemacht über die Drückebergerei bei unseren Feinden. Mit Wonne wird es ausgenommen werden, daß . im Reichstag gesagt worden ist, es bestehe in Deutschland eine amtliche Organisation, die vor den Gefahren des Schützengrabens eine Versicherung ist. Wenn Sie mir die Leute wegnehmen, die jetzt wegen der Angriffe die A r b e i t h i n w e r f e n wollen, dann kann ich die Verantwortung dafür nicht mehr übernehmen, daß unser Heer und unsere Bevölkerung regelmäßig mit Brot versorgt werden. (Hört! hört! links.) Sie müssen schon darauf Rücksicht nehmen, daß wir bei der Auswahl der Persönlichkeiten in erster Linie danach fragen: Was nutzt uns der Mann für die große nationale Aufgabe, die der Gesellschaft übertragen ist? (Beifall links.) Daneben kommt natürlich auch die Frage, ob der Mann nicht besser ins Feld hinausginge. Wenn ich somit die Verantwortung für die Ernährung von Heer und Volk ablehne, so ist das keine Redensart. Prüfen Sie selber unsere Lage und haben Sie das Zutrauen zu mir, daß ich weiter das wichtigste Interesse für Volk und Heer niemals aus dem Auge verliere. Alle 14 Tage werden von uns 30 Leute weggeschickt. Seien Sie auch uns gegenüber gerecht, damit mir die für die Tätigkeit der Gesellschaft unbedingt notwendigen Kräfte erhalten bleiben. Unsere Aufgabe ist so schwer, daß die meisten gar keine Ahnung davon haben. (Sehr richtig! links.) Lassen Sie uns daher den Bült nicht verlieren und immer bedenken, wie solche Angriffe auf das Ausland wirken. (Beifall links.) Auch vom Minister Delbrück mußte sich Dr. Pfleger sehr scharfe Wahrheiten sagen lassen. Aus den sonstigen Verhandlungen sei zum Schluß noch folgendes mitgeteilt: Zu einem von zwei Seiten vorliegenden Antrag, den j ü d i s ch e n Feldgeistlichen die gleiche Aufwandsentschädigung wie den Feldgeistlichen der christlichen Konfessionen Zuzubilligen, wurde vom Regierungstisch erklärt, daß diese Angelegenheit voraussichtlich eine befriedigende Lösung finden werde. & Als die russischen Truppen die ersten Niederlagen im Gouvernement Kowno und im Weichselgebiet erlitten hatten, veröffentlichte die russische Regierung nachfolgende Bekanntmachung über eine hochverräterische Handlung der Juden des Dorfes Kushi (Gouvernement Kowno) die zuerst im offiziellen Organ der Heeresleitung der nordwestlichen Front „Unser Bote" und im Regierungsanzeiger erschien und alsdann überall im Reiche neben den neuesten Kriegsdepeschen als Anschlag nusgehängt wurde: „Die Juden des Dorfes Kushi versteckten in ihren Kellern deutsch Soldaten, die in dieses Dorf eingedrungen waren; vorm Chef derussischen Truppenteils, Obersten Wawilow, hatten die Juden dieser Umstand geheim gehalten. In der Nacht führten sie die deutscher Soldaten aus den Kellern, und der ganze russische Truppenteil -mi: dem Obersten Wawilow an der Spitze wurde von den Deutscher meuchlings niedergemacht. Mit den Juden dieses Dorfes, die direk am Hochverrat beteiligt waren, wurde auf Grund des Kriegszuständerücksichtslos nach Gesetz verfahren, die übrigen wurden zur Ver bannung verurteilt." . Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion der Reichs duma gelang es nun vor kurzem, eine offizielle Untersuchung dieser Angelegenheit herbeizuführen, und hier das Ergebni der Untersuchung, so wie es in den offiziellen Akten'buchstäblich lautet: „Im Dorfe Kushi gibt es bloß drei Häuser, deren Eigentümer Inden sind; im ganzen Dorfe gibt es weder bei Juden noch bu Christen absolut keine Kellerräume; im Verzeichnis der Offiziere de nordwestlichen Truppen, sowie auch in den betreffenden Verlustlisten ist ein Oberst Wawilow überhaupt nicht Zu finden; kein einziger Jud des Dorfes Kushi wurde weder gehängt noch füsiliert, noch überhaupt wegen Verrats vor ein Gericht gestellt; der russische Truppenteil mit den befehlshabenden Offizieren und dessen Gehilfen ließ sich im Haus.' des Juden Kibart nieder, der ihnen die genauesten. Angaben über di - Deutschen machte, die dort vorher eingedrungen waren, und sie am

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