Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Notwendigkeit der Verbreitung jüdischer Kultur mit) der Verkündung der großen Wahrheiten des Judentums war, als setzt während der Krisis, die durch die ganze gegenwärtige Welt schreitet. Von Mah und jfrrn. Zur A u s b i l d u n g von jüdischen H a n d lv e r kerlehrlingen sind, wie das „Gemeindeblatt" bekanntgibt, nach Stipendien zu vergeben. Bewerber, die eine Mittelschule oder eine andere gleichartige Anstalt vollständig dnrchgemacht oder sich eine gleichwertige Bildung ans andere Weise angeeignet haben, sowie Bewerber ans der Provinz Posen werden vor anderen bevorzugt. Gesuche mit genauer Angabe der Verhältnisse sind bis zum 31. August 1015 zu richten an das Kuratorium der Stiftung des Geheimen Medizinalrats Tr. Wolf Cohn, Berlin X 24, Oranienburger Str. 29. - Am schwarzen Brett der B e r l i n e r lt n i v e r s i t ä t ist ein dritter Lorbeerkranz mit schwarzer Schleife angebracht, der die dritte Liste der im gegenwärtigen Kriege gefallenen Angehörigen der Berliner Universität enthält. Es sind diesmal 9 Theologen, 13 Juristen, 5 Mediziner und 42 Studierende der philosophischen Fakultät. K o m m e r z i c n r a t 11 n ger , der Berliner Stadtverordnete und Inhaber der Weinfirma Kempinski, hat sich in Begleitung seines Sozius Herrn Hans Kemp ins ki auf Berufung des neuernannten Gouverneurs von Warschau mit einer Reihe von Mitarbeitern nach Warschau begeben. — Am 9. d. Bl. früh wurde der 79 Jahre alte Privatier Isidor Eisig in Berlin in seiner Wohnung im Hause Sebastianstraße 7 im bewußtlosen Zustande von seinem Enkel aufgefunden. Das Schlafznnmer war mit Gas angefüllt. Ein Arzt stellte mit Erfolg Wiederbelebungsversuche an. Der alte Herr hatte vergessen, den Hahn der Gaskrone zu schließen. — Offizierstellvertreter Martin Jaffa, Sohn des Herrin Rentiers Abraham Jaffa-Berlin, früher in Posen, ist zum preußischen Leutnant der Neserve-Munitions-Fuhrpark- Kclvune 4, Etappeninspektiou des zweiten Armeekorps, befördert worden. Zwei Brüder von ihm befinden sich ebenfalls im Felde. A u s A n l a ß des B a t e r l ä n d i s ch e n Opfert a g e s hat der Mitinhaber der Firma Gebrüder Lesser, Georg Heinrich L e w i ii, für das Rote Kreuz der Stadt Posen (Mobilmachungsausschuß) 10 09 M a r k gespendet. Bon dem Gelde werden in der Stadt Posen ortsangehörige Kriegsbeschädigte unterstützt, bis sie ihren Beruf wieder aufnehmen können. — Die Firma M. Rose n b e r g , Zigarrenfabrik in Posen und Kosten, hat zum Besten der erblindeten Krieger 1 9 99 Mark gespendet. — Als erster Kantor an der israelitischen Gemeinde zu Beuthen in Oberschlesien wurde Herr Julius T a r s ch i s , ein Schüler des Herrn Oberkantors W. Klein- Berlin, augestellt. Dem Primaner Henry Hirschberg vom St.-Maria- Rt'agdalena-Ghainasium in Breslau, Sohn der Frau Rentier Rosalie Hirschberg, wurde die Rettungsmedaille verliehen. Der Schüler hatte mit seltener Entschlossenheit ein scheugewordenes Pferd unter eigener Lebensgefahr bei der Schwemme an der rechten Oderufereisenbahnbrücke zum Stehen gebracht. - Schriftsteller Adolf O p p e n h e i m in München beging am 23. Juli seinen 79. Geburtstag. Oppenheim, dessen Hauptbedeutung auf dem Gebiete des Theaters liegt, ist durch seine Anfang der achtziger Jahre mit Ernst Gettke unter Patronat der Deutschen Bühnengenvsseuschast (deren Mitglied Oppenheim seit der Gründung ist) unter Mitwirkung hervorragender Gelehrter und Fachmänner heransgegebeue „Enzyklopädie altes Wissenswerten der Kunst und Bühnentechnik" (Verlag Karl Reißner, Leipzig) bekanntgeworden. - Aus Fürth wird uns geschrieben: In der Nr. 32 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" wurde unter „Nürnberg" eine Mitteilung veröffentlicht über Unterstützung von jüdischen Gemeindemitgliedern. Diese Notiz ist insofern unrichtig, als nicht die Verwaltung der Kultusgemeinde Nürnberg, sondern die Verwaltung der Kultnsgemeinde Fürth diejenige ist, die sich zur Unterstützung der minderbemittelten Glaubensgenossen bereit erklärt hat. — Aus Ratingen wird gemeldet: An der hiesigen S y n a g o g e sind von frevelhafter Hand wertvolle Fensterscheiben durch dicke Ziegelsteine, die sich in der Synagoge vorfanden, zertrümmert worden. — Aus Frankfurt a. M. wird geschrieben: Laut Anshang steht der Vorstand und Ausschuß in allen durch den Krieg hervorgerufenen Fragen zur Verfügung der Mitglieder.- auch wird den Mitgliedern, die für sich oder ihre Söhne eines Zuschusses zur Versorgung von ritueller Kost bedürfen, derselbe von seiten der Gemeinde gewährt, sowohl für die im Felde stehenden wie auch für die in den Garnisonen. Auch wird auf das Konservendepot der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums hingewiefen. Letztere gibt aus Antrag auch Zuschuß für rituelle Verköstigung in den Garnisonen. — Das israelitische Konsistorium von Lothringen hat die Feldseelsorge der Israeliten in der Nachbarschaft von Metz so geregelt, daß der Oberrabbiner Dr. Netter in Metz und der Rabbiner Drehfus aus Mörchingen sich der Armeeabteilung v. Falkenhausen schon seit Monaten zur Verfügung gestellt haben, um an geeigneten Orten im Felde von Zeit zu Zeit Feldgottesdienste abzuhalten und die Feldlazarette zu besuchen. — Oberkantor I. Schiller vom Stadttempel in Wien feierte am 5. d. M. seinen 70. Geburtstag. Er war in seinem Amte 30 Jahre bis zu seiner von ihm selbst angesuchten Pensionierung tätig. Vom Reichskriegsmiuisterium erhielt S. ein belobendes Anerkeunungsdiplom für seine dreißigjährigen, aufopferungsvollen, selbstlosen und uneigennützigsten Funktionen bei allen Militärbegräbnissen. Seinem regen Wohltätigkeitssinn verdanken viele Bedürftige ohne Unterschied der Konfession Rat und Hilfe. — Die Jcwish Kolonisation Association hat einer Meldung des „Jewish Ehronicle" zufolge 100 000 Francs zur Unterstützung der notleidenden Juden nach Warschau gesandt. Wie das in Lodz erscheinende „Volksblatt" berichtet, ist der Generalsekretär dieser Gesellschaft, Tr. M. Schwarzfeld, kürzlich gestorben. Er stammte aus Rumänien, übersiedelte 1885 nach Paris, wirkte dort eine Reihe von Jahren als Privatsekretär des Barons M. H i r s ch und übernahm nach dessen Ableben die geschäftliche Leitung der segensreich wirkenden I. C. 9(., der er bis zu seinem vor kurzem erfolgten Tode erfolgreich bevorstand. Dr. S-chwarzfeld war auch publizistisch tätig; allgemein bekannt ist seine Schrift „Die rumänischen Juden und der Berliner Traktat". — Am 23. Juli brachte das.einflußreichste jüdische Blatt Englands, „Jewish Ehronicle", ausführliche Berichte über russische Pogrome und protestierte gegen die russischen „Bundesgenossen Englands". Tie gleichfalls bedeutenden „Jewish Times" hatten einen ähnlichen Artikel gebracht. Die „Jewish Times" sind nun von den englischen Behörden wegen dieses Artikels verboten worden, hingegen das „Jewish Ehronicle" nicht. Daß dieses Blatt nicht vom gleichen Schicksal ereilt wurde, verdankt es einzig seinen sehr weitgehenden Beziehungen. — Wie aus Petersburg berichtet wird, hat die russische Militärbehörde eine Verordnung erlassen, der zufolge es verboten ist, Briefe in jiddische r Sprache zu schreiben, Telephongespräche in dieser Sprache zu führen und überhaupt an öffentlichen Orten Jiddisch zu sprechen. Briefe, die jiddisch geschrieben sind, sollen von der Zensur vernichtet werden. Tie Millionen von Juden, die eine andere Sprache außer der jiddischen nicht sprechen, sind also in des Wortes einfachstem Sinne — mundtot gemacht worden! — In der „Guerre Sociale" sagt Gustave Hervc anläßlich des Falles Warschaus in einem aufsehenerregenden Artikel: Grausam räche sich aber auch, daß dem Lande jegliche parlamentarische Kontrolle fehlt, und daß hinsichtlich der Polen, der galizischen Ruthenen und der polnischen Juden schwere politische Jrrtttmer begangen wurden, die nicht ohne militärische Nachwirkungen bleiben konnten. Nicht ohne Bitterkeit bemerkt Hervc, daß die Minister Biviani, Br-iand, Millerand, Sembat, Guesde usw. ihm unter der Androhung, sein Blatt zu konfiszieren, streng verboten haben, über diese Jrrtümer zu sprechen. Ein Seitenstück zu dem „freien" England! — Die Torpedierung der „Lusitania" hat auf die amerikanische Regierung die Wirkung nusgeübk, daß sie nicht die zwangsweise Beförderung von Passagieren auf Schiffen, die mit Munition beladen sind, zuläßt. Präsident Wilson hat ans diesem Grunde die vom Einwanderungskommissär gegebene Weisung zum Rücktransport von 150 jüdischen Einwanderern aus Rußland, zum größten Teil Frauen und Kindern, auf dem Dampfer „Czaritza" der Rufsisch-Amerikänifcheu Linie rückgängig gemacht. Die New Yorker jüdische Organisation hatte sich nämlich an den Präsidenten gewandt und ihm nahegelegt, daß der Dampfer, der zweifellos Munition au Bord führt, dem Schicksal der „Lusitania" verfallen könnte. Die „Czaritza" fuhr am 22. Mai ohne die jüdischen Passagiere nach Archangelsk ab. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Inn ge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.