Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1915)
- Date
- 1915-08-13
- Page
- Seite 395 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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395 stockend, vielleicht in der Verlegenheit sogar nicht mehr ganz logisch, nur zu einem Zweifel, einer Frage, dann gnade ihm Gott! Dann erdrückt ihn der Redefluß des geübten Redners, der all seine Argumente wie die Perlen am Schnürchen bei sich trägt. Dann überschüttet ihr ihn mit eurem ganzen unbarmherzigen Spott. Ich möchte mich nicht dazu hergeben, euch zu einer wirkungsvollen Diskussion und dem Redner zu einem glänzenden Schlußwort zu verhelfen. Einen Fehler habt ihr überhaupt, ihr achtet den Gegner nicht. Ihr seid — verzeih, Lieber, ich habe das Gefühl —, ihr seid etwas größenwahnsinnig. Das Wort „Assimilation" habe ich mir besonders dick ausgeschrieben. Da mußt du viel erklären, Josua, wenn ein klar umgrenztes Etwas für mich daraus werden soll. Bis jetzt weiß ich wirklich nicht so recht, was ich mit diesem Schimpfwort anfangen soll, wo die natürliche Entwicklung aller Dinge, der Einfluß von Zeit, Umgebung und sonstigen Verhältnissen aufhört und die „Assimilation" anfängt. Ich habe ganz deutlich gehört, daß Dr. Barth, als wir nach dem Vortrag noch ins Cafe gingen, zu einem anderen sagte: „Ekelhafter Assimilante!" Das galt einem Herrn, einem von den Diskussionsrednern, der bei unserem etwas sehr geräuschvollen Einzug ins Cafe warnend gerufen hatte: „Nicht so lant!" Aber gut, Dr. Barth ist ein Schwärmer, dessen Verstiegenheiten ihr wohl selbst belächelt. Aber Dr. Salim, euer Prophet, hat mir das Wort „Assimilation" nicht klarer gemacht. Unter dem beifälligen Hohngelächter der Versammlung sprach er von dem „Assimilanten, der sich so vornehm und deutsch vorkommt, wenn er wvmöglich das Bierglas noch christlicher anfaßt als ein Christ". Was heißt das, Josua, ein Bierglas „christlich oder noch christlicher" anfassen? Manierlich essen und trinken haben wir doch wohl alle gelernt, die wir eine gute Kinderstube hatten, und alle andern sollten es schleunigst nachholen. Was heißt das — ihr scheint es doch alle zu verstehen, denn ihr jubeltet dem Redner bei der Stelle besonders begeistert zu —, „wir wollen uns unsere jüdische Eigenart von keinem Menschen der Welt rauben lassen". Was ist „jüdische Eigenart?" Ist es alles Gute, Rechte, Edle —, so wollen wir es mit allen guten Menschen gemeinsam erstreben. Ist es etwas — nun, wie soll ich es ausdrücken —, etwas, was uns Verarmten verloren gegangen ist, was aber noch aus deinem guten Elternhaus herweht, Josua, das jüdische Familienleben, die tiefe, beseelte Geschwisternliebe, der Hang, großzügigere Wohltätigkeit zu üben als andere, so rufe ich mit dem Redner inbrünstig, sehnsüchtig: ja, ja, ja, wir wollen uns das erhalten, und wo wir es verloren haben, wollen wir es zurückgewinnen. Denn du weißt, Josua, wie es mir daheim geht und wie sehr ich mich nach Liebe sehne. Aber was heißt das, „jüdische Eigenart?" Der Redner schien doch mehr auf unsere Art, unser Wesen hinzuzielen. Meint er unsere große Lebhaftigkeit? Es schadet uns nichts, wenn wir sie wohltuend dämpfen. Nein, nein, der Herr, der unserer Schar das mahnende: „Nicht so laut!" zuries, verdient nicht, beschimpft zu werden. Geräuschvolles, vorlautes Wesen ist keine Glaubensstärke (auch ein langer Rock ist noch keine), schlechte Manieren sind keine Ueberzeugungstreue. Ihr verwechselt das Häßliche mit dem Schönen, das Wertlose mit dem, was wert ist, erhalten zu werden. Unarten, selbst wenn sie in unserer „jüdischen Eigenart" lägen, sollten wir ablegen. Daß der Redner furchtbar mit Händen und Füßen sprach, sage ich dir gar nicht. Es tut ja nichts zur Sache. Josua, erkläre mir bloß das Schimpfwort „Assimilant", und vor allem erkläre mir, wie man es fertig bringen soll, in Deutschland geboren, in deutschen Schulen erzogen, an deutscher Kunst 'herangebildet zu sein und nicht deutsche Sitten angenommen zu haben, also kein Assimilante zu sein. Den.1914. Welch ein bitterer Tag für mich! Josua hat mich schlecht behandelt. Er hat mich ganz nach zionistischem Programm behandelt: Erst hat er mich dazu gebracht zu sprechen, und dann hat er mich mit Hohn und Tadel überschüttet. Wie hart, Josua, gerade von dir für dumm, engköpfia und unfähig, sich zu begeistern, angesehen zu. werden, da ich doch meine, in meinem ganzen Leben nicht so viel gelernt, überhaupt so gänzlich umgelernt zu haben, wie in der kurzen Zeit, seit du in mein Leben tratest. Ist das alles wie ansgelöscht'? All mein glühender Eifer, mit dem ich mich vo-i dir belehren ließ, all deine tiefe, herzliche Freude, wenn ich — du sagtest es doch immer — so schnell begriff? Nun bin ich der vielen Mühe nicht wert, die du an mich wandtest, nun bin ich — du drücktest es ja so schön, so all umfassend aus, „eben doch ein Weib mit Weiberverstand". Aber nein, dann kam die Ehrenrettung — nur leider nicht für mich: „Doch ich will nichts sagen:," verbessertest du dich sofort, „wir haben sogar ein paar riesig f, ine Köpfe, ein paar tüchtige Mädel, die sehr eifrig in der Partei arbeiten". Ach so, in der Partei! Ja, dann sind es „feine Köpfe und tüchtige Mädel". Daß es gerade Dr. Barth ist, über den wir uns entzweiten! Ich dachte doch, die zudringliche Betonrmg seines Standpunktes, dieses fortwährende Hervorkehren des Ehrgefühls, auch wenn es keinem Menschen eingefallen war, es zu verletzen, just, als habe er eine feinere, eine höhere und wohl überhaupt ganz allein eine Ehre zwischen allen anderen — müßtet auch ihr als alberne Uebertreibungen, die der Sache nur schaden können, abtun und von euch weisen. Aber nein, ganz und gar nicht. Dr. Barth stand auf einmal himmelhoch über mir. Ich denke, einen wahren Kummer zeigt man der Welt nicht? Wieso ist also seine Jammermiene der Ausdruck einer besonders feinfühligen Seele? „Er fühlt, was wir alle fühlen, aber wir anderen sind robuster, sein zartes Empfinden verwindet nicht die Leiden, an denen wir alle kranken." Da imponiert mir Adolf Kaufmann denn doch mehr, der diese Leiden mit einer stillen Würde trügt und all s.ine freie Zeit dazu verwendet, sie für sich und seine Glaubensgenossen zu mildern und zu bekämpfen, hier und jetzt und an Ort und Stelle. Du sagst, ich beurteile deine Freunde mißwollend? Wie kannst du so ungerecht sein, Josua! De. Barth hat mir mißfallen, dieser Eiferer, ja, das gebe ich zu. Aber die anderen alle? Weil ich eine Kleinigkeit an ihnen auszusetzen hatte, weil mich bei einzelnen ein gewisses selbstgefälliges Sichgehenlassen störte? Ich kann die Notwendigkeit nicht einsehen, selbst wenn man noch so vertraulich, noch so witzig plaudert, seine Unterhaltung fortwährend in.it Worten wie „nebbig", „Raches", „Nekome" zu spicken, usw. Mein Sprachgefühl wehrt sich dagegen. Warum wollen wir die deutsche Sprache so mißhandeln? Ich weiß, ich sündige 'elbst noch hundertmal aus dem Gebiet. Erna und ich hatten uns einmal nach einem Vortrag von Eduard Engel vorgenommen, für jedes Fremdwort, das uns entschlüpfen würde, fünf Pfennig Strafe zu zahlen. Nach drei Tagen gaben wir es aus. Unsere Kasse ertrug einfach nicht die Mehrbelastung, bei aller Vorsicht. Aber die sündigten so selbstgefällig, so -- beinahe hochmütig. Die Bezeichnung haben nur wir, sie trifft wie keine andere den Nagel aus den Kopf, ist unentbehrlich und unübersetzbar. Daß das nur die mitgeduldeten Unarten einzelner sind, daß ihr, wie ihr iy allem nach Reinheit und Einheit strebt, auch jede Sprache unvermischt und rein halten wollt, das weiß ich.