Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1915)
- Date
- 1915-07-30
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 Angehörige als „vermißt" gemeldet werden oder aus irgendeinem Grunde kein Lebenszeichen voll sich geben. — Der mährische Landesrabbiner Dr. B. Placzek richtete vor einigen Tagen an sämtliche Nabbiner Mährens ein Rundschreiben, worin sie ansgefordert werden, bei den Woh'ltätigkeitsvereinen und Stiftungen ihrer Gemeinden dahin zu wirken, daß deren Rentenpapiere bei namhaften, zuverlässigen Banken behufs Zeichnung von Kriegsanleihe 1915 lombardiert werden. Herr Landesrabbiner Dr. P l aczek zeichnete in diesem Sinne als erster für das Brunner Proseminar, dessen Vorsitzender er ist, die Summe von 100 000 Kronen und aus eigenen Mitteln den gleichen Betrag. Es ist zu hoffen, daß seine Anregung und sein glänzendes patriotisches Beispiel in ganz Mähren Anklang und Nachahmung finden werden. — In Großlvardein ist am 13. dieses Monats der ehemalige Untersuchungsrichter im Tisza-Eszlarer Nitualmordprozeß, 3 o \ c f Vary, im Alter von 75 Jahren gestorben. Tie Familie des Verstorbenen beabsichtigt, seine Memoiren zu veröffentlichen. Man kann darallf schon heute gespannt feilt, da der ganze Prozeß auf Lug und Trug aufgebant war. (Siehe die 2. Korrespondenz Berlin. Tie Red.) Von MH und sfenr. -- Professor Tr. H e r m a n n Oppenheim, der bekatlnte Berliner Neurologe, ist von der Gesellschaft für Psychiatrie, Neurologie und gerichtliche Medizin in Buenos A ires zum Ehrenmitglied ernannt '.oordeil. — Ter Bureanvorsteher der Armenkontmission der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Herr Nathan Cohn, begeht am 1. August dieses Jahres fein 25jühriaes Tieustjubitäum. Ter Jubilar zählt zu den wenigen Angestellten unserer Gemeinde, die neben ihrer Amtstätigkeit noch Zeit und Muße finden, durch Schrift und Wort ihr Interesse für die kulturellen und sozialen Bestrebungen der deutschen Judenheit zu bekunden. Wir entbieten dem arbeitssrohen, im Dienste der Gemeinde und des Judentums stehenden Manne zu seinem Ehrentage unsere herzlichsten Glückwünsche. — Frau Rebekka Stern geb. Sarner beging am 24. dieses Monats ihren 90. Geburtstag. Die noch, vollkommen rüstige Jubilarin wohnt seit vielen Jahrzehnten in Berlin; sie wurde am 27. März 1851 als Bürgerin der Stadt Berlin vereidigt. — Aus Ehdtkuhnen wird geschrieben: Auch die hiesige jüdische Gemeinde hat durch die Russenilwasion viel Schaden erlitten. So beträgt allein der Wert der aus der Synagoge gestohlenen und unbrauchbar gemachten Schmuckgegenstände rund 15 OOO Mark. -- In Loslau, Oberschlesien, starb am 15. dieses Monats im 90. Lebensjahre der frühere Lehrer Herr I n l ins S ch a e f e r , der seit vielen Jahren das Amt des Vorsitzenden der Repräsentantenversammlnua bekleidet hatte. Tie Gemeinde verliert in dem Entschlafenen einen wahrhaft frommen Mann, dessen edle Gesinnung vorbildlich war und der durch seine reichen Kenntnisse der Gemeinde eine treue Stütze gewesen ist. — Ans Posen wird uns berichtet: Am Sonnabend, den 17. Juli, vormittags 9 Uhr, fand in der Synagoge B, Brüdergemeinde, die Borvereidigung von 20 jüdischen Mannschaften des 5. Fußartillerieregiments Posen statt. Eine große Anzahl von Gemeindemitgliedern hatte sich zu diesem Militärakt eingefunden. Herr Gemeinderabbiner Professor Dr. Bloch hielt eine diesbezügliche Ansprache an die Krieger, legte ihnen die Pflichten eines Soldaten dar'und betonte tmmentlich, unter welchen Berhältnissen die Verteidiger des Vaterlandes jetzt ihre Ausgaben zu erfüllen haben. Es folgte der übliche Segen, momit die Bereidigungsfeier schloß. Vom Synagogenchor wurden die hierzu passenden Gesänge vorgetragen. — Ter israelitische Franenverein in Altona blickt in diesem Jahre ans ein 5<(jähriges Bestehen zurück. Er wurde 1865 gegründet und bezweckt die Unterstützung und Pflege armer weiblicher Kranken der dortigen Israelitengemeinde. — Das Landr a b b i n a t F ü r st c n t:it m D t r k >e n s e l d ist seit Anfang Juli verwaist und dürfte während der Kriegsdauer schwerlich besetzt werden können. Herr Tr. Straßburger, der bisherige Landesrabbiner, ist als Seelsorger nach seiner Heimatsgemeinde Buchau berufen worden. Nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1910 befinden sich im Königreich Sachsen 17 587 Inden. Davon kommen auf Leipzig 0728, Dresden 4255 und Chemnitz 1911. Ter Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung betrügt 0,37. ~~ Tie diesjährige Notlehrer - p r ü f n n g am Lehrerseminar der Marks-Haindorf-Stiftung zu Münster i. W. fartd vom 10. bis 15. Juli unter dem Vorsitz des Seminardirektors Tr. K a h statt. Tie Kandidaten haben die Prüfung bestanden. — Herr Lehrer Joseph B l ü t h eder seit 35 Jahren die Stelle eines Religionslehrers und Kantors in Kaiserslautern, versieht, erreichte am 10. Juli in körperlicher -und geistiger Frische das 70. Lebensjahr. In Anbetracht der dem Jubilar eigenen großen Bescheidenheit und der ernsten Kriegszeit verbat er sich jedwede Feier. Der Synagogenansschuß, der Herr Bezirksrabbiner- und sämtliche Mitglieder der Kultusgemeinde ließen es sich jedoch nicht nehmen, dein Jubilar die Verehrung und Dankbarkeit der ganzen Gemeinde zum Ausdruck ztt bringen. — In Frankershausen starb.hochbetagt Herr Perez Plaut, der über drei Jahrzehnte Gemeindeältester der Synngogengemeinde war. Er hielt auch stets gern gehörte jüdisch-religiöse Borträge in den dortigen Vereinen. — In Wiesbaden verschied eines der angesehensten Mitglieder der Gemeinde, Herr Bankier Adolf Oppenheimerl Er machte sich besonders um die Gründung der Mainzer Rhenns-Loge U. O. B. B. verdient. Am Grabe sprachen neben dent Rabbiner Dr. K o b c r Vertreter vieler jüdisch-humanitärer Institutionen. —Zum Rektor der Prager Universität wurde zum erstenmal ein Jude, nämlich Professor Otto Frankl von der juristischen Fakultät, Dozent für Handels-, Wechsel- und Bergrecht, gewählt. — Aus Wien wird geschrieben: Der f. n. k. Feldrabbiner Dr. Alb. Schweiger wurde für seine aufopferungsvolle und hervorragende Dienstleistung vor dem Feinde mit dem Goldenen Berdienstkrenz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. — Seine Majestät der Kaiser hat dem Oberst Maximilian Mandl, Infanterieregiment Nr. 102, Kommatldant eines Landsturmregiments, für tapferes Verhalten vor dem Feinde das Mlitärverdienstkrenz dritter Klasse mit der Kriegsdekoration verliehen. — Alls Bukarest wird uns geschrieben: In letzter Zeit hat Seine Majestät der König Ferdinand die Führer der rumänischen Juden, Rabbiner Dr. Beck, Dr. Niemirower und Dr. Stern, nacheinander in Audienz empfangen. Nabbiner Tr. Beck huldigte dein Monarchen namens seiner Gemeinde. Mit Rabbiner Tr. I. Niemirower unterhielt sich der König über Judentum und Juden. Tr. Stern überbrachte die Wünsche der von ihm geleiteten Union einheimischer Inden. — Ter russische G e - sandte mit Vatikan stellt in Abrede, daß Feindseligkeiten gegen die katholische Geistlichkeit in Rußland stattgefnnden haben. Er gibt dagegen zu, daß es zu Ausschreitungen gegen die Juden gekommen sei. da diese eine dentschfrenndliche Gesinnung bekundet hätten. (Die Inden in Rußland werden sich bei der Gesinnung, die ihnen von der Regierung entgegengebracht ward, hüten, Sympathien für Rußlands Feinde zu zeigen.) — In England greift die Niedergeschlagenheit über die „wahnwitzige Verlängerung" des Krieges stark um sich. „Sie sollen uns doch endlich ein Kabinett zusammen stellen, das an die Liquidierung des verunglückten Unternehmens geht. Was gäben wir dafür, wenn uns jetzt ein Minister ans der Klent me ziehen wollte," sagte der Führer einer Abordnung, die bei Herbert Samuel kürzlich vorsprach. Ter frühere jüdische Postminister Englands teilte diese Aeußernng dem Herausgeber der „Jewish Times" mit: das Blatt brachte die Neuigkeit, doch wurde sie in eitlem Teile der Auflage von der Zensllr unterdrückt. In der New Borke r jüdischen Zeitschrift „The Jewish Weekly" richtet Hermann Bernstein einen offenen Brief an den polttischen Dichter Henryk Sienkiewicz, den Verfasser von „Quo vadis“, worin er unter Hervorhebung der gleichen Bedrückt! ngetl von Polen mtb Juden unter dem Russenjoche deren gleiche Interessen an friedlichem Zusammenwirken auseinandersetzt und daiti it die Boykott- und sonstigen Verfolgungen der Juden durch die Polen für unvereinbar und widersinnig erklärt. Bernstein richtet an Stenkiewicz die Frage: „Wie können Sie dazu schweigen?" — Aus . St. Louis tneldet „The Hebrew": George W. H e l l e r, der Besitzer eines hiesigetl Stahlwerks, hat Anfatlg Juni einen bedeutenden Auftrag - der französischen Regierung auf Schrapnells abgelehnt. Die Bestellung hätte wöchentlich ans 90 006 Dollar gelautet. Mr. Heller lehnte den Auftrag ans Opposition gegen den Krieg ab. Einige Tage früher hat ein anderer amerikatlischer Jude ans derselben Stadt, Theodore Phillips, eine Bestellung im Werte von 900000 Dollar auf Maschinell zur Herstellung, von Kartätschen abgelehnt. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge. Berlin-Friedenau. Druck und Verlag, von Rudolf Masse-