Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-23 · Heft 30 (23.7.1915) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 30 (23.7.1915)
Date
1915-07-23
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229208--71496-3283839
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

4 Ameriks. Z. New Uork, Ende Juni. Das von einer antisemitischen Jury in Atlanta unter dem Zwange des Yenlenden Mobs am 26. August NN6 über Leo F r a n k verhängte Todesurteil ist am 22. d. AI. nicht voll st reckt worden. Wohl sahen nicht nur die Inden Amerikas, sondern auch alle freunde der Wahrheit und der Gerechtigkeit voll banger Sorge diesen Tag Heranrücken. Denn am 9. Juni hat die Gesängniskommission in Atlanta mit zwei Stimmen gegen ciiu' die Begnadigung abgelehnt, und als am 16. Juni der Gouverneur eine öffentliche Einvernahme des Staatsanwalts und der Verteidiger über die Begnadignngssraae dnrchführte, da wußte noch niemand, wie die Entscheidung ausfalleu wi'irde. Erst am 21. Juni, einen Tag vor der geplanten Urteilsvollstreckung, ging der Gouverneur an die Entscheidung, und sie fiel zugunsten 'Franks ans. Wie weit der Gouverneur selbst den Mob fürchtete, geht daraus hervor, daß er zuerst Frank vom Justizgebände in Atlanta insgeheim unter ausgiebiger Bewachung in eine Strafanstalt überführen ließ, und erst als der Zug von Atlanta abgegangen war, ließ er die Begnadigung kundmachen. Er fürchtete offenbar, daß der Blob nach bekanntem südamerikauischen Muster das Gefängnis erbrechen und Frank lynchen könnte. Mit der Begnadigung Franks hat eines der furchtbarsten Jnstizverbrechen der Neuzeit seine formelle Erledigung gefunden: nur hoffen aber, daß Franks Lebensschicksal noch nicht besiegelt ist. Sein Leben ist vorläufig gerettet, aber seine Freiheit ist ihm für lebenslang genommen. Die Verteidiger werden weiter arbeiten und nicht früher rasten, bis Franks Unschuld bewiesen wird. Denn daß er unschuldig verurteilt wurde und lediglich ein Opfer blinden Judenhasses des Straßenpöbels von Atlanta ist, daran zweifelt heute in den Bereinigten Staaten niemand mehr. Leo Frank ist ein Märtyrer des Judentums, und wir neigen unser Haupt vor ihm. Leo Frank wurde im Jahre IE in Paris (Staat Texas) geboren. Als Kind übersiedelte er mit seinen Eltern nach Brooklyn, wo er die Mittel- und Hochschule besucht. An der Cornell University hatte er das Jngenieurdiplom erworben. Im Jahre 1909 kam Frank nach Atlanta als Fabrikdirektor. Hier heiratete er im Jahre 1910 und lebte in glücklichster Ehe bis zum 29. April 1916, an welchem Tage er wegen angeblicher Ermordung der Mary Phagan verhaftet wurde. Leo Frank spielte auch in der jüdischen Gesellschaft von Atlanta eine hervorragende Nolle und wurde im Jahre 1916 zum Präsidenten der Bne-Brith-Lvae gewählt. Im Jahre 1914 wurde er trotz der inzwischen erfolgten Verurteilung ueugewählt. (Nene National- Zeitung, Wien.) Von Kah und jfem. -- Oberleutnant Amtsrichter Tr. Bernhard W eiß - Berlin, Sohn des Herrn Al a r W c i ß, der schon Anfang September 1914 in den Besitz des Eisernen Kreuzes gelangte, ist durch den bayerischen Militärverdienstorden 4. Klasse mit Schwertern ausgezeichnet worden. .- Der Offizierstellvertreter N i ch a r d W o l f s o h n , Mitinhaber der Firma Moritz Wolfsohn u. Go. lind Sohn des Seniorchefs M o r i tz W o l f s o h n , beim sechsten Fußartillerieregiment stehend, ist zum Leutnant befördert worden. Der Charlottenburger Stadtverordnete Rechtsanwalt Dr. Eyck ist zum stellvertretenden Vorsitzenden für das Miet- und Hypothekeneinignngsamt in Charlottenbnra gewählt worden. Geheimer Sanitätsrat Dr. O. Rvthin (ui li, einer der bekanntesten Berliner Aerzte, feiert am 6. August den 60. Geburtstag. Geheimrat Nothmann hat als langjähriger Borsitzender der Geschästskommission des Vereins für innere Medizin eine hervorragende Rolle im ärztlichen Leben Berlins gespielt. »- Aus Stettin wird geschrieben: Durch das plötzliche Hinscheiden des Herrn H e n r y Co h n hat unsere Gemeinde eines ihrer trefflichsten Mitglieder verloren. Der Entschlafene hat sechzehn Jahre hindurch als Mitglied des Gemeindevorstandes mit großer Pflichttreue und nie versagendem Eifer seine Kraft in den Dienst unserer Gemeinde gestellt, bis die Bürde des Alters ihn zwang, sein Ehrenamt niederznlegen. — Alan schreibt uns aus Eisenach: Eine hochherzige Stiftung machte Herr Kaufmann S. Weinstein, Mitglied des Gemeinderates der Stadt Eisenach, im Betrage von 20 000 Mark. Der Zweck der Stiftung ist, unbemittelten und bedürftigen Schülern den Besuch der städtischen lateinlosen Realschule zu ermöglichen. - Am 7. Juli starb in Linz a. Rh. im 78. Lebensjahre das langjährige Synagogenvorstandsmitglied Herr Hermann Hirsch. Bei feinem 75. Geburtstage bewies ihm die Gemeinde ihre Dankbarkeit durch Ernennung zum Ehrenvorsitzenden. Mit Herrn Hirsch, welcher mit dem Gründer unserer Zeitung Herrn Rabbiner Dr. Ludwig Philipps o h n set. Ang. noch in persönlicher Beziehung stand, ist ein Mann von reichem jüdischen Wissen dahingegangen, der an allen jüdischen Bestrebungen regen Anteil nahm und sie durch eifrige Mitarbeit unterstützte. -- Aus Hameln a. Weser wird geschrieben: Der frühere Kantor und Lehrer Herr Ph. K a n st e i n begeht am 24. Juli seinen 70. Geburtstag. Derselbe hatte vierzig Jahre als Lehrer und Kantor fungiert und hat sich die Liebe und Achtung bei seinen Vorgesetzten sowie bei seinen Schülern erworben. Sein letzter Wirkungskreis war Neumarkt in Schlesien. Möge der Allgütige seinen Lebensabend verschönern und ihm ein langes Leb?,! verleihen. — Die verstorbene Witwe Elise K ü s s e l geborene Neugaß hinterließ der Stadt Mannheim eine Stiftung von 100 000 Mark, deren Erträgnisse zu Unterstützungen von nnbe scholtenen weiblichen Armen, je zur Hälfte christlichen und jüdischen, verwendet werden sollen. Aus Amsterdam wird berichtet: Zur Erzieherin der sechsjährigen Kronprinzessin wurde Fräulein Bertha G o h e n - S t n n r t bestellt. Auch die Königin Wilhelmine selbst hatte jahrelang eine jüdische Erzieherin, Frau Winter. - Ans Budapest wird berichtet: Ter für 1914 erstattete Bericht des jüdischen P atronage ve r e i n s weist aus, daß durch ihn 1866 Kinder dem Judentum erhalten bleiben. Das Vermögen beträgt 124 262 Kr. Jahresausgaben waren: 47 426 Kr. Präsiden! ist Dr. Hoves i. - Ans Saloniki wird geschrieben: Anläßlich der jüngsten Parlamentswahlen in Griechenland wurden im Wahlkreise Saloniki 62 Deputierte gewühlt. Unter den Gewählten sind 20 Griechen, 7 Türken und 5 Juden. Die jüdischen Deputierten sind die Herren David Mattalon, Peppo N. Mullah, Albert Couriel, Haimaki Cohen (aus Trikala) und Moise Cossinas (aus Volo). In Saloniki hat die Regierungsliste gegen die Venozelisten den Sieg davongetragen, was jedoch nur im Wege eines Kompromisses mi: den Türken und Juden möglich geworden ist. — „Guerre Sociale' berichtet, daß die Mehrzahl der reichen russischen Juden in Paris ihre Geschäfte wegen des beginnenden Judenhasses auflöse. Außerdem verlangten etliche tausend jüdische Arbeiter ihre Reisepässe, um und; Nordamerika auszuwnndern. — In Edinburg sollte ein Stück des bekannten Israel Z a n g w i l l „Der Schmelztiegel" ausgefühn werden. Cs handelt sich um die Judenverfolgung in Rußland. Das Auswärtige Amt veranlaßte, daß die Theaterleitung das Stück vom Zettel strich. - - (I. A. K.) Infolge der Agitation, die unter den jüdischen Arbeitern Englands für die jüdische Gleichberechtigung eingesetzt hat, wird sich der englische Trade-Union-Kongreß, der am 6. September in Bristol beginnt, mit der Judenfrage befassen. Die parlamentarische Tagesordnung des Kongresses enthält eine Resolution, die die bürger liche und politische Gleichberechtigung „der Inden jener Länder, nn sie entrechtet sind", fordert und den Parlamentsausschuß des Kon grosses beauftragt, die Regierung zu veranlassen, ihren Einfluß zu gunsten der jüdischen Emanzipation „bei jeder sich bietenden Gelegen heit" geltend zu machen. Diese Resolution wurde von einem der eng tischen Gewerkschaftszentrale angeschlossenen jüdischen Schneider verband eingebracht und von der Gewerkschaftszentrale gutgeheißen Die dieser Tage in Derby abgehaltene Konferenz des englischen Ge Werkschaftsverbandes wurde telegraphisch.vom Arbeiterverbande fiu die jüdische Emanzipation begrüßt. — In Riga starb jüngst im Altevon 45 Jahren der hebräische Schriftsteller Esra Goldin. Da Sammelbuch „Hazman" verdankt ihm seine Herausgabe. Seine Er zählungen sind in den Sammlungen Ben Avigdors in Warscha, erschienen. — Die Zionistenverfolgungen in Rußland habesich in letzter Zeit sehr verstärkt. In Mohilew mr Irkutsk fanden vor kurzem Zionistenprozesse statt. C ist nur, wie bei allen Angelegenheiten in Rußland, aiw bezüglich der Zionisten kein bestimmtes System, keine Ausdaue vorhanden. Während man in Irkutsk die angeklagten Zionistei sreisprach, hat man in Mohilew 19 Zionisten zu 1—4 Monate Ge fängnis verurteilt. Verantwortlicher Redakteur: AlbertKatzin Berlin-Pankow. Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Reinh. Maufolff. Berlin 6 2. Druck und Verlag von Rudolf Moste.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.