Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 30 Allgemeine Berlin, 23. Juli 1915 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-PrNs: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vor-' orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32-*. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. welche Aufgaben stellt der Krieg unserem Religionsunterricht? yiliJUll.» Von Lehrer E. Flanter, Berlin. — Die Woche. — Robert Remak. Von L. G. - Wie sah der Tempelplatz zur Zeit des herodes aus? Von Regierungs- und Baurat a. D. Hasak, Berlin-Grunewald. — Palästina in Kriegszeiten. Bon *** —Feuilleton: Verlange Rock. Roman von Anna Goldschmidt. Dev Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Memel, Posen, Dresden, Hamburg, Nürnberg, Würzburg, Konstanz, Straßburg, New Jork. — Von Nah und Fern. Welche Uuksaben stellt der Krieg unterem lKeligionsunterricht? Von Lehrer E. Flanter, Berlin. I. jemand, auch nicht „der Eingeweihte", ist imstande, über Dauer, Umfang und Ergebnis des gegenwärtigen gewaltigen Völkerringens sich auch nur mutmaßlich oder schätzungsweise zu äußern, noch gar zukunftgestaltende Möglichkeiten aufzustellen. Und doch regen sich in unserm Vateriande auf allen Gebieten des Kulturlebens der Wunsch, der Wille und die Kräfte, die im Kriege zutage getretenen Fehler and Gebrechen der bestehenden Verhältnisse zu beseitigen oder aoch zu mildern, und die wahren Vaterlandsfreunde und Förderer der Kultur sind eifrigst bemüht, schon jetzt Mittel und Wege zu finden, um die aus dem Kriege geborenen erhebenden K rüste und Gedanken allwärts nutzbar zu machen, auf daß ..aus den Ruinen neues Leben" erstehe. Der „eiserne Lehrmeister Krieg" hat die Ausgabe übernommen, uns zu läutern »nd zu heben, alles Kleine und Nichtige zurückzudrängen, alles Faule und Zweifelhafte abzustreifen. Nicht nur das Militärwesen, die politischen Verhältnisse, das Wirtschaftsleben sollen an er gründlichen Revision unterzogen und einer durchgreifenden Besserung entgegengeführt werden, sondern auch — und;war ganz besonders — sollen die Wirkungen des Krieges eine Läuterung der sittlichen Anschauungen Hervorrufen. Das Unterrichts- und Erziehungswesen zumal sieht sich vor die Notwendigkeit durchgreifender Reformen gestellt. Pädagogen von Namen und Ruf wetteifern in denk Bemühen, die in der gegenwärtigen großen Zeit gewonnenen Lehren und Anregungen in den Dienst einer der völlig veränderten Anschauung Rechnung tragenden Ausbildung der heranreifenden Fugend zu stellen. Mit elementarer Gewalt bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß vor allen anderen Pflichten für die Zukunft die einer rationelleren Erziehung zu erfüllen ist, sollen die schweren Wunden, die der Krieg uns schlägt, raschestens geheilt werden. Die Heranbildung eines Geschlechtes, das stark genug ist, die Lasten, die die kommenden Zeiten uns auferlegen, auf seine Schultern zu nehmen, ohne erdrückt zu werden, ist unser aller vornehmlichste Aufgabe. Die allseits ringende geistige und sittliche Rüstung, die alle besseren Kräfte mobil macht, darf auch an unserm Religionsunterricht nicht achtlos und unbeachtet vorübergehen; sie soll vielmehr an ihm den wirksamsten Mitarbeiter und willigsten Helfer bei dem Werke der Wiedergeburt und Neubelebung finden. Unter dem Einfluß des wunderbaren Wandels in Gesinnung und Empfindung werden — so ist 31t hoffen — alle die Wünsche und Bedingungen für einen den pädagogischen Forderungen der Gegenwart entsprechenden Religionsunterricht, die bisher unerfüllt geblieben sind, jetzt endlich ihrer Durchsetzung entgegenreifen. Das Elternhaus, die Behörden und die Lehrer müssen sich die Hände reichen, um in harmonischem Zusammenwirken den Ausbau des Religionsunterrichts und somit seine erhöhte Ersprießlichkeit zu erwirken. Von jeher galt im Judentum das Haus, die Familie als ein Heiligtum, als Pflegestätte alles Guten, Schönen und Edlen. Die Ideale der Religion gaben dem Leben Richtung und Ziel. Aber in dem jahrzehntelangen Frieden hat eine Abkehr von Gott und von den religiösen und sittlichen Lebensmächten, die in der Lehre des Judentums verkörpert sind, und die Hinkehr zu einem krassen Materialismus, verbunden mit einer seichten Nützlichkeitsmoral platzgegriffen und dem Zeitgeist ein unheilvolles Gepräge gegeben. Ja, man erklärte die Religion für abgetan, begann Gott zu verleugnen und betrieb den Abfall von dem geheiligten Väterglauben skrupellos. Religion und religiöse Unterweisung schienen ihre Bedeutung als Erziehungssaktor eingebüßt zu haben. Daher die in vielen unserer Familien anzutreffende Gleichgültigkeit, Geringschätzung, ja Abneigung gegen den Religionsunterricht und die im Verhältnis zu der auf dieses Unterrichtsfach verwendete Mühe und Zeit geringen Erfolge. Mit der Abkehr von Gott und Religion, die in unserer Bekennerschast so arge Verwüstungen angerichtet hat, scheint der Krieg gründlich aufgeräumt zu haben. Äer Glauben an ein höheres Ziel des Lebens und das Walten Gottes in den Schicksalen des Menschen scheint jetzt als der tiefste Born unserer Kraft erkannt zu werden. Ein Suchen nach Gott, nach religiöser Befriedigung macht sich sowohl bei den für die Ehre und den Bestand des Vaterlandes ringenden Männern und Jünglingen als auch bei den Daheimgebliebenen bemerkbar. Trost, Hoffnung, Zuversicht und Stärkung suchend, greift man zu der fast vergessenen Bibel und zum Siddur und erhebt sich an den weihespendenden Zeremonien und den lange entbehrten uralten, das Herz bewegenden Melodien des öffentlichen und häuslichen Gottesdienstes. Lassen wir diese Seelenstimmung nicht ungenutzt; sie ist der sichere Grund, dem wir die Saat religiöser Ausbildung anvertrauen können! Sie bietet dem Religionsunterricht erfreuliche Ausblicke für eine fruchtverheißende Tätigkeit. Sorgen wir dafür, daß dieser religiösen Flut die Ebbe nicht folge, daß vielmehr die Worte Francolms Beherzigung finden: „Gott hat den Eltern nicht bloß dieSorge für das irdischeWohl m