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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-21 · Heft 21 (21.5.1915) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 21 (21.5.1915)
Date
1915-05-21
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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führenden Straßen, nach Süden abmarschiert. lieber die Truppenbewegungen im einzelnen dürfen die an uns gerichteten Briefe nichts berichten, da eine scharfe Zensur an allein Eingang und Ausgang der Post ausgeübt wird. Nur so viel konnten wir den Briefen entnehmen, das; die türkischen Truppen schon im Oktober und November die erste zu Aegypten gehörige Stadt und „Festung" El Arisch besetzt haben. Jerusalem stand in dieser ganzen Zeit unter dem Kriegsrecht. Die dort wohnenden Engländer sind zum größten Teil interniert und stehen unter militärischer Beobachtung. Da sie in einem Gasthause gemeinsam untergebracht sind, geht ihnen persönlich nichts ab. Anfangs blieben sie ganz unbehelligt. Als aber englische Frauen das Volk auf der Straße durch Reden zu beeinflussen und durch gefälschte Siegesnachrichten aufzuregen suchten, lind als überdies unter den Briefschaften dortiger Engländer Mitteilungen über militärische Geheimnisse gesunden wurden, griff die Heeresleitung fest zu. Seitdem nun die Engländer interniert und die Konsuln Englands, Frankreichs und Rußlands abgezogen sind, haben diese Beeinflussungen und die Verbreitung unwahrer Kriegs- und Siegesnachrichten aufgehört. Dafür erhält die Stadt fast jeden Tag ein- Telegramm der Kaiserlich Deutschen Botschaft in Konstantinopet, das in der bekannten schlichten und knappen Art des deutschen Generalstabes die Wahrheit über den Fortgang des Krieges bringt. Diese regelmäßige, jedesmal durch die nachfolgenden Tatsachen als wahr erwiesene Berichterstattung wird vom ganzen Lande als eine Wohltat empfunden. Auch die türkischen Kriegsdepeschen haben sich jetzt diese wahrheitsgetreue Berichterstattung des deutschen Generalstabes zum Muster genommen und genießen daher allgemein Vertrauen. Bei dem Mangel an allen und jcdiur örtlichen Zeitungen können ausführliche Nachrichten über den Weltkrieg nur aus europäischen Zeitungen entnommen werden, die aber gegenwärtig bei ihrer Ankunft immer mindestens einen Monat alt sind. Englische Anstalten, wie zum Beispiel die bekannte Gobatschule in Jerusalem, wurden durch die Negierung geschlossen. Eine strenge Kontrolle müssen sich übrigens auch alle anderen Bewohner Jerusalems gefallen lassen. Jedermann muß beständig einen behördlichen Ausweis über seine Person bei sich tragen. Bei Ausländern wird ein solcher vom zuständigen Konsulat ausgestellt. Nach 8 Uhr abends darf sich kein Mensch mehr auf den Straßen blicken lassen, widrigenfalls er mit Erschießung bedroht ist. Sämtliche größeren Gebäude der Stadt, die Angehörigen feindlicher Mächte gehören, abgesehen von dem gewaltigen Russenban, sind zur Unterbriugung von Truppen mit Beschlag belegt worden. Namentlich sind viele für Lazarettzwecke eingerichtet worden. Hierbei merkt man deutlich die geübte Hand der deutschen Offiziere. Die vorhandenen Hospitäler Jerusalems können allein schon 2000 Verwundete aufnehmen. Aber es werden noch viel umfassendere Maßnahmen getroffen. Jerusalem ist vom ägyptischen Kriegsschauplatz aus die nächstgelegene Stadt, wenn man von dem ganz unkultivierten und schmutzigen Hebron im Süden absieht. Zahlreiche Klöster werden für die Verwundeten bereitgehalten. Auch die prächtige Kaiserin- Auguste-Biktoria-Stiftung auf dem Oelberae hat sich aus freien Stücken erboten, in ihren hohen luftigen Räumen ein Lazarett einzurichten. Der vorzügliche deutsche Arzt des Kaiserswerther Hospitals, Dr. Grnssendorf, hält allgemeine Kurse ab, um möglichst viele Europäer und Juden, namentlich Deutsche, als Krankenpfleger auszubilden. Etwa ein Dutzend Angehörige des Syrischen Waisenhauses hat au diesen Kursen teilgenommen und sich für die Krankenpflege zur Verfügung gestellt. Von Sah miN jfern. — Der Berliner Geheime Sanitätsrat Dr. Gustav S i m o n , Veteran der Feldzüge 1864, 1866, 1870/71, Ritter des Eisernen Kreuzes, hat sich dem Kriegsministerium zur Verfügung gestellt und befindet sich als Chefarzt eines Lazarettzuges auf dem Wege nach den Karpathen. Geheimrat Simon ist 79 Jahre alt. — Dr. Berthold Reiche, der verdienstvolle, in wissenschaftlichen und Fachkreisen allgemein geschätzte langjährige Leiter der hiesigen Bibliothek der Aeltesten der Kaufmannschaft, feierte am 12. d. M. seinen 50. Geburtstag. Dr. Reiche ist in Berlin geboren, studierte hier und in Freiburg i. Br. Geschichte und war dann längere Zeit als Redakteur bei dem Brockhausschen Lexikon in Leipzig tätig. Seinen jetzigen Posten verwaltet er seit 12 Jahren. — Einer der bekanntesten Berliner Antiquare, Leo L i ep m a n n s o h n, ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Liepmannsohn wurde in Fachkreisen, -als Autorität auf seineul Gebiete geschätzt. Er unternahm große Reisen nä dem Auslande, um seine An- und Verkäufe zu betätigen. So marin Antike, die jetzt die Museen und Privatsammlungen ziert, ist von i! u| nach Deutschland gebracht worden. Sehr oft hat sich der jetzt Vif storbene auch als Sachverständiger bei Zivilprozessen und Strafsacl betätigt. — Die Laborantin bei einem Kriegslazarett in Russisch-Pol n,i Hertha Stifte* ft ein aus Berlin, Tochter des Herrn Max Silb.r-D stein, Bellermannstraße 79/80, wurde mit der Roten-Kreuz-Medai l ausgezeichnet. — Dem Lehrer cm der Mädchenschule der jüdisa Gemeinde Herrn Dr. N. Samter ist anläßlich seiner nach 35jähri -I Lehrtätigkeit erfolgten Emeritierung der Kronenorden 4. Klasse verliei \\ und in der Sitzung des Schul- und Talmud-Thora-Vorftandes n[ 12. dieses Monats feierlich überreicht worden. Herr Dr. Samter ist | Verfasser des trefflichen Buches „Judentaufeu im 19. Jahrhundert" (V lin, M. Poppelauer 1906), das noch jetzt gelesen und verbreitet!,i werden verdient. — Den Roten Adlerorden vierter Klasse erhielt l | Oberlehrer a. D. Professor Levy in Charlottenburg. — Beitn Goltz dienst vom Tode überrascht wurde der 69 Jahre alte Glas, meister Jakob Rosenstrauch aus der Brunnenstraße l In der Synagoge in der Auguststraße wurde ihn! plötztz > so unwohl, daß man ihn nach Hause begleiten mußte. Dort sta > ■er gleich nach der Ankunft, wahrscheinlich am Herzschlag. — Der Pferd . großliefer.ant Moritz B r um m e r in Gnesen hat zur Erricht!'.', i, | einer städtischen Säuglings-Milchküche 10 000 Mark gestiftet. Br. h bereits früher größere Summen für das Rote Kreuz und die Hinte bliebeneu der gefallenen Krieger gespendet. Auf die letzte Krieg anleihe hat er eine halbe Million gezeichnet. - - Aus Breslau wird ir geschrieben: Die Repräsentaliteuversanunlung stinunte dem Antrag d Vorstandes zu, der israelitischen Krankenverpftegnugsanstalt ei Kriegshilfe von 36 000 Mark zu bewilligen. — In München ist n 4. d. M. Frau Rahel Frankel im Alter von 76 Jahren g-estorbe Die Entschlafene, als eine fromme und wohltätige Frau, eine Esc! Ehajit im wahrsten Sinne des Wortes, allgemein beliebt und geacht entstauunte einer der berühmtesten deutschen Rabbinerfamilien. I! > Großvater, Rabbi David S i n z h e i m, lebt in der Erinnern der Nachwelt durch seine Tätigkeit in deur von Napoleon I. im Iah . 1806 in Paris zusammenberufenen Synhedrion. Der Bater der Be stvrbenen war der Halberstädter Rabbiner Benjamin Hirsch A u c i. b a ch und dessen Sohn und Amtsnachfolger Dr. Selig A u e r ft a ihr einziger Bruder. Die Söhne der Verklärten leben und wirke' tut Geiste der frommen Mutter und ihrer Vorfahren für die Jute essen des Judentmns. — In Köln verstarb das Vorstandsmitgtz der Synagogengemeinde Herr Oberlandesgerichtsrat Josef K o p p e l. Er hat sich besonders um Gründung und Ausbau der dortig, jüdischen Bibliothek verdient gemacht. — Auf Anregung de Präsidenten der rumänischen Logen U. O. B. B., Dr. Ado! Stern, wurden durch den Bukarester amerikanischen G sandten. 10 000 Francs an den serbisch-jüdischen Aba ordneten Benzion Bully nach Nisch zur Verteilung an ne leidende Juden gesendet. — Wie der Warschauer „Hajnt" me. det, wurde der Gouverneur von Warschau von polnischer Seite g. beten, die jüdischen Flüchtlinge aus Warschau auszuweisen. Begrün det wurde dies Gesuch mit der Behauptung, die Juden gefährden de Gesundheitszustand der Stadt. Die jüdische Gemeinde hat hierauf eii Abordnung, von jüdischen Aerzten zu dein Gouverneur geschickt, d darlegten, wie unbegründet alle derartigen Befürchtungen seie: Diese Abordnung hatte jedoch keinen Erfolg. Donnerstag, 22. April, r mit der Evakuierung Warf ch a u s begonnen, worden. Der Direktor der Alliance-Schulen in A l e x a n d r i e n (Aegyptegibt folgende Statistik über die jüdischen Flüchtlinge dortselbst: 14'.' Erwachsene und 750 Kinder aus Rußland, 748 Erwachsene und 4' 1 Kinder aus Frankreich, 241 Erwachsene und 116 Kinder aus England 216 Erwachsene und 130 Kinder aus Spanien, 55 Erwachsene und;l Kinder aus Amerika, 40 Erwachsene und 9 Kinder aus der Türkei, Erwachsene und 22 Kinder aus Persien, 18 Erwachsene und 10 Kinde aus Rumänien, 24 Erwachsene und 10 Kinder aus Bulgarien, 11 Er wachsene und 3 Kinder aus Italien, 32 Erwachsene und 9 Kinder an Griechenland, 2 Erwachsene und 3 Kinder aus Serbien, zusanunci 3012 Erwachsene und 1623 Kinder, total 4635 Flüchtlinge. Ein große Teil der Flüchtlinge ist nach Rußland, Amerika oder Südasritz weitergereist. _ Verantwortlicher Redakteur: A l b e r 1 K a tz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Reinh. Mausolss, Berlin 6 2. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.

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