Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 schäften. Wo es Nur anging, hielt ich Gottesdienste ab und gab den Offizieren und Mannschaften Anleitungen, wie sie selbst Gottesdienste abhalten könnten. Es machte mich glücklich, zu sehen, wie die Juden meilenlange Märsche über die ärgsten Wege nicht scheuten, um mit uns beten zu können. Ich trage auf meiner Feldkappe ein Abzeichen, das in der Armee einzig dasteht — den Schild Davids, die ineinander verschlungenen Dreiecke —, und daran erkannten mich die jüdischen Soldaten. Ich segnete Gräber ein, stand Verwundeten und Sterbenden bei und schrieb Briefe an die Angehörigen der jüdischen Soldaten. Zu dem bevorstehenden Passahfest wird jeder im Felde stehende jüdische Soldat ein Paket Osterbrote und sonstige traditionelle Nahrungsmittel erhalten. Selbstverständlich ist es nicht möglich, daß die Soldaten im Felde nur angesäuertes Brot essen. Eine bekannte jüdische Familie trägt die Kosten für ein von mir zusammengestelltes Gebetbuch für Ostern, das im Felde zur Verteilung gelangt. Auch an die Flotte werden diese Gebetbücher versendet, und so werden die Juden sowohl zur See als auch in den Schützengräben das Passahfest feiern können. Einen besonders tiefen Eindruck machte auf mich die Harmonie, die zwischen den verschiedenen Glaubensbekenntnissen an der Front herrscht. Alle arbeiten zusammen, und man kann von einer Fusion der Konfessionen an der Front sprechen. Von den Spitalseinrichtungen kann ich nur mit der größten Bewunderung sprechen. Ich habe die verschiedensten Spitäler besucht, solche, die in erstklassigen Hotels, in alten Schlössern, in Jesuitenklöstern und auf den Rennbahnen untergebracht waren. In Etretat ist das Theater in ein Lazarett verwandelt. An Stelle der Sesselreihen sind Betten ausgestellt worden, in denen die Verwundeten liegen, und zuweilen geben ihnen ihre Kameraden von der Bühne herab eine Vorstellung." Michael Adler lobt den Heldenmut und die Geduld der Kranken und Verwundeten und schließt damit, daß ihm viele Franzosen gesagt hätten, sie wären stolz (?), an der Seite der Engländer kämpfen zu dürfen. Von Sah unti ssern. Ter in weiten Kreisen der deutschen Judenheit bekannte und hochgeschätzte Rabbiner Dr. Ludwig A. Rosen th a l in Berlin begeht am 19. d. M. seinen 60. Geburtstag. Er ist einer der tvenigen deutschen Rabbiner, die neben ihrer Berufstätigkeit noch Zeit und Muße finden, die Wissenschaft des Judentums zu pflegeiS Bon seinen Schriften neignen wir besonders sein Werk über den „Zusammenhang der Mischnah", das vor einigen Jahren in zweiter, vermehrter Auflage erschienen ist und von dem Fleiß und Scharfsinn des Verfassers zeugt. Erwähnt sei auch seine Tätigkeit als Redakteur des „Jüdischen Literaturblattes", das er nach dem Tode Dr. Rahm e r s übernommen hat und in würdiger Weise fortführt. Rabbiner Tr. Rosen thal zählt auch zu den beliebtesten Rednern in den jüdischen Literaturvereinen. Wir entbieten dem verehrten, um das j Judentum und seine wissenschaftlichen Bestrebungen hochverdienten Alaun unsere herzlichsten Glückwünsche. — Der Berliner Handelskammer sind von ihrem Mitglied M o r i tz K r i st e l l e r 25 000 Mark als Grundstock für eine „Moritz-Kristeller- Stiftung" zugegaugen. Weitere Zweitausend Mark wurden von Herrn Kristeller der „Franz-und-Marie-v.-Mendelssohn-Stiftung." überwiesen. — Geheimer Justizrat, Landgerichtsrat Dr. G. M a r c u s , der Vorsitzende der Handelsrichter der zweiten Kammer für Handelssachen am Landgericht I, ist nach kurzer Krankheit in Berlin gestorben. — Am 4. d. M. verschied hier nach kurzer Krankheit der Kgl. Rechnungsrat Philibert Mendelssohn, der bis zu seiner Pensionierung als Kgl. Landmesser in Oels gewirkt hat. Er starb im 85. Lebensjahre. In seinen letzten Jahren war er mit einer Geschichte der Juden in Oels beschäftigt. — Aus Allenstein wird uns geschrieben: Die Einweihung des E h r e n f r i e d h o f e s im Stadtwalde, hinter .Jakobsberg, hat kürzlich im Zusanunenhange mit der Beerdigung eines . gefallenen Allensteiner Offiziers in feierlicher Weise stattgefunden. Anwesend waren bei der tief ergreifenden Feier die Spitzen der Militär- und Zivilbehörden, insbesondere die Vertreter der städtischen Körperschaften. Der evangelische Militär-Oberpfarrer, Konsistorialrat P i ck e r t, der katholische Oberpfarrer Dr. P o e r t n e r und Rabbiner Dr. O l i tz k i hielten die eindringlichen und zu Herzen gehenden. Einweihungsanspracheu. — Aus Posen wird uns geschrieben: Im 93. Lebensjahre verschied hier der Rentier S. Diamant. Außer den Leidtragenden nahm eine große Anzahl voll Gemeindemitglieder, an der Beerdigungsfeierlichkeit teil. Herr Gemeinderabbiner Professe? Dr. Bloch hielt die Leichenrede. — In einem Vortrage erwähn'.? Herr Gemeinderabbiner Dr. Fr ei mann den Tod des Professor Dr. Berliner und schilderte den großen Verlust, welchen d wissenschaftliche Welt und ganz besonders das Gesamtjudentum c litten. — Aus Gleiwitz wird gemeldet: In der Vollkraft seiner Jahr? wurde Kaufmann Jonas Schönwald durch einen plötzlichen T?) entrissen. Als Schatzmeister leistete er dem israelitischen Verein zu? Unterstützung der Waisen und zur Förderung des Handwerks unter de i Israeliten durch eine große Reihe von Jahren unersetzliche Diensi. Er war ein wackerer, wohltätiger, stets zu allen Opfern für Witw? i und Waisen bereiter Mann. — In Nordhausen ist jüngst ein vate - ländischer Unterhaltungsabend zugunsten der Kriegsfürsorge von de i „Moses-Atendelssohn-Derein" und dem „Verein der weiblichen jüdische i Jugend" veranstaltet worden. Der Abend ist von dem jüdisch? i Publikum reichlich besucht worden und hat für den bestimmten Zwe l guten Erfolg gehabt. — Herr Meyer Strauß, Seniorchef der Grw sirma L. Strauß Söhne in Kirchhain (Hessen), beging in seltener körpe licher Rüstigkeit und geistiger Frische seinen 80. Geburtstag. — 3; t Alter von 72 Jahren ist in Frankfurt a. M. Stadtrat Dr. S i m o i Kirchheim gestorben, der von 1878 bis 1908 der Stadtverordnete Versammlung angehörte und längere Zeit das Amt des Schriftführer . später das des zweiten Vorsitzenden darin bekleidete. Im Jahre 19< > wurde Dr. Kirchheim zum unbesoldeten Stadtrat gewählt. Lau,? Zeit war er Chefarzt am Hospital der Israelitischen Gemeinde. Oi war ein Mann von einfacher Art und Gesinnung; Titeln abgenei? . hatte er seinerzeit die Ernennung zum Sanitätsrat abgelehnt. — Ji Wiesbaden starb der bekannte Libauer Bankier E l i a s E l i a v bergim Alter von 79 Jahren. Er entstammte einer der berühmtest» t Familien in Rußland. Seine Frau, die ihm vor langen Jahren i i Tode vorausgegangen, war von den direkten Nachkommen des M harschal. — Das Kopenhagens Bureau der Z i o n i st i s ch e n O r g n i s a t i o n teilt mit, daß der diesjährige Delegiertentag der a m e r konischen Z i o n i st e n in der letzten Juniwoche in Boston sta! finden wird. Die Landeskonferenz der skandinavische: Z i o n i st en wird am 23-/24. Mai in Kopenhagen abgehalten werde . - Kardinal Ferrara hat 'der italienischen jüdischen Vereinigu: : „Fro cosa hebraica societä“, welche für die Gleichberechtigung d . Juden aller Länder kämpft, die Unterstützung des Vatikans zugesm - Aus Paris wird berichtet: Die Hinterbliebenen des Herrn L e o p o l > Louis D r e h f u s haben 20 000 Fr. dem Präfekten des Seinedepa tements überwiesen zur Verteilung an Arme sowie 30 000 Fr. p v jüdische Zwecke gespendet. —' General Jules H e y m a n n wurde zun Kommandanten eines Armeekorps und zum Großoffizier der Ehre: legion ernannt. — Wie aus Warschau gemeldet wird, beschloß d ' Stadtverwaltung, wegen zu starker Ansammlung von Flüchtling? - aus sanitären Gründen die Uebersührung derselben ins Gebiet deinneren Rußlands. — Aus New Jork wird berichtet: Fast zur selb? Zeit, da der B a r o n - H i r s ch - F o n d s in Amerika sein 50jährig - Jubiläum feierte, starb in vorgerücktem Alter der Mitbegründer in Organisator der jüdischen Stadt Woodbine und der dar befindlichen Baron Hirschschen landwirtschaftlichen Schule, Profess' H. L. S ch a p s o w i t s ch. Er genoß in hohem Maße das Vertrau,? des verstorbenen Barons Hirsch, und nach seinen Plänen wurde au i mit deni Gelde des Barons zur Zeit der großen Judenverfolgungen i den achtziger Jahren die Stadt Woodbine gegründet und in dies Stadt die seitdem berühmt gewordene jüdische landwirtschaftliche Leb anstatt errichtet. Professor S ch a p s o w i t s ch , der Jahrzehnte hi durch Leiter dieser Schule war, hing mit solcher Liebe an seiner Scho fung, daß er letzthin verfügte, ihn, wo immer ihn auch das Los ereil»i möge, in Woodbine zur ewigen Ruhe zu bestatten. An seinem Leiche begängnis, das am 23. März stattfand, nahmen die hervorragendst?' Persönlichkeiten teil. Der unabsehbare Leichenkondukt bewegte si ' durch die Hauptstraße von Woodbine, die Professor Schapsowitsch m seinem großzügigen organisatorischen Talent entstehen und sich ciu wickeln half. Woodbine ist vielleicht die einzige Stadt in der Wel welche einen ausschließlich jüdischen Gemeinderat besitzt und in d? sämtliche Funktionäre, vom ersten Bürgermeister bis zum letzt?' Laternenanzünder, Juden sind. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Reinh. Mausolfs, Berlin C 2. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.