Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-02 · Heft 14 (2.4.1915) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 14 (2.4.1915)
Date
1915-04-02
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229192--71224-3283551
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

4 SlitzlkmL. Warschau, (indirekt), im März. Das hebräische Tageblatt „Hazesirah" bringt folgende interessante Zahlen über die nationale Zusammensetzung der Bürgerkomitees in Russisch-Polen: Insgesamt sind in Rnssisch-Polon augenblicklich 71 Bürgerkomitees tätig. Davon sind in 52 Komitees die Juden gar nicht vertreten, obwohl es sich mit solche Gouvernements- und Kreisstädte handelt, in welchen die Juden mehr als die Hälfte der gesamten städtischen und etwa 13 bis 14 Prozent der gesamten Bevölkerung des Gouvernements respektive des Kreises ausmachen. In den übrigen 19 Bürgerkomitees sind die Juden meistens durch ein oder zwei Mitglieder vertreten: es sind jedoch Städte, Ivo die Juden 35 bis 68 Prozent der städtischen Bevölkerung bilden. -- Die in russischer Sprache erscheinende jüdische Zeitschrift „Rasswjet" erzählt folgende rührende Geschichte aus dem Exodus der Juden aus dem Städtchen Grodzisk (Russisch-Polen): „Die Trommel, erschallt, und wir alle ohne Ausnahme erhalten den Befehl, die Stadt zu verlassen. Es erhob sich ein Klagen und Weinen, Nur verließen unsere Läden und Wohnungen, und, mit den Kindern aus dem Arm, mit Kranken und Greisen, traten wir unseren traurigen Exodus an. Wir mußten durch Schmutz und Sümpfe wandern, unter strömendem Regen. Möglichst schnell mußte die Stadt verlassen werden, wenn Um unser Leben retten wollten. . . . Und doch fand sich einer, der sich entschloß, die Frau und Kinder allein zu lassen, um unter Lel>ensgefahr zurück in die Stadt zu kehren. Das war der alte Synagogendiener, der Angst hatte, daß die heiligen Thorabücher entweiht werden. Durch ein Wunder gelang es ihm, unbemerkt von den Soldaten in die Synagoge zu gelangen, wo er alle Thorabücher zusammenpackte, sie in ein Dachzimmer brachte und selbst dort als Wache blieb. Drei Tage und Nächte verblieb er dort ohne Essen und Trinken, bis die Lage sich geändert hatte und es ihm möglich wurde, die heiligen Bücher unversehrt nach Warschau zu bringen." Von Ash und Fern. Geh. Sanitätsrat Dr. M. Krön er feierte am 23. März sein goldenes D o k t o r j n b i l ä u -nt. Seine Promotion erfolgte in Berlin unter dem Rektorate des Theologen Dorner, während der Anatom Reichert Dekan der medizinischen Fakultät war, die ihm jetzt das Doktordiplom erneuert hat. Kroner, der jahrelang in der Luisenstadt ansässig gewesen ist und auch Ehrenmitglied des ärztlichen Standesvereins der Luisenstadt ist, hat 1870 das Eiserne Kreuz erhalten, das jetzt zwei seiner Söhne, die als Aerzte im Felde stehen, ebenfalls erworben haben. — Die Kaiserin besichtigte am 25. März nachmittag das Berwundetenlazarett in der Klinik des Professors I s r a e l. — Aus B e n t h e n O.-S. wird uns geschrieben: Das Fest der goldenen Hochzeit feierte am 20. d. M. der hiesige Handelsmann Herr Jakob Tichauer mit seiner Gattin. Nach Schluß des sabbatlichen Vormittagsgottesdienstes segnete Herr Rabbiner Dr. Kopfstein das Jubelpaar ein, wobei er seiner Ansprache den 2. Vers des 128. Psälmes zugrunde legte. Der erhebenden Feier wohnte der Gemeindevorstaüd und eine große Anzahl von Kindern, Schwiegerkindern und Enkeln des Jubelpaares nebst einer sehr stattlichen Zahl von Gemeindemitgliedern bei. Der Herr Jubilar ist wegen seines Fleißes und ehrenhaften Charakters hier sehr geschätzt; er geht trotz vorgerückten Alters seinem Berufe mit nie rastendem Eifer nach. Auch seine Gattin, die Ehejubilarin, ist ein Esches chajil nach Spruch Sal. 31,10. Mögen dem Jubelpaare noch viele glückliche Lebensjahre beschieden fein. — Zu Gerichtsassessoren sind ernannt worden die Referendare Emil H u p P und Tr. jnr. et rer. pol. T u ch im Bezirke des Oberlandesgerichts zu Posen. - - Herr Lehrer Behle in Lissa i. P. kann am 1. April d. I. auf eine 25jährige Amtstätigkeit zurückblicken. — Ans Samotschin wird uns geschrieben: Das Ehrenmitglied des Samotschiner Kriegervereins, Herr Kommissionsrat Louis K r o n h e i m in Schneidemühl, hat dem Verein 1000 M a r k Kriegsanleihe mit der Bestimmung s ch e n k u n g s - w eise überwiesen, daß die Zinsen hierfür alljährlich zu Weihnachts-, geschenken au Kindern im jetzigen Weltkriege gefallener Kameraden verwandt werden sollen. ~~ Man schreibt uns aus Wreschen: Aus unser-er nicht sehr zahlreichen Gemeinde sind über 40 Mann zur Fahne einberusen worden. Herr Rabbiner Dr. L e w i n bemühte sich, an jeden der Kriegsteilnehmer zum Purimseste eine Liebesgabe zu senden. In jedem Pakete war ein Schreiben vom Rabbiner beigelegt, in welchem tröstende Worte zum Vertrauen auf Gott und zur Liebe gegen den obersten Kriegsherrn enthalten waren. — Am 19. März vollendete Herr Dr. I m a n u e l Fink in Hamburg sein 60. Lebensjahr. 1885 zu Santomischel, Kreis Schroda, geboren, studierte er in Würzburg und Wien und war 1880 Assistent der Staatsirrenanstalt in A d e r n a ch in Bayern. 1882 ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und ist seit 1891 Spezialist für Hals- und Ohrenleiden. Er ist schriftstellerisch teils feuilletonistisch, teils fachwissenschaftlich unter dem Pseudonym Friedrich Ernst tätig. Mehrere wissenschaftliche Aufsätze unter seinem Namen sind in unserem Blatte erschienen. Seit der Begründung des Verbandes der Literaturvereine gehört er seinem Vorstand an und nimmt an seinen Bestrebungen regen Anteil. Wir entbieten dem Jubilar nachträglich herzliche Glückwünsche. — Die Ortsgruppe München des Jüdischen Frauenbundes hat zwei Nähstuben und zwei Strickabteilungen eingerichtet, in denen über 600 Frauen ständig und einige hundert Frauen vorübergehend Arbeit bei auskömmlichen Löhnen erhalten. Während anfangs alle Erzeugnisse als Liebesgaben Verwendung fanden, konnten später Aufträge von hiesigen Firmen angenommen werden, die dem Verein eine dauernde Beschäftigunn seiner Schützlinge ermöglicht haben. — Die israelitische Gemeinde in Minden beging in der Synagoge eine Erinnerungsseier an die vor fünfzig Jahren geschehene Einweihung ihres Gotteshauses. - Rechtsanwalt Dr. jur. Hans Gold st ein in Herford ist zum Kriegsgerichtsrat mit dem Range eines Hauptmanns ernannt wor den. — Der Eroßherzog von Baden hat für die Zeit vom 1. Januar 1915 bis 1. Januar 1921 den Kommerzienrat Fritz Homburgei in Karlsruhe und den Bankier Max G o l d s ch m i d t in Mannhein zu Mitgliedern des Oberrates der Israeliten, und den Stadtrabbine- Dr. Moritz Stecke lmacher in Mannheim zum Konferenzrabbinei ernannt, ferner die Amtsdauer des Oberratsmitgliedes Professor Dr Alfred Löwy in Freiburg bis zum 1. Januar 1917 erstreckt. — Dir nun von den Russen befreite Hauptstadt der Bukowina, Czernowitz, hat eine Gesamtbevölkerung von 68 000 Einwohnern, wovon 42 Prozen Juden sind. Die Juden von Czernowitz stammen meistenteils von Polen und Rumänien und nur ein kleiner Bruchteil stammt von' Innern Rußlands. Czernowitz hat auch eine spaniolische Ge meinde. Obwohl die jüdische Gemeinde Czernowitz nicht besonders reich ist, besitzt sie manche Synagogen und Institute. In vergange neu Zeiten war Czernowitz der Sitz einer berühmten hebräischen Druckerei. — Am 24. v. M. versammelten sich in Mailand zahlreiche Israeliten aus der Stadt und anderen Orten, um die Lage ihrer Stammesbrüder in Italien und in Europa zu behandeln. Es wurde die Einberufung eines jüdischen internationalen Kongresses in Italien beschlossen und ein Komitee bestellt, dessen Ehrenpräsident der Schriftsteller Sabatoni Lopez und dessen Vorsteher der Advokai Markus Botoffio sind. Für die russischen Israeliten hat David G o l d st e i n gesprochen. Der Sozialistenführer Advokat Momighani Livorno beleuchtete die Lage der Juden in den anderen Staaten, besonders im Osten. — Mit Graf Witte ist der Mann dahingegangen der seinerzeit die einzige Hoffnung aller Vorkämpfer der Menschen rechte und besonders der Juden in Rußland war. Er Pstegte auch persönliche Beziehungen zu einzelnen Juden und trat offen bei jeder Gelegenheit für Erweiterung der Judenrechte ein. Mit seinen. Sturze 1893 setzte eine Zeit bitterster Verfolgung für die russische:' Juden ein, die Pogromära, die das liberale Regime Wittes ablöste In der Leidensgeschichte der russischen Judenheit wird der Name Wittes seinen milden, versöhnenden Klang allezeit behalten. — Die Gegner der Einwanderung nach Amerika sind durchgefallen. Nach der Ablehnung des Gesetzes durch den Präsidenten war eilte neuerliche Abstimmung erforderlich, und zur Beschlußfassung des Ge sctzes war nur eine Zweidrittelmajorität nötig. Am 4. Februar hak der Kongreß über die Bill wieder abgestimmt und sie mit 261 gegen 136 Stimmen bejaht. Zu der nötigen Zweidrittelmehrheit fehlte: also 6 Stimmen. Damit ist dieses Gesetz, welches die Judenfrage und Judennot so schwer verschärft hätte, ins Wasser gefallen. Es sei als rühmenswert hervorgehoben, daß die ganze Judenschaft es als Frage der jüdischen Ehre betrachtet hat, gegen dieses Gesetz anzukämpfen, und man ist in allen jüdischen Kreisen entschlossen, bei der nächsten Wahl gegen die Macher dieses Gesetzes und ihre Stützen zu stimmen. Verantwortlicher Redakteur: Albert Kak in Berlin-Pankow, Floraftraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Walter Wiede rau ff, Berlin 80 36. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.