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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-19 · Heft 12 (19.3.1915) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 12 (19.3.1915)
Date
1915-03-19
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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134 Die Logik, die aus diesen Sätzen spricht, ist höchst eigentümlich. Weil englische und französische Liberale nicht gegen die russischen Greuel protestiert haben, darum soll der deutsche Jude reaktionär zu werden ansangen. Ahnt denn Herr Witkowsky gar nicht, daß die stillschweigende oder lauttönende Billigung des Verfahrens russischer Staatsmänner durch Franzosen und Engländer nur dadurch zu erklären ist, daß sie ihren Liberalismus zum Schweigen brachten, um ihre Bundesgenossen nicht zu betrüben, daß ihr Haß gegen Deutschland so stark war und ist, daß sie sich entschlossen, mit den sreiheittötenden Russen zusammenzugehen in der Hoffnung, die Deutschen zu unterdrücken? Es würde sich nicht lohnen, von dem Artikel des Herrn Witkowsky großes Aufsehen zu machen, wenn er bloß einen politischen Leitartikel geschrieben, eine völlig verkehrte Ansicht aufgestellt und in sehr wenig zutreffender Weise verteidigt hätte. Aber er geht weiter: Er will nicht bloß dartun, daß der politische Liberalismus tot sei, sondern, woran ihm weit mehr gelegen ist, daß es auch mit dem jüdischen Liberalismus zu Ende gehen müsse. Er sagt: . „Dem nivellierenden Einfluß des religiösen Liberalismus widersetzte sich der seelisch anders veranlagte Teil der deutschen Juden. In ihrem heißen Sehnen nach sittlichen und religiösen Werten hatten sie erkannt, daß das Väterideal der Assimilation ihnen weder die innere noch die äußere Freiheit bringen konnte. Was man „Assimilation" nannte, war weit davon entfernt, eine Anpassung an deutsches Wesen, ein sich Einfühlen in deutsche Art herzustellen. Es war nichts anderes als ein neues geistiges Ghetto, das vorgab, in seinen Aeußerungen deutsche Kultur widerzuspiegeln, und doch, von wenigen Ausnahmen abgesehen, künstlerisch, journalistisch, literarisch und politisch ein Zerrbild deutschen Geistes, nicht einmal eine Abart jüdischen Wesens bedeutete. Frühzeitig erkannten die von Natur aus konservativ gerichteten Elemente, daß aus dem kulturellen Wirrwarr schwere Gefahren für das Judentum erwachsen müssen, und daß im Interesse des Deutschtums wie des Judentums eine Entwirrung des jüdisch-deutschen Kulturgemisches erforderlich ist. „In deutschen Dingen deutsch, in jüdischen Dingen jüdisch." In diese Formel zusammengefaßt sind die mannigfachen Bemühungen in einem Teil der jüdischen Presse, den deutschen Juden eine neue politische Orientierung zu geben, die kompakte, innerlich durchaus nicht inehr einheitliche Masse zu differenzieren, sie dem geistigen und politischen Leben Deutschlands wirklich einzugliedern, sie aus ihrer Isoliertheit in die bunte Fülle der vaterländischen Arbeit hineinzuführen. Dabei soll und wird der Wille zum Judentum mit unverminderter Kraft wirksam bleiben. Mit dieser Tatsache muß auf allen Seiten gerechnet werden. Aus sein Schwinden warten, käme der vergeblichen Hoffnung gleich, daß der Untergang der Juden, die als Ganzheit den biologischen Gesetzen von der Erhaltung der Art unterworfen sind, in vorstellbarer Zeit erfolgen könnte." Jeder Satz in diesem Abschnitt ist falsch. Es ist nicht wahr, daß die Assimilation nicht ein „Sicheinfühlen in deutsche Art" dargestellt hat. Wir waren vielmehr auf dem besten Wege, und viele von uns haben es erreicht, durchaus Deutsche zu werden. Es ist unrichtig, von einem jüdisch-deutschen Kulturgemisch unter uns zu reden; eine solche Behauptung könnte man nur von denjenigen wagen, welche Deutsche zu sein Vorgaben und sich doch für Zugehörige eines anderen Volkes, nämlich des jüdischen, hielten. Dies haben wir Liberale niemals getan. Wir kennen kein jüdisches Volk, sondern nur eine jüdische Glaubensgemeinschaft. Wir sind niemals der „bunten Fülle vaterländischer Arbeit" gegenüber isoliert gewesen, wir haben vielmehr im städtischen und allgemeinen politischen Leben, in der Kunst und Wissenschaft, im Handel und Gewerbe stets Schulter an Schulter mit den anderen Deutschen gearbeitet, die sich unsere Mitarbeit sehr wohl gefallen ließen und uns gern zur Mittätigkeit heranzogen. Wir haben eine Umkehr, eine Sinnesänderung, eine Umwandlung unseres Tuns nicht nötig. Für die von Herrn Witkowsky empfohlene Selbstbesinnung danken wir. Wir gehören wahrlich nicht zu denen, von denen man sagen kann, „sie haben nichts gelernt und nichts vergessen". Wir haben vielmehr in diesen schweren Zeiten vieles gelernt und uns auch bemüht, gar manches zu vergessen. Aber unsere Freiheitsliebe, unseren liberalen Sinn wollen wir behaupten in politischen und in religiösen Fragen. Wir bleiben freiheitlich gesinnte deutsche Juden. Wir waren es gewohnt und wollen es fürder gewohnt sein, in deutschen Dingen deutsch zu denken; aber wir kennen auch für jüdische Dinge kein besonderes jüdisches Denken. Uns ist Deutschtum und Judentum so innig verbunden, daß wir beide voneinander nicht trennen können. Wir sind, weil oder obgleich wir Juden sind, vollkommene Deutsche, die niemals ein geistiges Ghetto gekannt haben, sondern die einig mit unseren eine andere Religion bekennenden Volksgenossen Deutsche waren. Wir werden auch in Zukunft unser Judentum liberal ansbilden und volle, ganze Deutsche bleiben. Mr Woche. Berlin, den 16. März 1915. chöne Erfolge werden von O st e n und W e st e n gemeldet. Die wiederholten starken Angriffe der Franzosen in der Champagne sind stets siegreich abgewiesen worden, und zwar dergestalt, daß, wie die oberste Heeresleitung meldet, ein weiterer Angriff von jener Seite nicht zu fürchten ist. Freilich sind unsere Verluste bei diesen Kämpfen schwer (15 000 Mann), aber immerhin bedeutend kleiner als die der Franzosen, die auf 45 000 Mann beziffert werden. Nicht minder erfolgreich wurde im Osten gekämpft. Seit dem Aufgeben der früher von den Deutschen genommenen Stadt Prasznysz sind nicht weniger als 11460 Russen gefangengenommen; große Schlachten haben in der Gegend der Stadt Prasznysz, von der unsere Truppen nur noch 4 Kilometer entfernt stehen, ferner im Augustower Wald und endlich nordwestlich von Ostrolenka stattgesunden, Schlachten, in denen allen unsere Truppen siegreich vorgingen und außer den schon genannten Gefangenen große Siegesbeute erlangten. Bei diesen Kämpfen, die ja freilich nicht als völlig entscheidend angesehen werden können) das heißt nicht als solche, die das Schicksal der sich gegenüberstehenden Heere endgültig bestimmen und eine bedeutende Wendung im Kriege herbeiführen, die aber schon dadurch wichtig sind, daß sie die Zahl der uns entgegenstehenden Kämpfer erheblich mindern und dadurch beitragen, ihren Kampfesmut und ihre Zuversicht zu dämpfen oder zu zerstören, wiederholt sich das alte Spiel, in dem allein unsere Gegner Meister sind. Sie schreiben sich nämlich, obgleich Zahlen und Tatsachen gegen sie sprechen, die Tatsachen, daß sie nicht nur keinen Fußbreit ihres Landes zurückgenommen haben, sondern manche Strecken preisgeben mußten, der Wahrheit Hohn sprechend den Sieg zu, und sie lassen es an Prahlereien nicht fehlen. Wie sie die Beschießung der Dardanellen und die gehoffte Einnahme von Konstantinopel nur als einen neuen Weg, der sie nach Berlin führen könne, betrachten — einen neuen, da die alten, wie sie selbst merken müssen, ihnen verschlossen sind — so wollen sie sich und der Welt glauben machen, daß sie überall die Sieger seien, und daß es in ihre Hand gegeben sei, ihr Land von dem Gegner zu befreien, ja, sein eigenes Gebiet zu besetzen. Wir aber sind, wie wir zu betonen nicht müde werden wollen.

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