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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-26 · Heft 9 (26.2.1915) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 9 (26.2.1915)
Date
1915-02-26
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 involviere. Unter Pogrom versteht man nach den traurigen Ersah-! rungen der letzten Jahre — Raub, Ntord, Plünderung, Notzucht und ähnliche gemeine Verbrechen. Eines solchen Verbrechens habe aber der Bürgermeister durch seinen Auftrag, den Bahnhof räumen zu lassen, sich nicht zuschulden kommen lassen, und er habe daher allen Grund, sich durch diesen Vorwurf in seiner Ehre gekränkt zu fühlen. E i n anständiger, -gesitteter Ate n sch ist ei n e s P o - g r o m s nicht führ g. Dafür sind 'die Pogromhelden die treuesten Verbündeten des großen Kulturvolkes der Franzosen! Die russischere Pogromerfinder sind ihrer treuen Verbündeten auch würdig. Amerika. z. New Nvrt, 28. Januar. Die hier erscheinenden „Jüdischen , Gazetten" veröffentlichen eine Postkarte, die ein Leser des Blattes! aus einem Städtchen in Russisch-Polen erhalten hatte. Sie trägt den Vermerk „Mit Erlaubnis der Zensur" und hat folgenden etwas rätselhaften Text: „Lieber Bruder! Ich kann Dir nicht viel schreiben, aber wenn Du jedes Wort recht verstehst, dann weißt Du genug. Neamis Schwiegertochter hat bei uns. Einkehr gehalten ... Alle Mädchen im Städtchen sind schon gut versorgt ... Elf Juden sind erhöht worden . . . Ueberall, wohin Neamis Schwiegertochter kommt, gibt es ein großes Lachen . . ." Dem gestrengen russischen j Zensor ist es doch entgangen, daß Neamis Schwiegertochter im ' jüdischen Volksmund „Nuß" (Ruth) heißt, von der die Amerikaner wohl wissen, wie sie die Juden „erhöht" und Frauen und Mädchen „versorgt" . . . Das älteste jüdische Journal „Tagblatt" hat die | Idee eines allgemeinen jüdischen Kongresses aufgegriffen und sie! sehr eindrücklich propagiert. Es soll damit ein Forum geschaffen! werden, das die jüdische Frage behandelt und die Forderungen des ' Gesamtjudentums formuliert. Die gesamte Öffentlichkeit begrüßt diese Aktion mit Begeisterung. Die meisten führenden Persönliche fetten haben ihre Mitwirkung zugesagt. Rabbiner Dr. Klein, ein ' Ungar und Führer der konservativen ungarischen Juden in New Ljork, schließt sich ebenfalls der Sache an. Die Palästinafrage soll; ein wichtiger Gegenstand des Kongresses sein, und ist daher die! zionistische Organisation zur Mitwirkung eingeladen worden. Von Msh und Fern. — Ter Inseratenteil dieser Nununer enthält einen vom H i l f s - : verein der deutschen Juden, der G r o ß l o g e für Deutschland VIII 1l. O. B. B. und dem Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden (Frank-; furt a. M.) gemeinsam Unterzeichneten Aufruf zur Schaffung eines * jüdischen Hilfsfonds 1915 für unsere notleidenden Glaubensgenossen in Polen, Galizien und der Türkei, auf den wir unsere Leser an dieser Stelle noch besonders Hinweisen. — St ad t ält ester Dr. Max Weigert, Vizepräsident der Aeltesten der Kaufmann- : schuft und Repräsentant der jüdischen Gemeinde zu Berlin, beging am 18. d. M. sein goldenes Doktorjubiläu m. Aus Anlaß dieses Tages sandte ihm die staatswissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen, von der er vor fünfzig Jahren zum Doktor promoviert wurde, die herzlichsten Glückwünsche unter Erneuerung der Diplome. — Der Berliner Sanitätsrat Dr. I. Lasch ist zum Geheimen ' Sanitätsrat ernannt worden. — Ganz unerwartet verstarb am 18. d. M. - infolge eines schweren Schlagansalls der in weitesten juristischen Kreisen durch seinen Kommentar für das Bürgerliche Gesetzbuch rühm'lichst bekannte Rechtsanwalt am Kammergericht und Notar j Tr. Hugo Neumann im 56. Lebensjahre. Der Verstorbene, ein Schwager des unvergeßlichen Rabbiners Dr. P. Frankl, zeichnete . sich ebenso sehr durch juristischen Scharfsinn wie durch Gewissen-! Hastigkeit in der Handhabung seiner Geschäfte aus. — Die Chewra j Kadischa Groß-Berlin veranstaltete am 21. d. M., dem 7. Adar, mittags 1 Uhr, in der Alten Synagoge, einen öffentlichen Gottes-; dienst, verbunden mit Seelenfeier und Predigt für die verstorbenen ' Mitglieder und die im Kampfe für das Vaterland gefallenen! Krieger. Vorher fand ein gemeinsamer Besuch der Gräber auf j dem Friedhof der jüdischen Gemeinde in Weißensee statt. — Der; bisherige Privatdozent und Oberarzt an der psychiatrischen Klinik! zu Königsberg i. Pr., Professor Dr. med. Kurt Goldstern, wurde! als Abteilungsvorsteher an das Neurologische Universitätsinstitut j in Frankfurt am Main berufen; zugleich habilitierte er sich in der! dortigen medizinischen Fakultät mit einer Antrittsvorlesung über „Die Lokalisation psychischer Vorgänge im Gehirn". — In Ostpreußen sind infolge der Kämpfe auch Synagogen zerstört worden. Soviel bis jetzt festgestellt worden ist, liegen Synagogen in Sol - d a u , O r t e l s bu r g , S ch i r w i n.d t, Norde n b u r g in Trümmern oder verwüstet. Brave Landsturmlente des Landsturmbataillons Briefen haben ans der zerschossenen Synagoge zu Sold a u eine T h o r a r o l l e gerettet und sie durch Feldwebel Mauna (2. Komp, des Bataillons) an die Synagogengemeinde in B r i es e n abgeliesert. — An Stelle des zur Fahne einberufen Lehrers Strauß in Antonienhütte ist Herr Lehrer Braun aus Beuchen O.-Schl. zur Vertretung berufen worden. — Aus Neustadt a. S. wird berichtet: Hier verschied Herr M a x Reis, langjähriger Vorstand der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde und langjähriges Mitglied der hiesigen Gemeindeverwaltung. — In Lage in Lippe fand unter großer Beteiligung die Beerdigung des Herrn Jacob Paradies statt. Seit mehr als dreißig Jahren bekleidete er in unermüdlichem Eifer und Pflichttreue das Amt als Vorsteher der dortigen Synagogengemeinde. — Der in München verstorbene Kommerzienrat Moritz Kirchdörfer hat der israelitischen Kultusgemeinde dortselbst den Betrag von 793100 Mark testiert zur Unterstützung verarmter, in München wohnender Witwen, ohne Unterschied des Glaubens, sowie zur Zuweisung von Zuschüssen an die Wohltätigkeitskasse der Gemeinde und für Unterstützung aller Institutionen, die Erziehungs- und sonstige gemeinnützige Zwecke verfolgen. — Aus Kopenhagen wird uns geschrieben: Georg Brandes ist jetzt Gegenstand der pöbelhaftesten Beschimpfung in der polnischen Presse, er, der feine weit hörbare Stimme stets für die Freiheit Polens eingesetzt hatte, aber nun die Untaten der Polen gegen die Juden scharf gegeißelt hat. Der Antisemit Niemojewski schreibt, daß Brandes nie Fähigkeiten, sondern jüdische Keckheit besessen hat. Er habe die Polen nur gelobt, um ste später besser verraten zu können. — In Budapest ist ein 56 Jahre alter Junggeselle, namens Alfred R o s e n f e l d , gestorben, der sein beträchtliches Vermögen. Humanitären und kulturellen Zwecken testiert hat. So hinterließ er unter anderem der Pester israelitischen Kultusgemeinde 300 000 Kronen, der Akademie der Wissenschaften 40 000 Kronen. Von den Zinsen dieses Kapitals soll alle zwei Jahre ein Preis für ein wissenschaftliches Thema ans dem Gebiet des Gesundheitswesens zur Verteilung gelangen. — Die „Times" in London müssen zugestehen, daß in Rußland jede Niederlage den Juden in die Schuhe geschoben wird. Das „Telephon im Keller der Juden", wodurch sie angeblich den Deutschen die russischen Positionen verraten, ist ein bereits ebenso gut eingeführtes Märchen wie der „Ritualmord". Die „Times" können stolz fein aus die Bundesgenossen, mit welchen Englandgegen die „Barbaren" kämpft. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin - Pankow. Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnlander. Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosse tn Berlin. Grlchättliche Mitteilungen. Zur 109. Wiederkehr des Geburtstages Ferdinand Adolf Langes — 18. Februar 1915 —, des Gründers der sächsischen Taschenuhrenindustrie. Am 18. Februar waren es 100 Jahre, daß Ferdinand Adolf Lange das Licht der Welt erblickte. In ihm entwickelte sich mit der Zeit ein Mann, der durch Einführung der Präzisions-Taschenuhrenindustrie in Glashütte i. Sa. bahnbrechend auf diesem Gebiete wurde. Schwer war der Anfang, in dem damals ärmsten Bergstädtchen Sachsens, Hilfskräfte heranzuziehen, jedoch verstand es Lange durch zähe Ausdauer, seine Fähigkeiten und schöpferisches Talent, tüchtige Leute auszubilden, mit denen er, unterstützt durch die sächsische Regierung, seinem Vaterlande einen neuen, lohnenden Erwerbszweig zuführre. Durch eisernen Fleiß, selbsterfundene oder verbesserte Maschinen, Einführung der von ihm erfundenen Fühlhebelapparate, die Messungen von oinern Zehntel bis einem Hrmdertstel Millimeter zulassen, war es möglich, die einzelnen Uhrteile mit mathematischer Genauigkeit herzustellen, und so der deutschen Industrie auch auf diesem Gebiete einen neuen Zweig einzufügen. Die Regulierung der Uhren in verschiedenen Temperaturen vervollständigt das Ganze. Eine Erweiterung der Fabrikation erfolgte später durch Herstellung von Marinechronometern, so daß deutsche Schiffe jetzt auch deutsche Chronometer an Bord führen können. Der Name Lange glänzt in seiner Schöpfung fort, und das deutsche Volk erfüllt nur eche Ehrenpflicht, wenn es Adolf Lange seiner großen Verdienste um die Förderung der deutschen Industrie wegen ein dankbares Andenken bewahrt. Anläßlich des 50 jährigen Bestehens der sächsischen Taschemchrenindustrie errichtete ihm die Stadt Glashütte ein Denkmal.

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